Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1904)
- Date
- 1904-01-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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9i Verhältnisse, aus denen sie erwachsen, die bleiben. Vorläufig hat sich darin auch noch nichts geändert. Erst eine etwa kommende staatliche Versorgung aller jüdischen Lehrer und Kultusbeamten oder eine sich in der Zukunft etwa darbietende gleichwerthige staatliche Versorgungsgelegenheit vermöchte darin einen Wandel herbeizuführen. Wir thun aber nicht gut,, unser praktisches Versorgungsstreben schon heute durch Kalküle solcher noch in sehr weiter Ferne liegenden Möglichkeiten zu beschweren. Die freundlichen Worte des Verbands-Vorstandes in seinem letzten Jahresberichte für unsere provinzialen Hilfskassen vermögen uns aber für unsere praktischen Bedürfnisse am Ende doch nicht zu genügen. Wir müssen auch T h a t e n sehen, die dieser löblichen Gesinnung entsprechen. In solchem Sinne verlangen wir von dem Verbandsvorstande zunächst eine kritischeStellung zu der V. P. K., die in ihrer gegenwärtigen Form nicht nur als ein Element möglicher Schädigung für unsere Hilfskassen anzusehen ist, sondern auch bei ihrer zeitigen Wirkungsweise so gar nichts zur Förderung unseres Versorgrmgswcsens im Ganzen beizutragen vermag. Wir hallen da — abgesehen von unserem prinzipiellen Standpunkte in der Rechtsfrage bezüglich der Bestimmung über die Kasse — auch sachlich an dem fest, was die letzte Delegirten-Versammlung hinsichtlich der Verbesserung der Verbandskassen-Wirksamkcit festgesiellt hat. Wir verlangen weiter die E r r i ch - tung einer ständigen Kom:aission zur Bearbeitung aller Angelegenheiten unseres Versorgungswesens. Wir verlangen endlich die Veranst a l t u n g von regelmäßigen Zusammenkünften der Vertreter unserer sämmtlichen Lehrer- Versorgungskassen (am besten im Anschluß an die Delegirtentage) zur Berathung und Verständigung über alle Fragen der speziellen Kasseninteressen, wie einer allgemeinen Förderung unseres Versorgungswesens. Wir erhoffen davon in nicht zu langer Zeit auch die Herbeiführung eines einheitlichen Versorgungswirkens aller Versorgungs-Institutionen nach gemeinsamem Plan. Wir hätten unsere Forderungen im Interesse eines erhöhten Versorgungswirkens auch ausdrücken können mit den Worten, die das Verbandsstatut diesbezüglich enthält. Es wird da dem Verbands-Vorstande ausdrücklich zur Pflicht gemacht: „sich Kenntniß von der Lage der verschiedenen Unterstützungskassen zu verschaffen, diese in der Verfolgung ihrer Aufgaben zu fördern und die Beziehungen der einzelnen Kassen zu einander zu beleben." Damit ist auch in unserem Sinne alles gesagt. Ad. P e r i tz - Königsberg i. Pr. Zc?irrngs«achrichten tttrt» Correspondeirzerr. Deutschland. Kobnlagora, 1Z. Jan. Eine seltene Auszeichnung ist unserem Glaubensgenossen, Herrn Wolfs Hirsche! von hier zu Thcil geworden. Demselben wurde dieser Tage von dem hiesigen Distrikts-Kommiffarius. Herr Pallaskr. im Aufträge des Herrn Landrath Geh. Regierungsrath v. Doemming zu Schildberg vor dem Forum des Ortsvorstandes die ihm von Sr. Majestät denr Kaiser für seine dreißigjährigen treuen Dienste als Ortsvorsteher der hiesigen Gemeinde verliehene Verdienst-Medaille feierlichst überreicht. Rußland. Petersburg. (Ein russischer Nationalökonom über die Stellung der russischen Juden.) In der Januarnummer von „The Monthlv Review" veröffentlicht der hervorragende russische Nationalökonom Herr Tugan-Daranolvski einen Artikel über den „Antisemitismus in dem gegenwärtigen. Rußland" und stellt dabei auf Grund langjähriger Erfahrung auf dem Lande fest, daß die Quelle dieses Antisemitismus nicht im Hasse der Arbeiter gegen die Juden zu suchen sei. Tausende von Juden, iührt der im Gouvernement Poltawa lebende Verfasser aus. leben seit Jahren unbclästigt unter den Bauern, von denen jeder Einzelne jeder Zeit diesem Verkehr ein Ende machen könnte, wenn er wollte. Die Haltung der Bauern gegenüber den Juden ist eine ausgesprochen freundliche. Es ist oft von dem jüdischen Wucherer die Rede, allein der Wucherer muß doch ein wohlhabender Mann sein — der arme jüdische Kolonist, der unter den kleinrussischen Bauern lebt, kann aber sicher keinen Kredit geben. Dagegen hört man in der Gegend, in der der Verfasser wohnt, viel von russischen Grundbesitzern, die Wucher treiben. Die meisten jüdischen Dörfler sind Kleinhändler und es unterliegt keinem Zweifel, daß der jüdische Zwischenhändler dem indolenten Bauern viel Mühe und Kosten erspgrt. Andere Juden sind Schneider, Schmiede u. s. w. Die Austreibung derselben würde die Bauern in eine unbequeme Lage versetzen; letztere begreifen dies auch sehr wohl und sie sind nicht für eine Beschränkung der Ansiedelungsrechte der Juden; jüdische Kinder besuchen di? Dorfschulen. Allerdings ist der Jude in den Augen der Bauern, schon wegen des Religionsunterschiedes, ein Fremder, wenn auch kein Feind; der kleinrussische Bauer hält sich für etwas besseres als der Jude. Trotzdem fühlen letztere sich nie sicher. Da ist zunächst der Religionsunterschied, allein dieser Umstand ist nicht genügend, um den Bauern zu