Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1904)
- Date
- 1904-01-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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2? zum Erstarren bringen soll. Flucht aus der Welt. Fleischabtödtung. Askese ward den Gläubigen gepredigt. Das ist nun wieder ein Verlangen, das keine Logik den Kindern dieser Welt mundgerecht machen kann. Wir Menschen hängen an dieser Welt, die wir bewohnen, mit unzähligen Fasern unseres Herzens, wir können nicht glcichgiltig gegen die Genüsic. die sie uns bietet, bleiben. In unseren Adern fliegt Blut und pulsirt so frisch und lebendig, daß wir aufhören müßten. wir selbst zu sein, wenn wir uns nicht an diese Welt klammern würden. „So," sagt das Chriflenthum. „es fließt Blut in Eueren Adern, wir wollen dieses Blut schon erstarren lassen." Und der Kamps mit weltlichen Waffen begann, die Machthaber scknvelgren. um uns'für die Lehre zu gewinnen, daß wir das Fleisch abtödten müssen. Sie schufen eine weltliche Macht, um uns zu überzeugen, daß das Weltliche etwas ist, was überwunden werden muß. So paradox dies Alles auch klingt, so sind wir es nicht, die der Vorwurf der Paradoxie trifft, denn wir geben die Sachen nur wie sie in Wirklichkeit sind. Und nun noch ein Punkt, der unserer Ansicht nach Ursache der betrübenden Erscheinung der Religionskriege ist. Das Christenthum hat bekanntlich dem Denken den Laufpaß gegeben, erecko quia absurdum sagt einer Kirchenlehrer in der richtigen Würdigung des streng dogmatischen Charakters der christlichen Lehre. Nun hängt aber der Mensch an dem, was er als seine Auszeichnung vor allen Wesen der Welt erkennt, an seinem Denken. Dieser gefährliche Hang des Menschen zum Denken sollte nun unter allen Umstanden unterdrückt werden. Man schuf einen Kultus. der darauf ausgebt, den menschlichen Geist zu betäuben. man wirkt auf die Sinne, die ja eigentlich keine Rolle spielen dürften, da sie ja abgetödtet werden müßten — aber Inkonsequenzen müssen wir uns schon gefallen lassen — und wenn all dies nichts nutzt, so wird der rebellische Geist als Rebelle behandelt und der Unglückliche, der von seinem natürlichen Rechte, zu denken. Gebrauch macht, bezahlt dies mit seinem Leben. Wir wollen nun. um zu unserem Thema zurückzukehren, das Gesagte kurz resumiren. Wir haben erstens bewiesen. daß auch im Dienste des Humanitätsideals Grausamkeiten verübt wurden, woraus klar folgt, daß man niemals die Ideale für die Träger verantwortlich machen darf, wenn man nicht alle Ideale verwerfen soll; zweitens haben wir zu zeigen versucht, daß wenn wir einer Erscheinung in der Geschichte begegnen, daß man geistige Güter oder Wahrheiten mit Waffengewalt verbreiten will, diese Wahrheiten keine sein können, daß irgendwo ein logischer Fehler stecken mutz, den selbst die Träger und Verbreiter dieser geistigen Guter ahne« oder klar erkennen, da sie sonst nicht zu materiellen Waffen griffen. Wir haben.ferner gezeigt, daß man niemals für die Wahrheiten der Religion mit Waffen gekämpft hat, sondern entweder war die Religion Maste oder man kämpfte für die Unwahrheiten und Unmöglichkeiten, die einer bestimmten Religion anhaftcten. ebenso wie man für das Unwahre und Widerspruchsvolle in dem Humanitätsideal die inhumanen Waffen gebrauchte. Das Humanitätsideal an und für sich ohne religiöse Grundlage muß unfruchtbar bleiben. Das Ideal stammt ja aus dem Iudenthum, und damit es wirklich einmal zum Gemeingut der Menschheit werden kann, wird es.nöthig sein, daß man das Judenthum in seine Rechte einsehe. Man hat aus dem Judenthum ein Ideal hervorgeholt und es will und kann nicht lebengestaltend wirken. Wenn man eine exotische Pflanze in unseren Boden verpflanzt, verkümmert diese Pflanze sicherlich. So kann auch der Gedanke der Nächstenliebe nur in ihrem Boden, im Iudenthum gut gedeihen und segensreiche Früchte zeitigen. (Fortsetzung folgt.) Zettungsnachrtchtcn und (Lorresponderrzen. Deutschland. Berlin, Jan. (Jüdische Feiertage in den Fortbildungsschulen.) Der Minister für Handel und Gewerbe hat dem Vorstande des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens folgenden Bescheid zugehen lassen: „Auf die Eingabe vom 18. September 1903 erwidere ich dem Vorstände. daß ich wegen der Dispensation jüdischer Fortbildungsschüler vom Unterricht an den Samstagen und den hohen jüdischen Feiertagen im Sinne Ihres Antrages Entscheidung getroffen habe. I. A.: Simon." Berlin, 4. Jan. Aus Petersburg wird berichtet: Die Nachrichten über die Maßregeln der Anwälte der Juden im Kischinewer Prozeß bestätigen sich. Dem Rechtsanwälte Kalmanowitsch wurde die Ausübung seiner Praxis auf zwei Jahre verboten und der Mitarbeiter des Rechtsanwalts Karabtschewski wurde auf fünf Jahre in die Verbannung geschickt. Die elftere Maßnahme wird von der Negierung damit motivirt, daß Kalmanowitsch eine regierungsfeindliche Agitation unter den Juden betrieben habe, während letzterer sich bei den vor zwei Jahren in Moskau stattgchabten Unruhen politisch kompromittirt haben soll, was angeblich erst jetzt festgestellt wurde. München, i. Jan. Sehr groß ist die Zahl der aus Anlaß des Jahreswechsels von Sr. kgl. Hoh. dem Prinzregenten verliehenen Ordens- und Titelauszeichnungen und betrifft diese Ehrung auch viele unserer Glaubensgenossen. Es erhielten: den Verdienstorden vom hl. Michael 4. Kl. der Bezirksingenieur der Pfälz. Eisenbahnen. Vorstand des Jngenieurbezirks Landau und der Pf., Heinrich L e o y, detzgleic^n der Ober-