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Der Israelit · 1904-01-04 · Heft 1 (4.1.1904) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 1 (4.1.1904)
Date
1904-01-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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45. Achrgang. eilage zu jf& 1 des sraekt". ZWO Dl- Ri-Htili Hilslh y"Li. ,! i Frankfurt a. M.. 15. Tamus. Das in banger Sorge Gefürchtete ist leider einge- | treten, unsere Hoffnungen, daß rvspn in Seiner Gnade j das Verhängniß von uns abwenden und den schwer-- i erkrankten theuren Mann seiner Familie, seiner Gemeinde, dem Judenthum erhalten werde, sollten sich nicht verwirklichen, der Allmächtige hatte es in unerforschlichem Rathschluffe anders bestimmt — am Morgen des 12. Tewes ist Justizrath Dr. R a p h t a l i Hirsch aus dem Leben geschieden. Eine der herrlichsten und merkwürdigsten Gestalten. die vielleicht jemals auf Erden gewandelt, ist mit Naphtali Hirsch in's Grab gesunken. Ob es uns wohl mit unseren schwachen Kräften gelingen wird, das I Charakterbild dieses seltenen Mannes zu zeichnen, in I diesem Augenblick zumal, wo die Wunde, die sein Heimgang uns geschlagen, noch so frisch, und die Gruft, die seine irdische Hülle umschließt, kaum geschloffen? Nicht Jedem war es vergönnt, in das Tempelheiligthum seines inneren Wesens einen Blick zu wer-, fen. Wer aber auch nur für kurze Augenblicke im Eden seiner inneren Welt geweilt, der mochte wohl staunen über die Geistesfülle und Verstandesschärfe, die ihm innewohnte. Aber das besitzen andere auch. Geistesfülle und Verstandesschärfe besaß Navhtali Hirsch mit manchen Anderen seines Standes. Daß aber dieser Geist hervorgeblüht war aus dem Schoße der jüdischen Wahrheit, in deren Dienst sein Leben stand, daß dieses Herz eine ganze Welt umschloß und .in dieser großen Welt die jüdische, das Judenthum, die Judenheit: das machte ihn zu unserem theuren Kleinod, zu unserem köstlichen Schatze, dadurch ward er unser Stolz und unsere Zierde, darum blutet heute das Herz, wo er nicht mehr in unserer Mitte weilt, und wird stürmisch aufgewühlt von wildem Weh. Vieles war Naphtali Hirsch .dem Judenthum, alles das Judenthum ihm. Wer ihn flüchtig sah und sprach, der mochte glauben, er sei ein kühler Verstandesmensch, herangereift unter dem Sonnenstrahl einer juristisch-staatswiffenschaftlichen Bildung, mit den Idealen eines Realpolitikers. Wir aber wußten, und dieses Bewußtsein. machte uns stolz auf ihn. daß sein ganzes Wesen im Judenthum wurzelte, daß er. ein echter Jehudi nach altem Schlag, seine beste Kraft und jeden Augenblick der Muße, den er in feiner Derufsthätigkeit als Rechtsanwalt erübrigen konnte, den altjüdischen Thoraidealen, wie sie in den höchsten Glanzperioden, der jüdischen Vergangenheit die Brust gottbegeisterter Manner erfüllten, daß er der große Sohn seines großen Vaters war. Lebendig wirkte der Geist unseres großen Rabbi-, ners Samson Raphael Hirsch s. A. in seinem jüngsten Sohne fort. Die ängstliche Scheu, mit. der er jedem. Scheine einer Aweroh aus dem Wege ging, ohne Rück- ' sicht auf die materiellen Opfer, die seine Gewissenhaftigkeit ihm auferlegte, die peinliche Sorgfalt,bei Ausübung einer jeden Mizwoh, die heitere Ruhe in leidvollen Augenblicken, wenn ein theures Glied seiner' Familie ihm entrissen ward, oder für ernste, Erfolgreiche Arbeit die verdiente Anerkennung ihm versagt blieb, die feine Ironie, mit der er das Unlogische, Wider-' spruchsvolle und Unmoralische in den Erscheinungen des politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens der Gegenwart zu geißeln wußte («die meisten Menschen leiden an Begriffsverwirrung/ pflegte er oft zu sagen), die warme Liebe, mit der er sich, so oft es ihm seine kostbare Zeit erlaubte, dem Thora-, seinen: Lieblingsstudium, weihte, die beseligende Harmonie seines milden, sanften Wesens, gepaart mit einer Seelenhoheit von imponirender Gewalt, seine goldene Feder, die stets den Kern der Sache traf, die packende. Kraft seines Wortes, die zündende Gewalt seines Beispiels. wie er eS verstand, mit dem Zauberflabe seiner inneren Größe sein Haus zu einem Paradiese zu gestalten, das Keiner je betrat, ohne die Ueberzeugung zu gewinnen,' daß hier ein seltener Mann schaltete und waltete, wie er die Thronen zahlloser Armen trocknete, ihnen in Noth und Sorge ein treuer Anwalt ihres Rechts war — wer hätte diese großen Eigenschaften an Navhtali Hirsch bewundert, ohne an seinen großen. Vater erinnert zu werden? Naphtali Hirsch war ein tiefer Welt- und Menschenkenner. Mit scharfem Blick verfolgte er die Ereignisse seiner Zeit und schaute er in das Gewoge derihn umgebenden Welt. Er sah das Treiben, Hasten und. Jagen der sogenannten Kulturmenschheit, wie sie sich in unstillbarer Sehnsucht nach festen, bleibenden Idealen verzehrt, er kannte die Strömungen des politischen und wissenschaftlichen Lebens aus eigener Anschauung und wußte nur zu genau, daß die Tendenzen dieses eitlen Weltgetriebes um. Meeresfernen noch,von öem jüdischen Menschheitsideale entfernt seien, dqs . j» seinem Lebensbuche, der Thora, verzeichnet steht) er sah Kollegen. Rechtsanwälte, jüdische Rechtsanwalts die sich einbildeten, ihre Lebensaufgabe besteh« darin, dafür zu sorgen, daß ihr Geldbeutel zu seinem Äechte komme, das alles sah und kannte er genau — und von der

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