Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1904)
- Date
- 1904-01-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4o. Jahrgang. ' Aeilage zu jß 3 des „Ssraelit". Was ist Thierquälerei? | Bon L. Liebmann, Schriftführer des Deutschen Bi-tzhändler-Bereins. Es scheint so einfach, diese Frage zu beantworten, und doch gehen die Anschauungen der Menschen darüber so sehr auseinander. Es hat vielfach Befremden erregt, daß der Vorsitzende des Deutschen Thierschutzvereins, Generalmajor Longchamps, wie in der „Allgemeinen Fleischer-Zeitung* mitgetheilt worden ist, seinen Posten hat niederlegen müssen, weil er an einer Parforcejagd theilgenommen hatte. Dies veranlaßt mich, auf die Grundsätze des Thierschutzvereins einmal etwas näher einzugehen. Wir haben leider selten den guten Willen der Thierschutzvereine zu beobachten Gelegenheit gehabt, mit den Thierquälereien in'den oberen Geselli schaftsschichten aufzuräumen, wohin ohne Frage an | erster Stelle die Parforcejagden und Wettrennen gehören; im Gegentheil richten sich die Anzeigen dieser Thierschützer hauptsächlich gegen die minder wohlhabenden Klaffen der Bevölkerung, die im Kampfe um die Existenz und in der Aufregung der Arbeit oftmals in die Lage gerathen, ein Thier gerade nicht mit Glacehandschuhen anzufaffen, und vielmehr der Entschuldigung bedürfen, als hochgebildete Menschen, die aus Vergnügen, aus Muthwillen. aus zügellosem Wagemuth Thiere vorsätzlich quälen und zu Tode bringen. Es kann gerade nicht zur Eintracht unter dem Volke dienen, wenn diese Zustände nicht erst oben beseitigt werden und an diesen Stellen mit gutem Beispiele vorangegangen wird, ehe man zu den unteren Schichten gelangt, die oftmals im schweren Kampfe um das tägliche Brod, den Prinzipien der Humanität zuwider handeln. Der 8 360, Abs. 13 des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich bedroht denjenigen mit Geldstrafe bis 130 Mk. oder mit Haft, „wer öffentlich oder in Aergerniß erregender Weise Thiere boshaft quält oder roh mißhandelt." Zeder Mensch, der nur einen Funken Mitgefühl für die Thiere hegt, wird diesen Ausdruck einer vernünftigen Auffassung billigen. Wir fragen nun: verfolgen die Thierschüher solche muthwilligen Quälereien, die oftmals von Hochgebildeten ausgefübrt werden, oder verfolgten sie z u oft die durch Umstände ohne bösen Willen veranlaßten Quälereien? Obgleich wir im Deutschen Reiche ausgezeichnete gute und klare Gesetze haben, so ist es den Thierschützern doch gelungen, Einfluß auf manche behördliche Verordnungen zu erlangen, die, wie es uns dünkt, oftmals besser unterblieben wären. Daß gerade Menschenliebe und Thierliebe nicht immer zusammen gepaart sind, zeigt folgendes Beispiel, das Schreiber dieses erlebt hat: Ein armer Topfwaarenhändler hatte sich mit seinem Hund vor ein Wägelchen auf staubigem Wege bei brennendem Sonnenbrände angespannt, der Schweiß rieselte ihm von Stirn und Nacken; auch der Hund streckte die Zunge heraus und lechzte. Ein feingekleideter Herr, der des Weges kam, stellte den armen Teufel zur Rede, warum er das Thier so quäle, — dem Menschen zollte tjc kein Mitleid, indem er sich etwa herabließ, ihm auf irgend eine Weise Linderung vder Hilfe zu verschaffen, für ihn war nur das Thier vorhanden! Wir wollen gerne annehmen, daß die meisten Thierschüher auch echte Menschenfreunde sind, und wollen diesen zurufen: bekehrt Alle Eure Kollegen auch zum Schutz Eurer Brüder, der Menschen; vergeht diese nicht wegen der Thiere! Denn nur ein wahrer Menschenfreund kann den Thieren einen vernünftigen Schutz angedeihen lassen und wird den letzteren nicht auf Kosten der Nächstenliebe ausüben. Wir sehen uns zum Schluffe veranlaßt, eine kleine Blumenlese zu bringen, von dem, was manche Menschen für Thierquälereien ansehen und auch vom Gegentheil: Wenn ein Kutscher ein störriges Pferd züchtigt: das ist Thierquälerei; ein Wettrennen, wo Mensch und Pferd den Hals riskiren, wo die Pferde mit Sporen und Peitsche bis zum Verenden abgehetzt werden: das ist keine Quälerei, sondern Sport. Wenn ein Treiber einem Stück Vieh zum besseren Fortkommen einige Schläge versetzt: das ist Thierqälerei; wenn mit bis zum Aeußersten angestrengten Pferden ein wildes Schwein zu Tode gehetzt wird: so ist das keine Quälerei, sondern ein Vergnügen. Das Ausnutzen des Wagenraumes für Vieh: ist eine Thierquälerei; das Rösten der lebenden Krebse: . ist keine Thierquälerei. Das Zumarktbringen einer Kuh mit nicht leerem Euter: ist eine Thierquälerei; das Schinden der lebenden Aale:" " : ist keine Thierquälerei. ' . <-;