Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1904)
- Date
- 1904-01-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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64 I ist. die Erfahrung, daß Rohheit. Bosheit. Gemeinheit und Niedrigkeit nicht so selten sind, wie man nach der Forderung annehmen sollte, daß der Mensch sein eigener Gesetzgeber sein solle. Wir würden bald eine Umwerthung der Werthe erleben und die Sache würde sich zweifellos so stellen, daß nicht dasjenige, was sittlich ist, Gesetz würde, sondern es wäre das sittlich, was den Menschen als Gesetz genehm wäre. Andererseits aber beweist uns ein Blick auf die ethischen Theorien der religionslosen Ethiker, zu welch' ärmlichen und kläglichen Resultaten der Versuch, die Ethik aus sich heraus zu gestalten, führt. Dieses stolze „aus sich heraus" ist eum grano salis zu nehmen. Denn es sind doch nur blaffe Copien der religiösen Ethik, die uns geboten werden, und diejenigen, die sich am heftigsten dagegen verwahren, daß man die zwei Sachen Ethik und Religion miteinander verquicke^ haben alle ihre Anregung .aus der Religion geholt. Und es ist auch nicht anderes möglich. Unsere Gefühle, .Gedanken, unser ganzes Leben sind so sehr von der Religion beeinflußt. daß wir schlechthin keine Ideale finden können, die nicht aus ihr stammen, es sei denn, daß man gegen beffere Ueberzeugung und besseres Empfinden direkt antireligiöse Ideale aufstellt. Die ganze Menschheit, die ganze gesittete Menschheit, steht im Banne religiöser Ideen, denn die.Religionen haben der ganzen Entwicklung der Menschheit ihr Gepräge gegeben, und der ganze Werdegang der Menschheit trägt ihren Aichstempel. Eine sinnige griechische Mythe erzählt uns. daß Kronas seine eigenen Kinder verzehrt, wir erleben das Umgekehrte. Die Kinder wollen ihre Mutter verzehren, ihre Mutter, die sie erzogen, und die ihnen Alles gegeben, was ihnen theuer und werth ist. Sie dünken sich erwachsen und glauben, sie entbehren zu können, aber verwaist irren sie umher, finden den Weg zur Wahrheit nicht und nur ein kindischer Trotz hält sie zurück, zur Mutier zurückzukehren. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 10. Jan. In der Repräsentantensitzung fand vor Eintritt in die Tagesordnung eine Feier aus Anlaß des 25jährigen Amtsjubiläums des Vorsitzenden .des Gemeindevorstandes. Herrn Julius I a c o b y, statt. Nach Absingung eines Liedes hielten die Herren Gustav L ö w e n b e r g, Martin Simon und Geheimräth B l u m e n t h a l Ansprachen. Die Rede des Herrn Vorstehers Martin Si m o n geben wir hier wörtlich wieder: ' ' Ein viertel Jahrhundert ist seit dem Tage verflossen. an welchem der allverehrte Senior unserer Verwaltung. Herr Julius I a c o b y. durch das Vertrauen der Repräsentanten-Versammlung in den Gemeindevorstand berufen und mit unvergleichlicher, geradezu jugendlicher Frische waltet. Es entspräche wohl der Bedeutung dieses Ereignisses, diesen Tag als einen Festtag der Gemeinde zu feiern, allein in seinem bescheidenen Sinne hat unser verehrter Herr Jubilar jegliche derartige Ehrung abgelehnt und — so recht bezeichnend für seine Denkungsart — ausdrücklich gewünscht, daß auch an seinem Ehrentage die Arbeit zum Wohle der Gemeinde in diesem Saale nicht ruhen möge. So dürfen wir ihn denn in der That vor allem als einen Mann der Arbeit feiern. Hochverehrter Herr I a c o b y! Als Sie vor über drei Jahrzehnten von den Mitgliedern der Gemeinde zum Repräsentanten erwählt wurden, in einem Alter stehend, in dem so Mancher sich bereits danach sehnt, die Früchte seiner Lebensarbeit in Ruhe zu genießen, ließen Sie es sich nicht daran genügen, die übernommenen Pflichten voll und gewissenhaft zu erfüllen, sondern gingen mit der Ihnen eigenen Energie sogleich daran, alle Zweige der Verwaltung zu durchforschen, einzudringen in die damals noch etwas komplizirte Art der Geschäftsführung, deren spätere Klärung und Regelung Sie sich zu Ihren größten Verdiensten um die Gemeinde anrechnen dürfen. Bald hatten Jbre Kollegen erkannt, daß Ihre rastlose Arbeitskraft, unterstützt von hervorragender, organisatorischer Begabung, sich in der Verwaltung noch fruchtbarer erweisen würde, und vertrauten Ihnen mit Ihrer nach wenigen Jahren erfolgten Wahl in den Vorstand, sogleich das verantwortungsvolle Amt des Hauptkassen Rendanten an. Zwanzig Jahre hindurch haben Sie die schwere, und, wie ich wohl sagen darf. Ihnen doch theure Last dieses Amtes treu getragen, und selbst dann nicht einen Augenblick daran gedacht, sich von dieser Bürde zu erleichtern, als Ihnen immer weitere Aufgaben erwuchsen, auch nicht, als Ihnen im Vorstande der stellvertretende Vorsitz und schließlich der Platz des ersten Vorsitzenden übertragen wurde. Es würde mir unmöglich sein, in dieser kurzen Festesstunde auch nur andeutungsweise zu schildern, wie Sie in diesem Amte in aufopferndster Thätigkeit für das Finanz- und Kastenwesen der Gemeinde gewirkt haben. Es bedarf auch dessen in diesem Kreise nicht. Ich darf nur hervorheben, was wir in unserer täglichen Arbeit empfinden, wie Sie die Kasten-Einrichtungen der Verwaltungskommiffionen, welche sich aus den einfachsten Formen entwickelt haben und dem Getriebe der schnell wachsenden Gemeinde in keiner Weise mehr genügten, auf völlig neue Grundlagen gestellt, und diese Ihre eigenste Schöpfung . dazu beigeiragen. hat, die Arbeitstüchtigkeit. . und die Arbeitslust