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Der Israelit · 1904-01-11 · Heft 3 (11.1.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 3 (11.1.1904)
Date
1904-01-11
Page
– (sequence 18)
Language
German
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58 Stimme hinderte ihn daran. Jankiel bemerkte es wohl, wie. er mit sich selber rang, aber er wußte nicht, wie er sich dies erklären solle. Nach einem Augenblick dieses stillen Kampfes rieb sich der Oberst die Stirn; er war gaiy erschüttert; man wußte nicht, ob er aus voller Brust athme, oder ob ein Seufzer ihren Tiefen entstieg. Schweigend schritt er au/ und ab. Jankiel blieb ganz erstaunt an der Thür stehen. „Nun. was stehst Du da? Worauf wartest Du noch?" rief etwas ruhiger Tendemann. „Geh' nur! Geh'! Der zum Tode Verurtheilte geht Dich durchaus nichts an! Seine Stunden sind gezählt." „Gnädiger Herr!" sprach der Alte. „Geh'! Ich sage Dir, geh', so lange Du noch ganz bist!" rief drohender der Oberst. Dabei aber näherte er sich ihm und raunte ihm auf Deutsch die Worte zu: „Geh'! Ich komme hinauf zu Dir!" Die letzten Worte verwirrten Jankiel. der, nachdem er sich verneigt, hinausging, ohne selbst noch zu wissen, was er davon halten solle. In diesem Deutsch, wie auch in den Zügen, obschon ganz verborgen, lag ein gewisser Accent, ein Ton, die in dem Obersten einen — Juden vermuthen ließen. Aber war es denn möglich. in ihm einen Israeliten anzunehmen? Diesen Gedanken wies der Alte zurück, aber er verfolgte ihn hartnäckig und mit ihm stieg er die Treppe hinauf. Ohne ihm etwas davon zu sagen, schickte er Jakob auf sein Zimmer. Er selbst wartete in banger Ungewißheit. Der ganze Vorfall erschien ihmgar zu sonderbar. . Eine halbe Stunde mußte er warten. Endlich erschallten Schritte auf der Treppe, die absichtlich erleuchtet war. Und herein trat eben leichenblaß der Oberst. Mit neugierigen Blicken sah er sich in der jüdischen Wohnung uin. Unverkennbar zog ihn hier etwas an. Diese Geräthe. die Bücher und Aufschriften mußten für ihn einen gewissen Reiz haben, mit solcher Gier heftete er darauf die Blicke. Sie waren allein. Noch einmal sah sich der Oberst ängstlich um, dann trat er in die Mitte der Stube, reichte Jankiel die zitternde Hand und sprach: „Salem Alechem!" Der Alte sank fast zu Boden vor Erstaunen; dann antwortete er ihm mit gerührter Stimme: . „Alechem Salem!" Dann folgte eine laüge. tiefe Grabesstille. Es bedurfte keinen weiteren Erklärungen: Oberst Tendemann war wirklich ein Jude. Sein Vater, oder er selbst hatten im Staatsdienste äußerlich den Ruffenglauben angenommen, aber unter ihm blieb unberührt der Mosaische. Mitten unter Christen, losgeriffen von allen Erinnerungen, und bestrebt. Alles loszuwerden, was auf ihre Herkunft schließen ließe, bewahrten sie in der Tiefe der Seele den unauslöschlichen Funken, welcher sie mit ihrem Glauben und ihrer Nationalität unlösbar verband, und der auch unter der Asche noch glimmte. Der Oberst setzte sich tiefbewegt. Die Augen gingen ihm über. Jankiel stand vor ihm, tief in Gedanken versunken. Vor sich hatte er einen jener zahlreichen Abtrünnigen, wie sie unter den Millionen Juden in allen Ländern der Welt verbreitet sind. Noch aber bewahrte er tief in der Seele das Gefühl der Anhänglichkeit an seine israelitische Mutter. Auf seinem Antlitze spiegelten sich Trauer, Sehnsucht, bittere Erinnerungen und Gewissensbisse ob seines Abfalls. Obfchon hochangesehen und mächtig, zu den Weltbesiegern gehörend, weinte der Oberst bitterlich, daß er sich getrennt und losgeriffen von dieser altehrwürdigen, unglücklichen Familie, zu welcher er dem Blute nach gehörte. Ein gewiß jahrelang geheimgehaltenes Gefühl brach in diesem Augenblick bei der Berührung mit alten Erinnerungen so gewaltig hervor, daß er es nicht zurückhalten konnte. Er sagte nichts, er entschuldigte sich nicht, er winkte nur Jankiel an der Thür herbei, trat selbst an den Tisch, wo ein aufgeschlagenes Buch lag. und stand davor wie angewurzelt. Seit langen Jahren hatten seine Augen diese Buchstaben, diese Sprache der Voreltern nicht erblickt. Seit jener Zeit, da der alte Vater insgeheim im verschlossenen Zimmer, ihn selbst im göttlichen Gesetze, oft das Auge voll Thränen, unterrichtete, seit er nach des Vaters Tode in die Welt gezogen, hatte er den Klang der Nationalsprache nicht gehört. Drum schmachtete er so gierig nach ihr, drum hatte sie für ihn einen so wunderbar geheimnißvollen hinreißenden Reiz. Anfangs wanden sich diese Schriftzeichen wie feurige Schlangen vor seinen Augen; er verstand sie nicht. Dann erst brachte ihn ein Wort allmählich auf die Bahn, die Augen, die verschlossene Seele öffneten sich ihm: er las und verstand Alles, und er vergaß den heutigen Kampf, die morgende Marter, das Land, sich selbst und den Ort, wo er sich befand, kurz Alles auf der Welt. Aus diesen vertrockneten Augen, die das.Weinen längst verlernt. rannen auf das Buch herab tropfenweise die Thränen des Leids und der Freude, des Grams und des Trostes. Er faltete die Hände auf dem Tische, neigte das Haupt auf die Brust und las und verschlang Alles. Sein Erdenleben war plötzlich unterbrochen; er fühlte sich in eine andere Welt erhoben und zu ihr gehörend. Der Zufall wollte es. daß in dem Buche das „Gebet für die Verstorbenen" aufgeschlagen war: „Barmherziger Vater, der Du herrschest in der Höbe; gedenke in Deiner Barmherzigkeit jener Frommen. Gerechten und Nntadelhasten in der Gemeinde der Heiligen, die ihr Leben ließen zur Weihe Deines Namen.s, die sich liebten bei Lebzeiten und nach dem

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