Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1904)
- Date
- 1904-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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63 unterdrückt werden soll, aber wohl hat er Berechtigung gegen die Lehrmeinung, daß die Menschen Altruisten und zwar es aus Furcht vor dem geliebten Nebenmenschen sein sollen. Der Mensch soll einem Gott sein, denn er ist ein Raubthier! Wird ein solches Schwachegefühl das erwünschte Resultat erzielen? Wird nicht vielmehr der Trieb der Selbstsucht überall siegen, wo das Bewußtsein der Schwache gar nicht oder nur in schwachem Maße wirksam ist? Es ist meiner Ansicht nach weit konsequenter, wenn man dem Menschen zur Pflicht macht, dieses Gefühl der Schwäche ganz zu überwinden, als umgekehrt, wenn man ihn sagt, daß er schwach bleibe, um gut sein zu können. Es' würde uns zu weit führen, alle Konsequenzen, die sich aus einer derartigen Moralphilosophie ergeben, auszumalcn. Diese Lehre bedarf keiner Kritik, sie kritisirt sich selbst am besten. Wir hätten sie auch nicht angeführt, wenn wir nicht der Ueberzeugung wären, daß sie die einzige ist, die ihren Prinzipien treu bleibt. Denn alle anderen Lehren werden ihren Grundprinzipien untreu, wenn sie daran gehen, sie zu begründen. Wir sind nun bei dem Punkte angelangt, auf den es im tiefsten Grunde alle Ethiker unserer Tage absehen, bei dem Punkt, von dem die Strömungen im ethischen Gedankenleben unserer Gegenwart ausgehen. Kant macht nämlich folgende für die ganze Folgezeit matz- und richtunggebenden Unterschiede. Die Pflicht als Triebfeder des Willens, sagt er, bildet den Inhalt und Charakter der Sittlichkeit, die Pflicht als Gegenstand des Glaubens bildet den Inhalt der Religion. Nicht der Glaube wird zum Inhalte der Pflicht, sondern die Pflicht wird zum Inhalte des Glaubens. Die sittliche Geltung der Pflichten ist nicht bedingt durch die religiöse. sondern umgekehrt, nicht weil sie göttliche Gebote sind, gelten sie als Pflichten, sondern weil sie Pflichten sind, darum gelten sie als göttliche Gebote. Wenn die Sittenlehre von der Glaubenslehre abhängig gemacht wird, so entsteht die theologische Moral, wenn dagegen die Glaubenslehre von der Sittenlehre abhängt, so entsteht die Moraltheorie. Die theologische Moral ist aber minderwerthig, sie ist Heteronom. und nur eine von jeder Tehologie und jeglicher Religion freie Sittlichkeit ist autonom. „Denn, so führt ein Denker unserer Tage aus. „so lange ich an einen theistischen Gott glaube, der mich sammt der Welt geschaffen, und dem ich gegenüberstehc, wie das Gefäß dem Töpfer, so lange bin ich nichts gegen ihn, eine Scherbe in Seiner Hand, und kann meine Sittlichkeit in nichts Anderem bestehen, als in der strikten, blinden Unterwerfung unter den allmächtigen, heiligen Willen dieses transcendenten Gottes, d. h. so lange kann alle Moralität nur auf dem von außen an mich herantretcnden Gebet beruhen, oder Heteronom sein. Nun fängt aber-die wahre Sittlichkeit erst mit der sittlichen Autonomie an, und die heteronome Moral, wie werthpoll sie auch als Erziehungsmittel für Unmündige sein mag, wird zur unsittlichen Bekämpfung der wahren und alleinigen Sittlichkeit, wenn sie sich an deren Stelle setzt. Da nun aber der Theismus kein Moralprinzip über oder neben dem göttlichen Wesen dulden darf, so muß alle theistische Ntoral notwendig unsittlich wirken, insofern die Bildung schon bis dahin fortgeschritten ist, daß die für die sittucye Autonomie nothwendige Reife des Geistes erlangt ist. Das moderne sittliche Bewußtsein ist sich nun aber darüber ganz klar, daß Handlungen, die nur gehorsame Ausjüyrungen eines fremden Willens sind, niemals einen sittlichen Werth im eigentlichen Sinne beanspruchen können, vielmehr die moralische Bedeutsamteit erst bei der selbstgesetzgebenden Selbstbestimmung unfängt." Hier haben wir also die Beweggründe, die die Ethik unserer Tage in eine solch scharfe Opposition gegen die Religion zu setzen wußte, hier die Quelle, aus der der Gegensatz seinen Ursprung nimmt. Es ist der Stolz des Menschen auf sein Menschenthum, der ihn keine fremden Gesetze zu befolgen gestattet. Jeder fremde Wille wird als drückend empfunden und die Unterordnung unter ihn als eine Art Entwürdigung angesehen. Es ist dies einerseits das beste Zeugnis das den Religionen ausgestellt wird, andererseits aber müssen wir leider gestehen, daß diese Vorzugsnote noch etwas verfrüht ist. Besteht doch darin die Weisheit des Gesetzgebers, sich selbst überflüssig zu machen und die Güte der Gesetze wird eben durch den Umstand dargerhan, daß man sie nicht als Gesetz, sondern als etwas Selbstverständliches und Selbstgewolltes empfindet. Es wäre daher die Krönung der religiösen Bestrebungen, die köstlichste und reifste Frucht an dem religiösen Erziehungsbaume ' des Menschengeschlechts, wenn die Wahrheiten und Pflichten, die Normen und Gesetze, die die Religion der Menschheit gegeben, zu einem solchen Gemeingut der Menschheit geworden wären, daß man sie nicht mehr als Religionsgesetze und Religionsnormen empfände, sondern als Gesetze und Pflichten des eigenen Ich, als nothwendig und ewig gültige Resultate des eigenen Wesens. Ueberflüssig wären die Religionen auch dann noch nicht, denn es wäre noch immer zu befürchten, daß mit der Zeit andere Motive wirksam würden, die diesen Erfolg der Religionen gefährdeten, daß wenn man den Ursprung aller Gesittung vernachlässigen oder gar ganz der Vergessenheit anheimgcben würde, die Gesittung allmählig in andere Bahnen gelenkt, und Sittlichkeit zu sein aufhören würde. Aber wir halten noch lange nicht so weit. Und daß wir nichtso weit halten, beweist uns einerseits die trübe Erfahrung, die wir täglich und stündlich machen, die Erfahrung, daß der Mensch noch gar weit entfernt ist von seiner Menschenbestimmung, die Erfahrung, daß man selbst bei den sog. Kulturmenschen unter der Hülle den Wilden finden kann, die Erfahrung, daß hinter, der Menschenmaske die Bestie in alter Kraft wirksam