Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 3 (11.1.1904)
- Date
- 1904-01-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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47 »Das eben haben wir mit Ihnen berathen wollen/ sagte Müller. »Was meinen Sie?" Der Andere wiegte bedächtig den Kopf hin und her. »Da ist nicht viel zu meinen und nicht viel zu berathen. Was Sie von meinen Artileln haben, das nehme ich Ihnen ab, selbstverständlich zum Einkaufspreis, und das Uebrige, das wird entweder der Wolf oder der Meier Ihnen abnehmen. Wenn es Ihnen recht ist, spreche ich noch heute mit ihnen/ »Ich werde Ihnen sehr dankbar sein — ohnehin bin ich Ihnen schon so vielen Dank schuldig." »Aber, lieber Freund, wer wird denn von dergleichen reden. Seit dreißig Jahren sind wir Nachbarn, nie haben wir etwas mit einander gehabt, und da sollte nicht Einer für den Andern was thun? — Das wäre doch noch ärger als arg. — Sie werden mir. weiß Gott, fehlen. Trotzdem freue ich mich mit Ihnen, und wie! — Also nachher, wenn ich hinuntergehe, werde ich mir Ihre Maaren anschauen und dann werde ich vor Allem mit dem Wolf reden, möglicherweise nimmt er Alles, was ich nicht nehme, dann brauchten wir oen Meier gar nicht. Meinen Sie nicht auch?" »Ich verlasse mich ganz auf Sie/ versetzte Müller, „thun Sie, wie Sie es für recht halten/ „Ist kein so großer Unterschied/ entgegnete Schwarz, »Meier ist auch gut. Aber Wolf bat doch mehr, und ich vermuthe. er würde Ihnen das Ganze sofort auszahlen. Das wäre doch noch das Gescheiteste. Meinen Sie nicht?" »Gewiß, gewiß — ach, ich schulde Ihnen so vielen Tank/ „Hören Sie doch schon auf mit dem beständigen Danken, man kann ja gar nichts überlegen. — Alsdann. wenn's Ihnen recht ist, übernehmen wir gleich morgen Ihr Lager, ich und der Wolf, und wenn Frau Müller uns die Rechnungen geben will, zahlen wir Ihnen gleich Alles aus." »Wenn Ihnen kein Unterschied wäre, wäre cs mir lieb, wenn Sie mit der ganzen Geschichte bis übermorgen warten würden, bis ich die Arbeit hier abgeliesert habe. Ich bin mit derselben ohnehin etwas im Rückstand, und wenn ich nun auch noch die Rechnungen suchen müßte —" »So müßten Sie zu guterletzt noch eine Nacht durcharbeiten. Nein. nein. Frau Müller, das ist keineswegs nothwendig, uns eilt die Sache durchaus nicht, ich dachte nur, daß es Ihnen vielleicht angenehm wäre, dieselbe baldigst zu erledigen, und weil ich weiß, daß es Wolf auch freuen wird. Ihnen gefällig sein zu können. Sie wissen gor nicht, wie viel gute Freunde Sie haben, ein Jeder hat doch gestaunt, was Sie in dieser Zeit geleistet haben. Rur das hat man Ihnen sehr übelgenommen, daß Sie am Wochenmarkt das Geschäft nicht aufgemacht habe», das wären Sie Ihrem kranken Manne und. Ihren Kindern schuldig gewesen, hat man gesagt —" Frau Müller sah es in dem Angesichte ihres Mannes zucken, sah ihn die Farbe wechseln und seine Augen sich mit Thränen füllen, sie suchte daher das Gespräch nach einer anderen Richtung zu wenden. »Was werden wir nun mit den Kindern machen?" wandte sie'sich an ihren Mann, »glaubst Tu. daß es ihnen nicht zu viel sein würde, zweimal täglich von Neudorf herein zu kommen und zurück zu gehen?" Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das weiß ich wirklich nicht, was meinen Sie, Herr Schwarz?" Dieser zuckte die Achseln. „Daß ihnen das viele Gehen schaden würde, glaube ich zwar nicht, aber ich denke, die Zeit wird nicht reichen. Die Schule hier ist um zwölf Uhr aus und fängt um Zwei wieder an. Daß sie in dieser Zeit hin- und hergehen und ordentlich essen könnten, das scheint mir nicht möglich. Denn cs sind ja doch noch Kinder, halten üch vielleicht unterwegs 'mal auf —" „Sie haben recht/ sagte Frau Müller, »das wäre zu viel, das geht nicht. Aber ich glaube. Selma brauchte überhaupt nicht herein zu gehen, die könnte die Schule in Neudorf besuchen. Max und Paul aber müßten sich des Morgens ein gehöriges Butterbrod mitnchmen und über Mittag hier bleiben. Gegen Abend konnten sie dann ihr Mittagessen einnehmen/ Paul war vor Freude dunkelroth geworden. »Alle Tage wirst Du uns Butter auf das Brod. geben?" fragte er. Die Mutter bejahte lächelnd. Auch der Nachbar hatte seine Freude an dem Vergnügen des Kindes? »Ja. ja." sagte er. »jetzt wird es anders werden, jetzt wird nicht mehr Schmalhans Küchenmeister bei Euch sein, trockenes Brod braucht Ihr nicht mehr zu essen und Wassersuppe auch nicht. Jetzt -werdet Ihr Milch haben, so viel Ihr wollt, und alle Tage Butter- . brod. Und mir scheint, der Krawanni hat auch Bienen, da wird Euch die Mutter am Ende gar, wenigstens am Sabbat, Honig auf's Butterbrod geben." „Ist das wirklich wahr, Mutter?" fragte Paul, »oder will Herr Schwarz uns nur necken?" „Versprechen kann ich es zwar nicht, aber es ist nicht unwahrscheinlich, wenn Ihr nämlich brav seid —" . »O, Ihre Kinder sind immer brav, da werden Sie ihnen doch auch häufig von dem schönen Obst geben, das draußen ist. Aepfel, Birnen, Zwetschen und Trauben —" Selma konnte einen Freudenschrei nicht unterdrücken. indem sie auf den Vater zusprang und ihn umarmte, während Paul hinaus in die Küche eilte, wo der Bruder noch beschäftigt war. um ihm von den Lukullischen Herrlichkeiten zu erzählen .die ihrer in ihrem zukünftigen Heim harrten.