Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1904)
- Date
- 1904-01-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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4—6 Kinder in der Familie ist die gewöhnliche Durch- , schnittszahl. Die Kinder besuchen die hiefigen Schulen und sind den anderen Kindern nach jeder Richtung hin gleichgestellt. Zu Wohlhabenheit haben es diese Parias unter den Juden zwar nicht gebracht, aber sie haben alle ihr Auskommen und machen Ersparnisse und mancher Thaler wandert nach Hause, bestimmt für Frau und Kinder, oder für den alten Vater oder Mutter, die daheim in Armuth und Elend leben. Zu Ostern oder Neujahr macht mancher seine Heimreise, um wieder zu kommen und frisch ans Werk zu gehen. - Das größte Kontigent an Hausirern, die sich hierzulande ihr Brod suchen, stellt die Gegend zwischen Tarnow und Krakau; sonst sind sie aus allen Theilen Galiziens hergewandert. Sie wohnen in Straßburg in den ärmeren Theilen der Altstadt, da. wo die Miethe billiger; dafür sind auch die Gassen eng und mittelalterlich und die Hauser, von denen die meisten schon einige hunderte Jahre alt sind, entbehren zum größten Theile aller Bequemlichkeit. Am Samstag Nachmittag sieht man die Männer oft in kleineren und größeren Gruppen beisammen stehen — genau wie in der Heimath — und diskutjren über Politik. Geschäft und anderes. Und die Mädchen durchziehen Arm in Arm die stilleren Theile der Stadt, stille Gesänge vor sich hinsummend. Gesänge, die mit ihren orientalischen Weisen uns tief zu bewegen im Stande sind. Und fragst du. liebe Leserin oder Leser, woher seid ihr Männer und Frauen und Mädchen, du wirst nie die Antwort: „Galizien" erhalten; so sehr sie auch ihr Heimathland lieben: „Aus Oesterreich". So unbedeutend dieser Hinweis auch scheinen mag. so spricht er doch eine gar beredte Sprache. Fern von der Heimath seid ihr und habt hier eine — bessere Heimath gefunden. Unbehelligt könnt ibr hier von Stadt zu Land und von Gehöft zu Gehöft ziehen. Es blickt euch hier kein zorniges Auge nach: kein Fluch begleitet euch und keine Faust ballt sich euch drohend entgegen/ Ter Elsässer und der Lothringer, die haben goldene Herzen, dazu ist dir Regierung des Reichslandes eine äußerst liberale. Gesegnet sei darum Elsaß und Lothringen! Saarbnrg i. L., 11. Jan. Herr Sylvain B e r r, der Präsident der hiefigen Israelitischen Gemeinde, wurde zum Bürgermeister gewählt. Von 22 abgegebenen Stimmen erhielt derselbe 17. Herr Berr ist bereits 30 Jahre im Gemeinderath und seit zehn Jahren erster Beigeordneter. Da Saarburg eine starke Garnison-(über 4000 Mann Militär) als Grenzstadt besitzt, ist der Posten immerhin ein sehr wichtiger.! Italien. Manand. Aus dem LebeneinesFin a n z m a n n e s.) Ter „Fkf. Ztg." wird geschrieben: Der unlängst in Florenz verstorbene Finanzmann Horace Landau hatte eine merkwürdigen Lebensweg zurllckgclegt. Im Jahre 1825 in „einer Höhle, einem Mauseloch" im schmutzigen Ghetto von Odessa geboren, kam er als junger Mann in ein Handelshaus nach Triest mit einem Monatsgehalt von 125 Franken. Es glückte ihm bald darauf, eine Stellung als Volontär mit halbem Gehalt beim Bankhaus Rothschild in Paris zu erhallen. Man war mit ihm so zufrieden, daß man ihn einige Jahre später mit der Turiner Vertretung des großen Bankhauses betraute. Hier gelang es Landau, durch seine Tüchtigkeit und Discretion das Vertrauen des Königs Viktor Emanuel H. zu erwerben. der ihn mit Angelegenheiten der zartesten Natur betraute. Spater, als Italien geeinigt war. schloß Landau die berühmte Fünfhundertmillionenanleihe ab. Im Jahre 1880 zog sich Landau von den Geschäften zurück und lebte seitdem in seinem Junggeselleuheim in der Villa „Pietru", die, vom früherem Besitzer Lord Normanbv prächtig ausgestattet, drei Kilometer von Florenz auf der Landstraße nach Äologna liegt. Alljährlich unternahm er eine Reise nach Monte Carlo, um dort zu spielen. Er hatte aber wenig Glück damit, wurde stets unruhig und verlor sein Geld. Mehr Erfolg hatte er als Sammler. In seiner Villa vereinigte er die herrlichsten Porzellanstücke von Si-vres, Meißen. Wien und Capodimonte, Bronzen, Gemälde der flämischen Schule und Miniaturen, unter ihnen fünf oder sechs von Jsabey. dem berühmten Miniaturisten Napoleons I. Besonders werthvoll ist Landaus Bibliothek. Sie enthält zahlreiche Erstdrucke, Florentiner, Plaketten aus dem fünfzehnten Jahrhundert, berühmte Einbände und künstlerische Handschriften aus allen Zeitaltern. Unter anderem umfaßt die Bibliothek auch fast alle Ausgaben der berühmten Florentiner Druckerei S. Jacopo di Ripoli. Eigenartig ist auch eine sehr umfassende Auswahl von solchen Werken, die von der Zensur und besonders der Jndexkongregation verboten oder verstümmelt worden sind, und von Streitschriften gegen Papstthum und Klerikalismus, besonders aus dem Reformationszeitalter. Endlich enthält sie die ersten Erzeugnisse der Kupferstechkunst, die ersten musikalischen Ausgaben, viele alte Volksbücher und Ritterromane. Landau hatte wiederholt durchblicken lassen, er werde seine Bibliothek der Stadt Florenz hinterlassen. Das hatte ihm wesentlich seine Verhandlungen mit den Verkäufern, dem Fiskus und den Kunsterhaltungsämtern erleichtert. Zur allgemeinen Verwunderung vermachte er aber seine Schätze 32 über die ganze Erde zerstreuten Erben mit der Bestimmung, daß jeder von ihnen, der sich wegen seiner Hinterlassen- 1 schüft prozcssirend an die Gerichte wenden würde»