Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1904)
- Date
- 1904-01-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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45. Jahrgang. «eik Aeilage ju J&2 -es Lsraelit MM e)um Judenhaß. <Sm einem tfljri Hen.> J Im Laufe des Sommers machte ich mit meiner - jüngeren Schwester eine Reise in die Schweiz. In \ Brunnen stiegen wir in einem Hotel ab, wo zur Zeit ' einige fünfzig Personen weilten. Es waren meist ältere ' Herrschaften. Juristen, Aerzte und Magister, — fast j ohne Ausnahme korrekt und langweilig. An dein Tisch, an den wir plazirt worden waren, führte eine I alte Excellenz aus Berlin das Wort. Alles lauschte mehr oder weniger ehrfurchtsvoll, und wenn Excellenz auch die absurdesten Dinge in semer kategorischen Art vorbrachte, wagte keiner zu widersprechen. Ich bedauerte die Situation meiner Schwester wegen, die, sonst nicht auf den Mund gefallen, hier kaum noch wagte, besagten Körpertheil anders, als zum Essen zu gebrauchen und sich, wie sie sich ausdrückte, „furchtbar > mopste." I Nach drei Tagen ungefähr kamen neue Gäste an, j die neben uns Platz fanden. Es war ein Doktor aus j Berlin mit seiner Gattin. Nun fing ein neues Leben j an. Der Doktor besah einen unerschöpflichen Humor! und ein ganzes Repertoir der prächtigsten Kalauer. Wir | kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus und bildeten j bald eine richtige «lustige Ecke", auf die von den älteren Herrschaften mit Mihmuth, von den wenigen jüngeren mit Neid geblickt wurde. Meine. Schwester schloß sich bald sehr eng an das Ehepaar an. „Du." sagte ich ihr, „Dr. F. ist Jude, weiht Du das auch?" Sie stutzte einen Augenblick. „Aber nein," rief sie aus.^das ist ganz unmöglich. Erstens haben Doktors absolut kein jüdisches Aussehen, und dann sind sie auch so reizend und der Doktor ist ein so nobler Charakter." Ich verstummte vor dieser Logik. Nach acht Tagen hatte ich die Gegend abgegrafi, da ich ein eifriger Gebirgswanderer bin, und ich beschloß, eine größere Tour über die Axenstraße, das Rauhthal und über die Furka zu machen. Auf eine Anfrage erklärte sich das liebenswürdige Ehepaar sofort bereit, mein Schwesterlein auf einige Tage zu bemuttern, resp. zu bebrüdern, und später mit mir in Wengen wieder zusammenzutreffen. So schob ich denn beruhigt ab. In Realp, im Alpenröschen, machte ich die Bekanntschaft eines Russen, eines Physikdozenten an der Universität zu Warschau. Er beabsichtigte gleich mir am folgenden Tag über Galerstock zur Furka zu wandern, und da wir Gefallen an einander fanden, machten wir die Tour gemeinsam. Er war ein bildschöner Mensch. man möchte fast sagen — ein Jdealmensch. Seine Allüren waren im allgemeinen tadellos, indeß hatte er eine mir unangenehm widerwärtige Angewohnheit. Alle zwei Minuten spuckte er seitwärts auf den Boden, und ich hatte anfangs jedesmal mit einem Gefühl des Ekels zu kämpfen. Von der Furka aus passirten wir den Rhonegletscher, gingen bei Neuschnee unter allerhand kleinen Lebensgefahren über das NägeliS Grätli bis zum Grimselhospiz. Von dort gings dann weiter über Guttanncn, Jnnertkirchen bis nach Miringen. Hier sollten sich ursprünglich unsere Wege trennen, da Leoszinsky, so hieß mein Gefährte, nach Genf, ich aber laut Verabredung, nach Wengen wollte. Am Abend vor der Trennung jedoch erklärte mein Freund, mich nach Wengen begleiten zu wollen. Wir wandelten also gemeinsam fürbaß nach Jnterlaken, über die Schienige Platte. Grindelwald, Scheideck. Wengeralp und kamen nach einigen Tagen in Wengen an. Tags darauf erschienen dort auch Doktors und mein Schwesterlein. Ich machte meine Reisebekanntschaften mit einander bekannt und widmete mich dann vorzugsweise den Alten, denen ich ja so Manches zu erzählen hatte. Nach einigen Tagen indeß fiel mir auf, daß Leoszinsky sich von mir zurückzog. Es schien mir. als ob er sich zuröckgesetzt glaube und ich nahm mir vor, dieferhalb ein paar Worte mit ihm zu reden. Er kam mir zuvor. Meine Schwester hatte mit den Berlinern einen Ausflug zum Staubbachbänkli gemacht und so saß ich allein aus der Veranda des „Nationale", als Mick plötzlich Leoszinsky anredete „Doktor, sind Sie verwandt mit den Leuten?" „Mit welchen Leuten?" frage ich verwundert. „Mit den Berlinern, mit denen Ihre Schwester gekommen ist?" „Verwandt-? — nein, es sind Reisebekanntschaften, wie Sie auch. Liebenswürdige, nette Menschen." ..Aber Doktor, sehen Sie denn nicht, daß die Menschen Juden sind?" „Aha," dachte ich. „bläht der Wind daher?" — „Natürlich sehe ich, daß es Juden sind. Aber was soll das? Oder wären Sie am Ende Antisemit?" „Ganz gewiß," ereiferte er sich, „ich hasse die Juden mehr, als Alles andere, und ich hungere lieber, als daß ich mit einem J«den gemeinsam an reichbesetzter Tafel speise." „Nun wohl." entgegnete ich gelassen, „wollen Sie mir nicht die Gründe Ihres Judenhasses auseinander setzen?" „All right." Und er ging aufgeregt mit großen Schritten vor mir her, indem er jeden Augenblick nach seiner Gewohnheit über die Balustrade der Veranda auf die Straße spie. -