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Der Israelit · 1904-01-11 · Heft 3 (11.1.1904) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 3 (11.1.1904)
Date
1904-01-11
Page
– (sequence 20)
Language
German
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60 »Guten Abend. Herr Offizier!" flüsterte Schnappauf. Er wußte sehr gut, daß er einen Feldwebel und leinen Offizer vor fich hatte. Aber wozu hatte er denn seinen Verstand? »Geh Er seiner Wege! Marsch fort von hier!" »A waih! Wie langweilig mutz es sein für den Herrn, hier zu sitzen!" »Na freilich! Hübsch ist es gewiß nicht!" .»Nun, warum sitzt der Herr hier?" »Was kümmerte Ihn! — Darum!" „A waih! War bloß Neugier!" Er näherte fich so. daß der Feldwelbel den Flaschenhals aus der Tasche herausragen sehen mußte. Schelmenlo leckte die Lippen und spie aus: »Gib her das! Verdammter Jude!" schrie er, die Hand ausstreckend. »Weiß der Herr auch, was das ist?" fragte Schnappauf. »Das ist Sunt! Reiser Rum de Goa! Jamaika! Vom allerfeinste»! Einen halben Rubel die Flasche! He?" »Gib's her! Verdammter Hund!" Der Rum wirkte. Bald war die Flasche entkorkt. Der Feldwebel roch daran, erlog der Versuchung und nahm einen tüchtigen Schluck. „Nun?" fragte er daun. »Und setzt, Halunke, was willst Du von mir?" „Herr Offizier! Ich bl« hier und da ist noch ein Judchen! Man hat uns erzählt — vielleicht ist es nur ein Märchen — daß der Gefangene, den die Herrschaften hier haben eingesperrt, ein Edelmann ist mit Namen Najkowski. Er ist viel Geld schuldig diesem Juden da. Darum mutz er ihn durchaus noch einmal sprechen!" „Fort. Ihr Halunken von Insurgenten." rief der Feldwebel!" „Hier darf Niemand hinein!" Schnappauf drückte ihm einen Drei-Rubelschein in die Hand. Etwas leiser schon wiederholte der Feldwebel: »Niemand darf hinein! Niemand! Hörst Du!" Dabei hielt er aber die Flasche und das Geld krampfhaft fest und flüsterte: »So folgt mir!" »Ich bin dies nicht." antwortete Schnappauf, »das ist der andere Jude!" „Ganz egal! Ketzervolk!" Noch einen Schluck nahm der Feldwebel, dann ging er mit Jakob zur Thüre. lauschte dort, öffnete sie dann, stieß Jakob hinein und blieb selbst vor der Schwelle stehen. In der Stube, in welcher Jakob fich befand, war es ziemlich finster. Ein Talglicht brannte zwar in einer an der Decke aufgehängten Stalllaterne, gab aber nur wenig Licht. Anfangs konnte man gar nichts unterscheiden. Ein Haufen Stroh lag in der Mitte, und darauf etwas Dunkles. Da er nur zu wohl wußte, daß die Zeit ihm kurz bemessen, und dies Wiedersehen mit dem zum Tode Verurteilten vielleicht für diesen höchst wichtig sein könne, näherte fich Jakob der Stelle, von der ein fieberhaft röchelnder Athem, wie der eines langsam Sterbenden. auszugehen schien, und berührte die abgemagerte Hand, die daraus hervorragte. Der leise Angestoßene erhob sich plötzlich und griff vor Schmerz nach dem verwundeten Fuße, sank aber sofort wieder auf das Stroh zurück und hielt nur mühsam noch den Kopf aufrecht. Ein auf ihn fallender Lichtstrahl ließ Jakob zu seinem Erstaunen — Iwas erkennen. Mit seinem verwirrten Haar, seinen trockenen Lippen und seinen irren Blicken erschien Jwas ihm wie geistesabwesend. Und dies war er in der That. „Jst's schon Zeit?" fragte er. „Gehen wir schon? Wo ist der Feind? Aufgestanden!" Und er blickte sich um. und sah Jakob an, den er nicht zu erkennen, oder dessen er sich nicht zu erinnern vermochte. Mit Besorgniß und Mitleid in Blick, Bewegung und Sprache überzeugte sich Jakob immer mehr, daß, die Wunde, das Fieber, die Aufregung oder der gewaltige. moralische Schmerz Jwa's vollständig verwirrt hatten. „Auf! Gehen wir!" rief Jwas. „Sofort! Aber ich bin verwundet, am Fuße, und kann mich kaum rühren! Ha! Das ist nichts! Es geht dafür auch gegen die Russen! Auf! Ihr Getreuen! zu Fuß und zu Roß! Der Tag bricht an!" Scheu blickte er sich um. Jakob flüsterte ihm zu: „Jwas! Jwas! Kennst Du mich nicht mehr?" „He!" flüsterte der Irre. „He! Wer bist Du? Ein Insurgent? Oder ein Russe? Oder so ein Hundeblut von Spion? Die Stimme ist mir bekannt! Warte nur! ... Genua ... Aqua Sola ... die Italienerin! . .. Paris ... Die Boulevards .... Das Alles verwirrt sich mir! Lukas? Kasimir? Ich weiß nicht, wer Du bist!" „Jakob! Jakob!" „Ah! Jakob! Der Patriarch! Ich verstehe! Siehst Du jetzt, kommst Du doch zu uns! . . . Ach^ Wie schmerzt mich dieser Fuß!" Berantwortliche Nedaktioa OScar Lehmann in Mainz — Expedition dcS .Israelit". Schottstraße Nr. 2. Mainz. Staai und Verlag der Iah. Wtrth'schen tzofbuchdruckeeei Actien-Gesellschaft in Mainz. (Fortsetzung folgt.)

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