Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1904)
- Date
- 1904-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 der Verwaltung^ und Militarbeamt» immer mehr unseren Brüdern. So findet man in Bayern, in dem noch vor wenigen Jahren eine Reihe höherer, jüdischer Offiziere aktiv waren, heute Linen einzigen solchen , mehr. Die Mittel und Mittelchen, die unsere Glaubensgenossen zur Beseitgiung dieser Zustande anwenden, sind alle mehr oder weniger unzulänglich, ja oft gar lächerlich. Wollte doch sogar der Redakteur eines jüdischen Blattes im äußersten Osten unseres Vaterlandes eine große jüdische Volkspartei begründen, natürlich unter dem Hohngelächter aller derer, die sich nur ein klein wenig mit Politik bef-Hm. Eine Besserung der Zustände in unserem Daterlande ist für uns nur von der fortschreitenden Kultur und Bildung zu erwarten. Jedes taktlose und ungeschickte Eingreifen kann die Sache eher verschlimmern, wie Lessermachen Seien wir bescheiden, verzichten wir einstweilen freiwillig auf die höheren Stellen im Heere und im Justizdenste, und die Zeit wird sicher nicht mehr fern sein, wo man uns solche ohne unser Zuthun aubieten wird. In Frankreich ist die klerikale Partei noch immer eng mit den Feinden unseres Volkes verbunden, doch sucht glücklicherweise eine kräftige Regierung die Uebergriffe beider hintanzuhalten. Hoffen wir, daß es der schönen und freien Republik gelingen möge, sich ihrer Feinde endlich ganz zu erwehren. Die Dreyfus- Affaire, die in den jüngsten Tagen wieder aufzuleben fcegomten, macht auf keiner Seite irgendwelchen Eindruck mehr. Man hat sich seit Jahres den Magen damit überladen und hüben und drüben will man möglichst wenig mehr davon hören. Die Rehabiliiirung des Kapitäns ist ja auch für alle Gebildete im Geilte längst vollzogen, und für die Andern wird er trotz allem und allem stets und ständig der Verräther bleiben. Die antijudische Bewegung in England ist geeignet, das Herz jedes Israeliten mit Schmerz und Trauer zu erfüllen. War doch England feit den Tagen Cromwells stets dasjenige Land, das seine Arme unseren Brüdern weit und offen entgegengestreckt hatte. Vor anderthalb Jahrzehnten war das Jnselreich das erste Land, das in offener Proiestversammlung. an der die höchsten Beamten und einflußreichsten Persönlichkeiten theilnahmen. seinen tiefen Abscheu über die russischen Greuel kundgab. Und nun dieser Wandel, der sich zwar langsam, aber in unheimlicher Weise fortschreitend, vollzieht. Seit Jahren findet ein unaufhörlicher Zuzug russisch-jüdischer Einwanderer nach dem britischen Reiche statt, und wenn auch ein großer Theil derselben in England ganz neue Jndustrieen geschaffen und damit diesem Lande nur großen Nutzen bereitet hat. so ist doch nicht zu leugnen, daß ein anderer Theil den englischen Arbeitern Brod, Licht und Luft hinweggenommen. Eine Ausbreitung in Veite, noch unbebaute Strecken, wie sie in Amerika statthaben kann, ist in diesem Lande ausgeschlossen, und so setzt eine antijüdische Bewegung ein. erst langsam, dann immer stärker werdend. Wir glauben und wünschen, daß die praktischen Engländer auch dieser Bewegung Herr werden. ohne unseren Brüdern dabei Schmerz zu bereiten. Oesterreich darf für sich dm Rrchm in Anspruch nehmen, daß bei ihm, wie in keinem anderen Staate Europas, der Judenhaß zu einem politischen System ausgebaut worden ist, mit welchem alle Machtfaktoren der Gesellschaft, der Hof, der Adel, die Bureaukratie und das Burgerthum nicht nur rechnen, sondern mit dem sie sich befreunvet und abgefunden haben. Mächtig sind allerdings im. abgelaufenen Jahre auch alle zentrifugalen Bestrebungen dieses vielsprachigen Reiches gewachsen. Es gab Momente, in welchen eS fast unmöglich schien, diesen komplizirten Organismus beisamenzuhalten, Momente, in welchen die allgemeine Auflösung, der Krieg Mer gegen Alle drohte. Das nationale Prinzip, das anderweitig in so eminentem Maße staatenbildend wirkte, hat in Oesterreich unermeßliche Verheerungen angerichtet, und die Grundsäulen der Staatsordnung sind in's Wanken gerathen. Daß unter solchen Umständen auch wahrend des Jahres 1903 im öffentlichen Leben Oesterreichs von jener Gleichheit vor dem Gesetze, die durch die Verfassung gewährleistet ist. von der Gleichberechtigung aller Konfessionen nicht die Rede war, daß vielmehr die antisemitische Bewegung ständig gewachsen, ergab sich aus der staatlichen Ohnmacht. In diesem Lande sehen die Zustände sehr trostlos aus. und es ist nicht abzusehen, wann es hier besser wird. * Nur mit tiefstem Schmerze gehen wir an die Schilderung der Schicksale unserer Glaubensgenossen in Rußland. Wir haben es schon in unsrer Betrachtung zum 45. Jahrgange gesagt, daß der eine blutige Schmerzensschrei Kischinew im vergangenen Jahre unsere übrigen Sorgen und Leiden ubertonte. In allen Ländern, in denen seit hundert Jahren die Volk« sich erhoben und die alten Fesseln sprengten, bildete der Mittelstand die Vilze, die in^den reifen Trauben die Säbrung hervorriefen und sie in edlen Wein umwanwandelten. Die Pilze werden entweder von der Kelter erdrückt, oder ste erwachen in de» ausfließenden Naß zu neuem, höberen Leben. In Rußland bilden nun die Juden den Mittelstand. und die Gabrung ist eben dort in vollem Gange. Ein jüdifcheS Proletariat in einer Masse, wie es kein anderes Land der Erde mebr kennt, das in einem Elende dahinlebt. von. dem stck der Westeuropäer kaum einen Begriff machen kann. Lat stch entweder der Sozialdemokratie oder der .niedersten Form des Zionismus ersehen. Beide Bewegungen werden von der rrffifchen Reqieruno oefurchiet Md verfolgt. Vielfach ist eS der russischen Reaieruna wAlkommen, daß gerade Juden sich an der Sozialdemokratie Letheiligeu, denn dann kann sie unsere. Brüder als Prügelknabe benutzen, um ihren lick» Ruff» zu