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Der Israelit · 1904-01-07 · Heft 2 (7.1.1904) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 2 (7.1.1904)
Date
1904-01-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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45. Jahrgang. sie Meilage z« Jä 2 ta» „Israelit". Pie ethische» Strom»»®« Lee Ee-r»s»tt o»L da» Iadeith»». Von Dr. Herma«« Klein—Frankfurt a. M. (Fortsetzung.) Wenn wir uns nun di: Frage vorlegen, wie es wirklich geschehen konnte, daß die Religionen den Gedanken der Zusammengehörigkeit der Menschen nicht nur nicht gefördert, sondern geradezu unterdrückt haben, wenn wir uns ferner fragen, wie es geschehen konnte, daß Träger ter religiösen Ideen zu blutgierigen Hyänen wurden, wenn es sich um Bekenner einer anderen Religion handelte, so wollen wir, bevor wir diese Frage beantworten, auf eine analoge Erscheinung Hinweisen, die den schlagenden Beweis erbringen wird, wie unrichtig und unvorsichtig es ist, aus dieser Erscheinung den Schluß zu ziehen, daß die Religionen in ihren Folgeerscheinungen demoralisirend gewirkt haben. Die ethische Kultur hat als Ideal die Humanität hingestellt. Wir erinnern uns nun, daß es eine Zeit gegeben hat, in der man dieses Ideal predigte — und wäre es nur beim Predigen geblieben! Dieses Ideal war das Losungswort einer ganzen Epoche, einer Epoche, in der man mit dem Alten gründlich aufräumie, in der man allen Mißbräuchen, die sich im Laufe der Zeilen in das gesellschaftliche Leben eingenistet hatten« den Krieg erklärte, in der man unbarmherzig alles Alte zertrümmerte, in. der Alles, selbst das Höchste und Beste, als gefährlich galt, weil es eben alt war, und in der verschwinden mußte Alles, was vorhergehenden Generationen Befriedigung, Glück, Erhebung gewährte. Es war dies die Epoche der französischen Revolution. Und als nun die Propheten und Helden der neuen Zeit daran gingen, ein neues Gebäude auf den Trümmern der alten Welt aufzubauen, als sie neues Leben aus den Ruinen wecken wollten, da geschah das Unerwartete, daß sie der Welt ein Ideal gaben, das uralt war, das aus den Geisteskammern des Judenthums geholt war, nur mit dem einzigen Unterschiede, daß sie die Bedingung, unter der allein dieses Ideal lebengestaltend wirken kann, verneinten. „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit," von diesen drei Worten widerhallte die ganze gesittete Welt. Das Humanitatsideal war als Gesetz dekretirt, es trat an die Stelle der Religion, beglückte die Menschen, berauschte die Menge, und — nun kommt das Merkwürdige — bewaffnete die Arme der Machthaber. Die eifrigsten i Verfechter der n-uen Ordnung, die eifrigsten Verehrer der neuen Dreieinigkeit, die berufenen Hüter und Wächter der Gesetze, die neuen Priester der neuen Ideale schlachteten und mordeten im Dienste der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit. Die Kerker wurden überfüllt, die Henker hatten die Hände voll zu thun und die Fabrikation von Guillotinen nahm einen ungeheuren Aufschwung. Wollten wir nun nach der Jodlschen Methode verfahren, so hätten wir hier den Be» weis erbracht, daß auch das Humanitatsideal unsittlich wirkt, daß mich dieses Ideal nicht halt, was es verspricht, daß es auch nicht die Kraft hat, selbst die Träger dieser Ideale zu Menschen zu machen, daß auch für diese Ideale und durch sie Blut geflossen ist. Aber wir dürfen uns mit einem derartig wohlfeilen dialektischen Sieg nicht begnügen. Wir müssen versuchen, der Sache auf den Grund zu kommen. Jedoch wolle» wir das Eine festhalten, daß es zu ganz komischen Resultaten führt, wenn wir die Ideale für ihre Träger verantwortlich machen. Es bliebe uns dann kein einziges Ideal übrig. Zur Erklärung der immerhin merkwürdigen Erscheinungen diene Folgendes: Wenn Träger von geistigen Gütern sich der materiellen Waffen bedienen, um den geistigen Gütern die Herrschaft zu sichern, so müssen sie selbst keine allzu hohe Meinung von der Macht des Geistes, der ihren Gütern innewohnt, haben. Geist kann nur durch Geist gefördert werden. Bedient man sich zur Verbreitung angeblicher Wahrheiten anderer als geistiger Waffen, so stellt man diesen Wahrheiten ein Armuthszeugniß aus. Man bezeugt damit, daß man selbst nicht von diesen Wahrheiten durchdrungen ist, daß man selbst ahnt, daß die Wahrheiten keine sind, daß sie vermöge der ihnen innewohnenden geistigen Kraft nicht die Alleinherrschaft im Gedänkenleben der Menschheit erringen können. Die Propheten der Revolutionszeit ahnten dies, sie wußten, daß der denkende Mensch in den Idealen „Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit" einen inneren logischen Widerspruch entdecken wird.'— Ist Freiheit gleichbedeutend mit schrankenloser Willkür, die Freiheit zu begehren Alles, was begehrenstverth erscheint, zu handeln, wie es der individuellen Neigung gefällt, so dürfte es schwer halten, das geringste Maß von Gleichheit zwischen den mit verschiedenen Neigungen ausgestatteten Individuen herzustellen. Sollte wieder die Gleichheit um jeden Preis gerettet werden, so müßte die Freiheit darunter leiden. Diese Widersprüche sollten aber nicht aufgedeckt werden, und Blut war daradikalste Mittel, um dem grübelnden Verstände Stillstand zu gebieten; die Freiheit zu denken und zu forschen wollten die Machthaber unter dem Worte Freiheit jedenfalls nicht verstanden wisse«. Betrachten wir

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