Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1904)
- Date
- 1904-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 , bei Neudorf auf großartige Lumpereien gekommen, am liebsten hatte ick ihn Knall und Fall davongejagt. Mer das geht im Augenblick nicht. Ich habe es ihm auch auf den Kopf zugesagt, daß er ein Filou ist. Er behauptet, ich thate ihm unrecht, die ganze Differenz käme daher, daß seine Frau, die die Wirthschaft auf dem Gut geführt hat. vor Kurzem gestorben sei. — Na, mag das sein, wie es will, über die Vergangenheit will ich einen Strich machen. Aber so weiter gehen darf es nicht. Nun haben Sie mir gesagt, daß Sie etwas von der Landwirthschaft verstehen —* »Bitte sehr, Herr Krawanni, ich habe mich vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt, seit zwölf Jahren habe ich mich doch nicht mehr um dergleichen gekümmert — ich hatte sagen sollen, daß ich etwas von der Landwlrthschast verstanden habe —* »Ach, das ist einerlei. Sie machen keinen so dummen Eindruck, daß man glauben könnte, daß Sie das, was Sie bis vor zwölf Jahren verstanden haben, jetzt nicht mehr verstehen sollten. Und übrigens, wenn Sie auch vielleicht manches vergessen hatten, sowie Sie hinauskommen, werden Sie sich schon wieder an alles erinnern. — Und nun komme ich zu meinem Vorschläge. Ich möchte Sie als Wirthschafierin auf dem Gute engagiren —" ' „Verzeihen Sie, Herr Krawanni. daß ich Sie unterbreche. Aber wenn ich als Wirthschafierin auch die Küche übernehme, d. h. auch kochen müßte — das könnte ich nicht, manche Speisen freilich wohl, aber manche auch nichts »Hatten Sie auch nicht nöthig, Frau Müller, es sind Mägde genug auf dem Gute; was Sie nicht selbst thun können oder wollen, das können Sie durch eine Magd thun lassen. Sie sollten nur die Oberaufsicht über das Ganze haben, und was unter Verschluß gehört. verschließen. — Und nun kommt die Hauptsache, dem Verwalter scharf auf die Finger sehen, und sowie Sie ihm auf etwas kommen, müßten Sie mich sofort davon benachrichtigen. Wenn Sie das übernehmen würden, so würde ich Ihnen dafür in einem Nebengebäude freie Wohnung für sich und Ihre Familie geben und außerdem könnten Sie alle Lebensmittel und alles Heizmaterial etc. für sich und Ihre Familie aus der Wirthschaft nehmen. An baarem Geld könnte ich Ihnen jedoch vorläufig nicht viel mehr als zehn Gulden monatlich geben. Waren Sie damit einverstanden?" Der armen Frau, die sich in jüngster Zeit so übermäßig hatte anstrengen müssen, um sich und die Ihren kümmerlich zu ernähren, erschien dieser Vorschlag wie eine übergroße Gnade Gottes. Zu antworten vermochte sie jedoch nicht sofort. Der Gutsbesitzer mißdeutete ihr Schweigen. »Erscheint Ihnen mein Vorschlag nicht annehmbar?" »O doch, doch —" flüsterte sie, »dann hatte doch unsere Noth ein Ende —" »Das meine ich. auch," sagte er, »in gewisser Beziehung wären Sie da schon geborgen. Aber ich denke mir, wenn Sie sich in einiger Zeit wieder in das Landwirthschaftliche hineingearbeiiet haben und der Herr Müller wieder gesund und kräftig sein wird, so könnte er vielleicht mit Ihrer Unterstützung den Posten des Verwalters übernehmen, den ich dann fortschicken würde. Aber wie gesagt, darüber können wir heute noch nichts vereinbaren, das müssen wir der Zukunft überlassen. — Nun, wie ist's, nehmen Sie meinen Vorschlag an?" „Mit tausend Freuden würde ich ihn annehmen, nur muß ich bemerken, daß ich mich am Sabbat und an unseren Feiertagen um nichts kümmern könnte." „Das brauchen Sie auch nicht, ich bin überzeugt. Sie werden irgend einen Modus finden, daß Sie, ohne Ihre Rcligionsgesetze zu übertreten, mich vor Schaden schützen werden." * Sie überlegte einige Augenblicke. „Das, würde ich allerdings auch hoffen — aber versprechen könnte ich es für Sabbat und Feiertage nicht." „Je weniger Sie versprechen, desto mehr vertraue ich Ihnen," entgegnete der Gutsbesitzer lächelnd, »und darum verlange ich kein anderes Versprechen von Ihnen, als daß Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich bin überzeugt, wir würden uns beiderseitig gut dabei stehen: ich wäre vor Schaden geschützt und Sie vor der übergroßen Anstrengung, durch die Sie gegenwärtig belastet sind, denen Sie jedoch für die Dauer schwerlich gewachsen sein würden. Außerdem stehen ihnen sämmtliche Vorräthe auf dein Gute für Ihren Bedarf zur Ver- . fugung. Sie brauchen nicht zu sparen, wie Sie das jetzt vermuthlich müssen. Unser Fleisch essen Sie freilich nicht, dafür können Sie sich für jeden Samstag Geflügel nehmen, und so lange Herr Müller leidend ist, können Sie täglich ein Huhn für ihn nehmen. Die frische reine Luft draußen wird ihm sicherlich auch Wohlthun. — Nehmen Sie meinen Vorschlag an. Sie werden es nicht bereuen." „Das fürchte ich.auch nicht." sagte sie gevreßt, indem sie die Hand fest gegen das Herz drückte, es pochte plötzlich so stark, so überlaut, denn die Aussicht auS drückender Noth urplötzlich in eine verhältnißmäßig sorgenlose Lage zu gelangen, hatte etwas nahezu Berauschendes für sie; aber ihr war, als dürfe sie sich dieser Hoffnung nicht überlassen.. „Ich würde es freilich nicht bereuen, wenn ich Jhren.. so überaus, gütigen Vorschlag annehmen wurde — ob . aber Sie es nicht bereuen wurden? —. ob meine Leistungen Ihren berechtigten Anforderungen entsprechen würden? —" »Liebe Frau Müller, das lassen Sie meine Sorge