Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1904)
- Date
- 1904-01-11
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2449990--59862-2520707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59 Tode selbst sich nicht trennten, die schneller waren, als Adler und stärker als Löwen in der Erfüllung des göttlichen Willens? Möge unser Gott ihrer gedenken zum Heile mit anderen Gerechten dieser Welt! Und möge Er Seine Rache ausüben gegen unsere Feinde für das vergossene Blut Seiner Diener." Jankiel blickte erstaunt auf den Lesenden und weinte vor Rührung. Seine Seele aber war etwas beunruhigt. Ein zu großes Wunder geschah vor den Augen des Alten, er erbebte vor der Allmacht Gottes, welche aus einem Felsenherzen einen Lebensquell hervorsprudeln lassen kann. Der Oberst erhob sich, beendete sein Gebet, nahm ein anderes Buch und las wieder. Ganz zufällig war das Blatt mit Vers 1k. Exodus 34 (2. Buch Mose) aufgeschlagen, wo es lautet: „Halte ja, was ich Dir heute gebiete: ich will vor dir cusstoßen die Amoriter, Canaaniier und die Hetiter . . . Hüte dich, daß du nicht einen Bund machest mit den Einwohnern des Landes, da du einkommst, daß sie dir nicht ein Aergerniß unter dir werden. (V. 12.) Sondern ihre Altäre sollst Du Umstürzen, und ihre Götzen zerbrechen und ihre Haine ausrotten! (V. 13.) Denn du sollst keinen anderen Gott anbeten. Denn der Herr heißet ein Eiferer, darum, daß er ein eifriger Gott ist! (V. 14.) Mache keinen Bund mit des Landes Einwohnern! (V. 15.) Und nimm nicht deinen Söhnen ihre Töchter zu Weibern an." (V. 16.) Ein grimmiges Lächeln flog über die Lippen des unter den Erinnerungen zusammenbrechendcn Mannes, bis er endlich ohnmächtig auf einen Sessel sank. Jetzt erst näherte sich der Alte ihm langsam und sprach leise: „Tröste Dich! Gott verzeiht dem Bal Teschuwoh und nimmt die Reuigen wieder auf!" „Heute weiß ich wahrlich nicht," flüsterte auf Deutsch der Oberst, dieser arme Meschumet, „was ich mehr beklagen soll, das. was ich fortwarf, oder das, was ich geworden bin! In zwei Hälften wurde ich getrennt und zerrissen; ein Doppelmensch ward aus mir. Hierhin und dorthin ziehen mich Erinnerungen. Gewohnheiten und Pflichten. Ich bin nicht schuld daran, daß ich diesen Weg betreten. Mein Vater wählte ihn für sich und mich! Heute gehöre ich schon zu Jenen. Aber über mein altes Volk werde ich weinen, weinen, so lange, bis ich dem Wahnsinn verfallen bin. Und ich zittere davor, daß unter dieser meiner neuen Haut einmal Jemand in mir den verpönten Juden erkenne, daß ich aus Mitleid für den Bruder mich verrathen, für mein Erbarmen mit einem armen Verdammten selbst verdammt werden kann! Meine Kinder selbst werden schon nicht mehr wissen, daß in ihnen das Blut der Priester Israels fließt — sie sollen eS nicht erfahren und fühlen, daß. sie Kinder des Verrathes sind!" „Bruder!" fragte der Alte vertraulicher: „Darf ich, ermuthigt durch Eure Thronen und Euren Schmerz, Euch fragen, was Ihr mit jenem Unglücklichen zu thun gedenkt?" „Mit welchem?" „Mit dem Verurtheilten!" „Sprecht nicht von dem! Nicht durch mich, auf höheren Befehl ward er verurtheilt! Er wird sterben! Das nächste Morgengrauen wird fiir ihn das Letzte sein! Das ist unabänderlich! Der arme Mensch!" „Ja wohl, der arme Mensch! Er hat vielleicht noch eine Mutter, eine Familie, eine Schwester oder ein Weib! Könnt Ihr es denn gar nicht erlauben, wenigstens einmal mit ihm zu sprechen, sich zu erkundigen?" „Was nützt uns das?" sagte finster der Oberst. „Mas haben wir mit diesem Volke gemein? Bedenkt Ihr nicht, wie es mit uns verfahren?" „Laßt uns bedenken." erwiderte Jankiel, „daß wir mit ihnen in einem Lande geboren sind! Und der unsterbliche Gesetzgeber gebot sogar, einem Thiere die Bürde zu erleichtern, geschweige denn einem Menschen. und sei er selbst ein Heide?" „Nein! Nein!" rief der Oberst. „Ich stehe unter der Aufsicht von tausenden gehässiger Augen. Ich kann nichts thun — auch mich umgibt man mit Spionen! Erkauft Euch die Soldaten mit einem Schnaps, mit Geld? Das ist leichter, dann mag zu ihm gehen, lver da will! Dies Gesindel thut Alles für Geld!" Und verächtlich zuckle er die Achseln. „Erlaubt Ihr es? Ich schicke meinen Vetter! Es soll ihm nichts geschehen!" „Ich erlaube gar nichts, und iveiß von gar nichts, und mag von gar nichts wissen!" Jankiel überlegte sich die Sache, ging einen Augenblick hinaus und kehrte dann zum Obersten zurück. Schon aber hatte Jakob mit dem ihm beigegebenen Juden Herschko, genannt „S ch n a p p a u f", sich dem Gefangenen zu nähern versucht. Er hatte sich einen gewöhnlichen Judenrock angezogen und Hcrschko sich ein Paar Fläschchen Rum und Schnaps in die Taschen gesteckt. So gingen sie an*s Werk. Schon spät in der Nacht war es. Die Soldaten schliefen. Die Wache schritt auf und ab. Auf der Bank vor dem Hause saß nur noch ein Feldwebel und gähnte, rauchte eine Cigarette und fluchte öfters. Zum Gliicke traf es sich, was nicht selten der Fall, daß er ein Säufer war. Feodor Michailowice S ch e'l m e n k o vermuthete sofort, als er die beiden Juden kommen und ihm gegenüber stehen bleiben sah. daß sie irgend ein Geschäft haben mußten, und daß bei diesem Geschäft ein Rubel oder Schnaps auf einen Tag zu verdienen war. Alles schlief. Er gehörte nicht zu denjenigen, mit denen nichts zu machen war in — aller Stille.