Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1904)
- Date
- 1904-01-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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95 veranlassen, gegen die Juden Feindseligkeiten zu begehen. Zu diesem Zwecke mutz er erst aufgereizt werden. Man kann die christliche Bevölkerung zu der UeLerzrugung bringen, daß der Aar dies oder jenes wünsche. So waren die Bauern, welche die Güter der Adligen im Gouvernement Poltawa «griffen, der Anstcht, dass das der Wille des Kaisers s«. Der Verfasser war nach der Ermordung des Kaisers Alexander II. während der Juden Hetze in Kiew anwesend und fragte verschiedene Angreifer, was sie gegen die Juden hätten, und die Antwort lautete stets: .Die Juden haben unseren Zaren ermordet." Alk waren auch überzeugt davon, daß der Angriff, wenn auch nicht formell befohlen, doch autvristrt war. Darin wurden sie noch durch die Passivität der Truppen bestärkt. So ist es heute noch. Die größte Schuld tragt jedoch die antisemitische Presse, und wenn dir Bauern lesen, daß in den amtlichen Auslassungen die Juden als Angreifer der (Christen bezeichnet werden, wie dies nach den Judenhetzen in Kischinew und Home! geschah, dann beginnen sie offen von neuen Angriffen aus die Juden zu sprechen. Mit Bezug auf eine feindliche Politik gegen die fremden Nationalitäten ist die Regierimg einig mit den einflußreichsten Kreisen der russischen Gesellschaft. Die Bestrebungen der russischen Rationalisten sind stets gegen die Juden gerichtet gewesen, da diese unter keinen Umständen für die Auffassung von der altrussischen Suprematie gewimnen werden können. Die Handwerker fiirchten die jüdische Konkurrenz und deßhalb machen sie mit den Nationalisten gemeinsame Sache. Das eigentliche Rückgrat des russischen Antisemitismus liefern nicht Bauern und Arbeiter, sondern die wohlhabenden oberen und mittleren Klassen sowie <in gut Tbeil der profeffioneucn Leute. Allerdings giebt es auch unter den russischen Liberalen Freunde der Juden und unter den höchsten Verteuern der russischen L Literatur. Kunst und Wissenschaft ist kaum ein Antisemit zu finden. Der frühere Finanz minister Witte hat in einem geheimen Memoire die Aufhebung aller Beschränkungen mit Bezug auf die bürgerlichen Rechte der Juden in Rußland empfohlen, und zwar lediglich aus ökonomischen Gründen. Ofatecd) dies zu einer Zeit geschah, als Witte auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, erwies sich doch der Rationalismus damals mächtiger. F. Petersburg, im Jan. Trotz der Versicherung des Herrn v. Plehwe, in Kischinew sei alles ruhig, sehen die Juden Bessarabicns der nächsten Zukunft nichts weniger als ruhig entgegen. In der am ersten Januar d. I. in London stattgefundenen Sitzung der „Anglo Jewish Association" und des.Board of Deputies" brachte Chief Rabbi Dr. Adler das Schreiben einer hervorragenden russffcheu Persönlichkeit zur Verlesung, welches mit dem der Bibel entnommenen Hilfsrufe schließt: «Helfe uns, denn dis Wasser ist uns schon bis an das Leben gekommen!" Es wurde darauf eine Bittschrift an das auswärtige Amt beschlossen, in welcher dasselbe gebeten wird, alle zur Verhinderung einer Erneuerung der Judenmassacres in Kischinew geeigneten Schritte bei der russischen Regierung zu thun, um so das englische Judenthum sowohl wie auch die armen Juden in Kischinew selber zu beruhigen. Den gleichen Schritt haben bekanntlich auch die Repräsentanten des Judenthums in Washington gemacht, und es steht zu erwarten, daß es dadurch wirklich gelingen wird, von den Juden Kischinews neues Unheil abzuweuden. Dies ist umso wahrscheinlicher, als Rußland in Folge der Verwickelung in Ostasien jetzt mehr denn je auf die Sympathien der gesammten Culturwelt angewiesen ist. Daß die russische Regierung wirklich entschlossen ist, diesmal den Exzedenten energisch entgegen zu treten, und jeden Versuch zur Veranstaltung eines Krawalls im Keime zu ersticken, beweist auch die Ansprache, welche Fürst Urussow, der Gouverneur von Bessarabien, an die vom Kischinewer Schwurgerichte freigesprochcncn Exzedenten gehalten hat. Der Fürst, der der Urtheilsverkündigung beigewohnt hat. traf beim Verlassen des Gerichtsgebäudes auf dem Korridor mit den 12 Freigesprochenen zusammen, denen er folgende kurze aber eindringliche Strafpredigt hielt: „Ihr habt diesmal Glück gehabt," sprach der Gouverneur, „und seid freigesprochcn worden. Denkt jedoch daran, daß nicht alle Tage Wunder passiren. Laßt Euch nicht zum zweiten Male durch Lügengerüchte verführen, und vergeht nicht, daß Ihr das Zuchthaus mit dem Aermel gestreift habt. Ich freue mich sehr, daß es Euch diesmal noch gelungen ist, die Richter von Eurer Unschuld zu überzeugen, und ich wünsche Euch Glück dazu. Solltet Ihr jedoch in einer ähnlichen Sache noch einmal mit den Gerichten zu thun bekommen, so könnt Ihr Euch darauf gefaßt machen, daß die Anklage, von der Ihr eben freigesprochen wurdet, als erschwerender Umstand angesehen und Euch voll angerechnet werden wird." Wir können uns kaum denken, daß eine solche Ansprache bei dem Kischinewer Pöbel seine Wirkung verfehlen sollte. Weniger günstig, als in Kischinew. ist die Lage der Juden in Hömel, wo unsere armen Glaubensgenossen zwar nicht durch die Furcht vor neuen Krawallen, dafür aber durch das überaus feindselige Verhalten der Behörden in beständiger Angst gehalten werden. Neuere Berichte melden, daß in jüngster Zeit weitere zehn Juden gefänglich eingezogen wurden, so daß bei den bevorstehenden Prozessen wegen Theilnahme an einem Krawalle gegen die — Christen im Ganzen 21 Juden als Angeklagte figuriren werden. Weitere Jgdenverhaftungen werden nicht ausbleiben, da von der Untcrsuchungsbehörde eifrig auf Juden gefahndet wird, denen man wegen Theilnahme an der zu einem „Krawall" aufgebauschten Schlägerei am 29. August v. I.