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Der Israelit · 1904-01-07 · Heft 2 (7.1.1904) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 2 (7.1.1904)
Date
1904-01-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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26 nun die sogenannten Religionskriege, so müssen wir vorausschicken, daß wir Juden niemals solche Kriege , geführt haben. Wir haben für unseren Glauben stets ' nur mit den Waffen des Geistes gekämpft, weil wir ' von der Wahrheit unserer Lehre überzeugt sind, w.'il : wir der festen Zuversicht sind, daß unsere Thora Kraft f der ihr innewohnenden Wahrheit die Alleinherrschaft ' erringen wird, daß sie vermöge ihres Lichtes siegen wird, daß sie zum Gemeingut der Menschheit werden i wird. Wir haben es auch verschmäht, unsere Lehre! den anderen Völkern aufzudrLngen, wir wissen uns frei von jenem unseligen Hange der Proselytenmacherei. Wir wollen nur durch das Beispiel wirken und im Uebrigeu vertrauen wir auf die Kraft derjenigen Wahrheiten, die uns von unserem Entstehen bis auf den heutigen Tage erhalten haben, die uns alle Anfeindungen überdauern ließen und die im Grunde genommen ohne unser makrielles Hinzuthun zum Theil schon heute auf die Gedankenwelt der Menschheit ihre segensreichen und befruchtenden Wirkungen ausüben. Das eigenartige Schauspiel von Religionskriegen hat das Christenthum und in erster Reihe der Katholizismus der Welt geliefert. Warum nun der Katholizismus zu den Waffen griff, liegt auf der Hand. Ihm war es ja, entgegen der ausgesprochenen Absicht des Stifters des Christenthums, auch darum zu thun, eine weltliche Macht zu begründen. Für die Begründung der weltlichen Macht kämpfte es mit allen Waffen, die vorhanden waren. In diesen Kämpfen ward es seinen Prinzipien untreu und der Glaube war ihm nur die Maske, hinter der die brutale Begierde nach irdischem Besitz nur nothdürftig verborgen werden konnte. Diese weltliche Macht zu erlangen, war aber für oas Christenthum eine Daseinsbedingung. Denn ohne sie war es gar nichts. Was gut an ihm war an geistigem Gut, war nicht neu. und was neu war. war nicht gut. Sehen wir in erster Reihe, was aus dem echtjüdischen Gedanken der Nächstenliebe unter dem Einfluß des Christenthums geworden war. Die Nächstenliebe ward, wie behauptet wird, bis zur Feindesliebe erweitert und es wurde die psychologisch unerfüllbare Pflicht gepredigt, daß wenn man mir die linke Seite meines Gesichtes unsanft berührt, ich mit einer Verbeugung vor dem rohen Kerl auch die rechte Seite hinreichen soll. Das ist ein unmenschliches Verlangen, und weil un- . menschlich, auch ,unjiidisch. Diese Sklavenzüchterei kann man allerdings durch Waffen des Geistes allein niemals erfolgreich betreiben. Sollte die primitivste Regung von Menschenwürde erstickt werden, so mußte man zu radikaleren Mitteln greifen. und als das sicherste Mittel für diese Ersticküngstheorien empfahl sich Menschenblut. Und nun kommen noch zwei Momente hinzu. Die Religion bekanntlich tritt dem ganzen Leben selbstständig entgegen. Sie erhebt Anspruch, es von sich aus zu gestalten, ^u gestalten dadurch, daß sie dem Menschen inmitten der Zeit ein ewiges Sein, inmitten der Welt eine Ueberwelt erschließt, daß sie ihm eine Offenbarung göttlichen Wollens, ja göttlichen Wesens zufllhrt. Sie will die allerhöchste schlechthin abschließende Welt eröffnen, an ihrer Unendlichkeit und Ewigkeit den endlichen und sterblichen Wesen Antheil geben. Indem die Religion so unermeßliche Aussichten eröffnet, ein so hohes Ziel in alle Enge und Mühe des menschlichen Daseins hineinpflanzt, erhält das menschliche Leben eine ungeahnte Größe und Würde. Was ihnen das Leben an Heroischem enthält, das hat seine tiefsten Wurzeln in der Religion. Nichts konnte den Menschen bis zur letzten Tiefe erregen, nichts seine volle Hingebung gewinnen, was nicht an seine Religion anknüpft. Ja. es scheint aller Glaube der Menschheit und des Menschen an sich selbst, alle Größe und Würde unabtrennbar von einem Fühlen des Unendlichen und Ewigen in sich selbst. Jegliche Begeisterung zu großen Thaten hat seine Wurzel in diesem Gedanken der Ewigkeit und Unsterblichkeit unseres Seins. Das Judenthum hat es aber auch verstanden, diesen Gedanken der Unsterblichkeit als Triebfeder zu rem menschlichen Thaten zu gestalten, es hat verstanden, diesen Gedanken des Himmlischen in uns zum Mittelpunkte. unseres diesseitigen Lebens zu erheben, indem es uns als Pflicht und Aufgabe das Streben zuerkannte, die Verbindung von Himmel und Erde, von Geist und Materie in unserem Leben zu einer Wahrheit zu machen. Der erste Mensch, so erzählen uns unsere Weisen, reichte von der Erde bis zum Himmel, als er aber sündigte, da ward er kleiner. Der Gedanke. dem hier unsere Weisen bildlich das Wort leihen, ist kein anderer als der, daß der Mensch die natürliche Verbindung zwischen Himmel und Erde ist. und er ist es so lange, bis er es versteht, sich in allen seinen Bedürfnissen nach dem über seinem Leben stehenden Gottesgesetze zu richten. Nicht ein Aufgeben des diesseitigen Lebens zu Gunsten eines jenseitigen fordert das Judenthum, sondern eine Durchdringung unserer materiellsten Bedürfnisse mit dem geistigen Gehalt unserer Pflichten, eine Unterordnung unserer Begierden unter das Gesetz, eine Durchgeistigung des Trieblebens, das nicht verkümmern soll, sondern durch die sie begleitenden Gedanken der jüdischen Lehre geadelt werden soll. Es ist innerhalb des Kreises der jüdischen Gesetzeslehre Raum genug für die Entfaltung unserer irdischen Triebe. Neigungen und Begierden. Und dadurch. daß sie sich innerhalb dieses Kreises entfalten, erhalten sie Würde. Größe und Weihe. Aus diesem Gedanken des Jenseits machte nun in unjüdischer Weise das Chrisienthum einen Gedanken, der an die heidnische Lehre des Budhismus erinnert. Aus dem befruchtenden Keime, den der Gedanke der Ewigkeit und das Jenseits auf das diesfeitge Leben des Juden übt, ward eine Pflanze gezüchtet, die das diesseitige Leben des Christen

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