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Der Israelit · 1904-01-07 · Heft 2 (7.1.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 2 (7.1.1904)
Date
1904-01-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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-Vor allem sind sie schmutzig."' Und dabei flog wieder eine Speichelladung über die Brüstung. Das Unglück wollte es, daß sie das Kleid einer gerade vorübergehenden Dame traf und daran haften blieb. Mit einer Gebärde des höchsten Ekels blickte die Dame hinauf. «Sehen Sie, Leoszinsky," sagte ich ruhig, „wenn die Dame Ihren Anschauungen huldigt, wird sie jetzt zweifelsohne sagen: „Das war natürlich wieder ein schmutziger Jude." Ich glaube, daß manches, was einem „schmutzigen Juden" in die Schuhe geschoben wird, von einem „schmutzigen Christen" oder gar von einem enragirten Antisemiten stammt.' Er erröthete ein wenig. „Dann sind die Juden widerlich geizig und habgierig" — fuhr er fort, „und-" „Pardon, daß ich Sie unterbreche, aber um ganz aufrichtig zu sein, als uns gestern in Mürren, die — ich gebe es zu — unverschämte Rechnung zugestellt wurde, wer zeigte sich da nobler? Dr. F., der Jude, der der Damen wegen ohne eine Miene zu verziehen, die Rechnung beglich, oder Sie, der Christ, der Sie sich über alle Maßen aufregten und nicht eher ruhten, bis Sie den Preis hinuntergedrückt hatten?" „Was auch ganz in der Ordnung war," brummte mein vis ü vis. Aber Sie,. Doktor," fuhr er dann heftig auf, „erklären Sie mir doch lieber, warum Sie die Juden nicht hassen.^ „Warum ich sie nicht hasse? Run einfach, weil sie ein intelligentes, zähes, ausdauerndes und darum existenzberechtigtcs Volk sind — existenzberechtigter, als manches andere. Man hat ihnen ihr Vaterland genommen und will sie doch nirgends dulden. Das ist in meinen Augen eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Ich hasse darum das Volk nicht nur nicht, ich bemitleide es und möchte ihm helfen." - „Das sagen Sie, weil Sie das Volk nicht kennen: Sie sahen ein zwei Juden, und das sind noch nicht einmal Juden. Kommen Sie nach Warschau. Da ist alles Jud. Mein Schuster ist Jude, mein Schneider ist Jude, mein Bäcker ist Jude, und alle die Kerls sehen es nur darauf ab. mich zu betuppen." „A propos." wandte ich ein, „und der Wirth in Mürren gestern, war der auch Jude?" „Mag sein, es gibt auch schlechte Christen, aber beim Juden weiß ich's bestimmt, daß er mir schaden will — seine Religion schreibt es ihm vor." „Diesen Punkt habe ich schon des öftern erörtern gehört; ich habe mich deßwegen an mir wohlbekannte, kompetente Juden gewandt und von ihnen die Versicherung erhalten, daß ihnen keine solche Vorschrift ihrer Religion bekannt sei." „Ich sehe schon." fing Leoszinsky wieder an. „daß wir unS über diesen Punkt nicht einigen werden; aber als Freund möchte ich Ihnen eines rathen: Lassen Sie sich mit dem Doktor nicht zu sehr ein. Jud bleibt immer Jud, mag er so nobel und gut erscheinen, wie er will; sie brauchen nur ein wenig zu kratzen, gleich springt der Jud heraus." Mir schwebte das Wort Napoleons auf der Zunge in seinem Original, das Leoszinsky so gewandt parodirt hatte; allein ich biß mir auf die Lippen. „Was sagen Sie denn zu Kischinew?" und ich beobachtete ihn scharf. Er überlegte einen Augenblick. „Que voulez-vous,“ entgegnete er dann, „wenn ich Wanzen sehe, mach' ich sie kaput, auch wenn sie nicht in meinem Schlafzimmer sind. CVst plus fort que moi! Das zu Kischinew, das war nicht gut, nicht schön, aber — gefreut hat's mich doch!" Diesmal war ich es. der über die Balustrade spie, und diesmal konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken: ..Crattez le Russ et vous avez le Cosaque.“ Dabei wandte ich mich zum Gehen. Ich hörte noch, wie Leoszinsky sich an einen sehr bekannten Berliner Antisemiten wandte, der unserem Gespräch schweigend aber sehr achtsam gefolgt war: „Was sagen Sie dazu, mein Herr?" „In der Theorie" — er dehnte das Wort sehr lang — „muß ich dem Herrn Doktor Recht geben ..." Er schwieg und zitirte sich wohl das Wort: Antisemitisch niuß man sein, will man in's Parlament hinein." „Aber in der Praxis," lachte Leoszinsky, „nicht wahr, stimmen Sie mit mir überein?"- Am Abend fragte ich mein Schwesterlein: „Bist Du nun überzeugt, daß Doktors Juden sind?" „Ach ja." meinte'sie, „aber sie sind doch eigentlich gar keine Juden, wenigstens machen sie eine rühmliche Ausnahme in ihrem Charakter." Ich verzichtete auf eine weitere Begründung: Die * Sache ist ja sehr einfach und läßt sich ganz wunderbar mit der Lehre der christlichen Religion vereinen: Ein Jude, der die Anmaßung hat, ein honetter Mensch zu sein, der ist eben kein Jude, der ist eben (wenn auch nicht der Nase nach, sodoch dem Geiste nach), ein Glied der christlichen Kirche; ein Christ aber, der — was ja kaum Vorkommen kann — ein Schuft, ein verkommener und gemeiner Mensch ist. der gehört zwar äußerlich zu jener Kirche, dem Geiste nach aber steht er dieser Gemeinschaft fern. — ist er quasi — ein Jude. Homo. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Der „Verein für jüdische Statistik" (Centrale: Berlin-Halensee) hat bei der Herausgabe seiner ersten Publikation „Jüdische Statistik Band I"

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