Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1904)
- Date
- 1904-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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62 Zit rthlsihe» ÄrSmigm d« Gegemakt asd Von Dr. Hermattn KLeitt—Frankfurt a. M. (Fortsetzung.*) Eine Erzählung unserer Weisen im Talmud dürste unserer Ansicht nach über die von uns behandelten Fragen eine ausgiebige Antwort ertheilen. Es wird uns nämlich erzählt, daß einst ein Heide zu Samai kam mit dem Wunsche, Jude zu werden. Er stellte aber die Bedingung, daß man ihn die Thora lehre, so lange er auf einem Fuße stehe. Samai wies ihn mit der Bauelle fort. Hillel aber sagte ihm: „Was du nicht willst, daß man dir thue, fuge auch keinem andern zu, das ist die Ttz>ra, und alles Uebrige gehe hin und lerne." Dieser Erzählung durste folgender Gedankengang zu Grunde liegen. Von verschiedenen Seiten wird uns berichtet, daß es zur Zeit der von unseren Weisen namhaft gemachten Gesetzeslehren Leute gab. die das Judenthum annehmen wollten, aber nur die sog. Moralgesetze, während sie von den Ceremonialgesetzen nichts wissen wollten?) Sie wollten also nicht ganz und gar im Judenthum aufgehen, nicht mit-beiden Füßen auf dem Boden des Judenthums stehen, sondern gleichsam nur mit dem „einen Fuße" im Judenthum stehen, nur die eine Seite des Judenthums annehmen?) Als nun ein solcher Heide mit seinem diesbezüglichen Wunsche vor Samai hintrat pan norw wnn wies er ihn mit dem Hinweis auf den Maßstab, der an das Lehrgebäude des Judenthums angelegt werden muß, von sich. Er bedeutete ihm, daß das Judenthum keine derartige Zweitheilung kenne, daß das Judenthum nur in seiner Totalität und Einheitlichkeit seiner Bestimmung gerecht werden könne, daß das ganze Gebäude Umstürzen mußte, wenn man auch nur einen Stein aus ihm eigenmächtig entfernen wollte. Hillel that ihm den Gefallen und sagte ihm. daß die ethischen Lehren des Judenthums sich auf dem Grundsätze der Nächstenliebe aufbauen, er machte ihn aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß man dieses Gebot und diesen Grundsatz nur befolgen könne, wenn man auch die anderen Gesetze des Judenthums kennen lernt, daß dieser Grundsatz allein nicht verwirklicht werden könne, ohne die anderen Theile der jüdischen Lehre. Und dem ist es auch in Wirklichkeit so. Wir haben schon kurz bemerkt, daß man ohne den Gedanken an Gott, ohne den Glauben an eine alle unsere Geschicke lenkende Kraft sich schwerlich dazu verstehen wurde, in dem Neben¬ Neu ringetretate Abonnenten erhalten den Antang dieser Abhandlung, soweit noA vorratbig. aus Wunsch kostenfrei geliefert. 1) Drgl. Bousset »Do« Wesen der Reliawn". Fünfter Dortrag. 2) Ich verweise auf die bekannte iÄüarung des Manafse ben Israel zu dieser Stelle, die. wenn üe auch grundverschieden von der unsrigeu ist. doch die Anregung ffi ihr gegeben hat. menschen nur den Bruder zu sehen. Der altruistische Trieb ist bei den Menschen sicherlich nicht der primäre. Wir brauchen nur auf die zügellose Roheit der Wilden zu verweisen, auf die Grausamkeit, die sich bei ihnen der Qualen freut, die sie Andern zufügen, ohne dazu gereizt zu werden, ohne einen Vortheil davon zu haben. Wir gehen sogar einen Schritt weiter und verweisen auf den wurmstichigen Kern unter der glatten Schale in unserer gebildeten Welt, auf die Falschheit selbst bei inniger Freundschaft, welche die Mäßigung des Vertrauens zur Regel der Klugheit macht, auf das Wohlwollen, das doch die Bemerkung zuläßt. es sei in dem Unglück selbst unserer Nächsten, das uns nicht ganz mißfällt, auf den Hang, denjenigen zu Haffen, dem man verbindlich ist. Das Laster verbirgt sich unter dem Tugendschein, und wer seine Selbstsucht nur mit Anstand bedeckt, heißt schon gut in der Gesellschaft. Und wenn wir ehrlich sein wollen, so müssen wir gestehen. daß wir es gar nicht einsehen, und es absolut unbegreiflich finden müssen, warum der Mensch, der keine Autorität über sich anerkennt, der in stolzer Ueberhebung keine Herren über sich duldet, der souverän zu sein glaubt, warum dieser Mensch sich etwas versagen soll, weil er eventuell mit der rücksichtslosen Befriedigung seiner Wünsche andere Menschen benachtheiligen könnte. Was verpflichtet ihn zu einer Rücksichtnahme auf seine Mitmenschen? Das Sittengesetz etwa? Wer ist es, der diese Gesetze zu solchen gemacht? Wo kein Gesetzgeber, da sind auch keine Gesetze. Interessant ist es, daß einer der radikalsten Bekämpfer der theo^ logischen Moral, der es klar und unzweideutig fordert, daß man doch endlich aufhöre, das Schicksal der Menschheit von einem Wesen außer oder über ihr abhängig zu machen.-daß der einzige Gott des Menschen der Mensch selbst ist. in seiner Begründung der altruistischen Moral auf einen Gedanken verfällt, den nur die Verzweiflung an der Möglichkeit der Begründung einer altruistischen Ethik ohne Gott eingegeben haben kann. Er sagt nämlich, daß der Egoismus kein sittliches Ideal sein könne, da sonst alle Menschen Egoisten wären und der Egoismus des einen Menschen an dem Egoismus des anderen zerschellen müßte. Die Furcht vor dem Egoismus des Andern mutz zur Neberwindung des Egoismus überhaupt führen. Dieser Gedankengang übrigens ist nicht so originell, wie man auf den ersten Blick glauben sollte. Er findet sich schon in den Werken eines Philosophen, der im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts tonangebend war. Hobbes nämlich führt die Bildung der Gesellschaft auf diese Furcht vor dem Egoismus des anderen Menschen zurück. Ist aber ein derartiges Gefühl der Furcht und der Ohnmacht wirklich stark genug, um den Egoismus zu überwinden? Gegen Hobbes hat dieser Einwand keine unbedingte Berechtigung, da nach ihm der Egoismus gar nicht überwunden, sondern mit Polizeigewalt