Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1904)
- Date
- 1904-01-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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S.S Reiter, Rosa Einstein, Jda Reiter und Fanni Sänger verdient. Oesterreich. Wien. (Die Budgetdebatte der hie- , sigen Kultusgemeinde.) In der Generaldebatte zum Budget spricht zunächst Kultusvorsteher Hermann E l t b o g e n. Der Voranschlag schließt mit einem Defizit von 108,000 Kronen, und dieser Umstand wird nun in so düsteren Farben gef stldert, daß man zum Schlüsse kommen mußte, die extremste Sparsamleit üben zu müssen. Redner findet leinen Grund zur Mißstimmung, bis jetzt war noch kein Defizit zu verzeichnen. Bei Erhöhung der Kultussteuer versprach der Kultusvorstand zunächst für den Gottesdienst seiner Steuerträger zu sorgen. Wenn aber ein Bethausverein, der die Erfüllung der Pflichten des Kultusvorstandes übernimmt, eine Subvention verlangt, so entsteht sofort ein großer Lärm und der Bethausverein wird einfach abgewiesen. Redner habe bereits vor Jahresfrist den Antrag eingebracht, daß die Gemeinde sich der jüdischen Pfleglinge des Findelhauses annehme, damit sie dem Judenthume erhalten bleiben. Der Antrag schlummert noch immer in der Sektion, auch der Unterricht ist sehr mangelhaft, und die Lehrer schlecht bezahlt. Die Kultusgemeinde habe die Pflicht für all die übernommenen Verpflichtungen zu sorgen, und geht es nicht anders, müsse man zu diesen Zwecken ein Darlehen anfnehmen. Der Vorsitzende kaiserliche Rath Heinrich Klinger erwiderte sofort und wies darauf hin. daß die Gemeinde vor nicht allzu langer Zeit so schlecht bestellt war, daß man sogar gezwungen war, Stiftungsgelder zu entlehnen. Man müsse der Gemeinde Zeit lassen. Oberfinanzrath Dr. Rappaport polemisirt. gegen E l t b o g e n und versucht den Nachweis zu erbringen, daß der Kultusvorstand nach jeder Richtung bin seiner Pflicht nachqekommen sei. Solche Beweise sind für die Ausgestaltung des Gottesdienstes, die Anstellung dreier Rabbiner mit jährlichen Kosten von dreißigtausend Kronen, für die Hebung des Unterrichts, die öffentlichen Vorträge dieser Rabbiner u. s. w. Wie sei aber, ruft Redner aus, das Defizit zu decken (E l tbogen zwischenrufend: 6 sl. Steuer. Solo Cohn: Redensarten, nichts als Redensarten, Ravpaport:) Wir haben die fakultative Steuer von 8fl. eingeführt, und da haben wir gesehen, welches Interesse die Juden für ihre Kultusangelegenheiten haben, im Ganzen haben sich drei Mann gemeldet, diese Steuer zahlen zu wollen. Es müsse bis zum Aeußersten gespart werden, und er könne melden, daß ein eigenes Sparkomitee eingesetzt worden sei. und ein besonderes Sparkomitee für das Spital. Im Wege der Kultussteuer können die Einnahmen nicht mehr erhöht werden, da schon gegen die letzte Vorschreibung nicht weniger als zweitausendzweihundert Rekurse eingebracht wurden, von denen die meisten noch nach letztinstanzlicher Entscheidung von ihrem Vorstellungsrechte Gebrauch machten. Salo Cohn polemisirt auch gegen Eltbogen und tritt ebenfalls für die äußerste Sparsamkeit ein. Die weitere Erhöhung der Kultussteuer sei unmöglich, denn bei manchen beträgt diese Erhöhung gegen früher bereits 200—300 pCt. Heute sind wir einfach auf die Pietät und Charakterstärke der Steuerzahler angewiesen, denn es gehören wirklich diese Eigenschaften dazu, um noch Kultussteuern zu zahlen, man braucht sich nur abzumelden, um nicht zahlen zu müssen. .Steigern Sie jo nicht die Steuern, sonst werden wir noch Unannehmlichkeiten erleben, mir spart man noch zu wenig." Kultusvorsteher Kauders unterzieht das ganze Gebühren der Kultusgemeinde einer scharfen Kritik^ der Religionsunterricht ist unzulänglich, denn die zwei' Stunden wöchentlich reichen nicht hin, die Mikwah befindet sich in einem unglaublichen Zustande und der Kultusvorstand müsse, wenn auch im Wege eines Darlehens, seiner diesbezüglichen statutenmäßigen Pflicht Nachkommen. Am schlechtesten bestellt aber ist die Fleischfrage. Wien ist die einzige Stadt auf dem Kontinent, wo man, mit Ausnahme von zwei, drei orthodoxen Gasthäusern. kein koscher Fleisch bekommt, das ist einfach eine Fopperei! Wir müssen viel zahlen und bekommen kein koscher Fleisch. Ihnen mag das lächerlich erscheinen, aber wir haben die Pflicht, dafür Sorge zu tragen. Die Bethäuser müssen unterstützt werden. Zum Schlüsse zollt Redner der Armenversorgung der Kultusgemeinde seine Anerkennung. Der Vorsitzende bemerkt zu den Ausführungen Kauders. daß die Mikwa nicht von der Tagesordnung abgesetzt sei. Baurath v. Goldschmidt schließt sich den Ausführungen Ellbogens an. Vernünftige Sparsamkeit sei erwünscht, aber für Kultusnotbwendigkeiten müsse Geld vorhanden sein. Ich war im Mikwa-Komitee, ich weiß nicht, ob ich noch darin bin, aber diese Frage müsse bald geregelt werden. Redner wendet sich nun in scharfem Tone gegen seine Kollegen wegen Verschleppung der Gründung eines Krankenpflegerinnen-Jnstituts. welche noch zur Zeit des Kaiserjubiläums beschlossen wurde, ferner bemängelt er die Systemlofigkeit der BethauSgründungen. Dr. Markus Spitzer unterzieht ebenfalls das Gebahren des Kultusvorstandes einer eingehenden Kritik. Gegen v. Goldschmidt gewendet meint Redner, wenn sein System befolgt würde, hätten wir seit 1889 — seit dieser Zeit hat die Gemeinde keinen Tempel gebaut — kein neues Bethaus in Wim bekommen. Er tritt für die Errichtung eines Tempels am Bolkert ein. Die Privatunternehmungen seien nach und nach zu eliminiren. Wir sind verpflichtet, das religiöse Gefühl sämmtlicher Gemeindemitglieder zu berücksichtigen, wir