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Der Israelit · 1903-03-16 · Heft 21 (16.3.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 21 (16.3.1903)
Date
1903-03-16
Page
– (sequence 19)
Language
German
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geben? Dabei schlaft man nicht in der Nacht aus Angst, daß einer von ihnen Bankerott wird! Papiere kaufen? Können sie morgen nicht fallen? Und wenn gar Krieg wird? Ländereien, David, das ist noch die beste Hypothek. obgleich sie nur vier Prozent geben! Und warum nicht mehr? Weil Jeder sie nehmen kann!" „Können sie etwa die Ländereien nicht einziehen?" „Wer?" fragte der Vater erschreckt. Der Jüngere drehte sich nach ihm um. „Aber sind wir denn in Frankreich oder in England, wo das Eigenthum heilig ist? Kann es bei uns 'nicht vorkowmen, daß es der Regierung beliebt, den Bauer zu kaufen und den Herrn zu verkaufen? Wird sie damit viel Umstände machen?" „Das ist ein sehr vernünftiges und tief politisches Wörtchen, welches Du soeben aussprichst," erwiderte kopfnickend der Alte. „Aber wenn nur die Hälfte der Ländereien übrig bleibt, dann gehen sie in die Höhe, das müssen sie. Das Kapital ist noch immer nicht verloren.?lber in Papieren? Au waih! Eine einzige Stunde_Aber ich sollte von etwas Anderem reden," fuhr der Alte nach einer Pause fort. „Von Deiner künftigen Verheiratung, Deine erste dort mit jener häßlichen Jüdin, das war schon nichts! Wozu aber sticht Dir nun wieder diese Lija in's Auge? He! Das sah ich schon. Was soll Dir das Judenmädchen? Sie ist zwar allerliebst! Aber was heißt das? Geh nach Warschau, und Du wirst sehen, was dort für Frauen sind! Und Alles kann man haben, ohne großen Kummer! Aber hier! Au waih! Sollst Du Dein Leben verlieren für solch ein ungebildetes Mädchen, welches, wenn Du wirst sein ein großer Herr, mit Dir nicht sitzen kann im Salon und plaudern? Du mußt haben eine Feingebildete; Du bist so klug, das Glück wartet schon auf Dich. Deine Frau muß aus großem Hause sein und erzogen, wie für den königlichen Hof. Nu, und Lija, was ist die? — Eine Aufwäscherin!" „Ich aber gedenke, wenn ich mich wieder verheirathen sollte," sagte David mit Gähnen, „ich gedenke mir keine Frau für den Salon zu nehmen, sondern lieber ein einfaches, unverdorbenes Mädchen!" „Ah bah! Das sind Redensarten," erwiderte der Alte mit unzufriedener Miene. „Das ist in den Wind gesprochen! Das wäre sogar sehr klug, wenn es nicht gar so dumm wäre! So kann wohl ein gewöhnlicher, gemeiner Jude reden, der seine Kinder nach der Bibel haben will! Uns aber thut etwas Anderes noth. Die Frau ist auch ein Kapital! Du bist so erzogen und so reich, ich sage Dir, daß Du ein großer Mann werden mußt. Ich kenne solche, die Deine Ferse nicht werth sind, und doch in Karossen fahren und Orden tragen. Nu, und wenn Du erst ein großen Mann bist, was willst Du dann mit solcher Lija, die nur Brod und Nudeln backen kann, und schneidern gelernt hat? He? Nu, und wo willst Du sie hinführen? Auf den Ball, in die Ressource oder in's Theater? Und sie will vielleicht noch Schminke und Pflästerchen auflegen, und redet sie irgend ein großer Herr an, so bedeckt sie ihre Augen mit der Schürze! Dir thut etwas Anderes noth! Wer sie auch sein mag, sie muß Deutsch oder Französisch, aber nicht — Jüdisch erzogen sein!" Zuletzt erhob sich der Alte vom Sessel und sprach: „Was ist da weiter zu sagen? Sie ist ein Judenmädchen. Wir aber müssen schon aufhören, Juden zu sein. Wir haben schon genug daran!" David junior widersprach dem nicht, gähnte und reckte sich. Auch der Alte setzte sich wieder und versank in Nachdenken. „Du weißt," sagte er nach einer Pause, „wozu Du es bringen kannst, mit Deinem Kopfe und meinem Gelde. Minister kannst Du werden! Ha! ha!" Hierbei schwenkte er mit der Hand und löschte das Licht aus. Anfangs wollte er es wieder anzünden, als er aber an den Schäbbos dachte, überfiel ihn abergläubige Angst. Und diese wieder schämte er sich, dem Sohne zu zeigen. Er zog daher die schon ausgestreckte Hand wieder zurück. „Nu! 's ist auch so hell genug," flüsterte er. Ueber die Lippen des Sohnes flog fast unmerklich ein Lächeln. Er erhob sich langsam vom Sessel und schickte sich an. mit weltlichem!lltuthe das Licht anzuzünden. Und nachdem er also den Vater beschämt, setzte er sich wieder und brannte sich ruhig seine Cigarre an. Auch diese Freude gönnte sich der Alte nicht, obwohl er den Tabak sehr liebte, am Schäbbos hielt er sich von ihm zurück. Aber ohne diese Erfüllung des Gesetzes einzugestehen, schützte er Kopfschmerz oder etwas ähnliches vor. „Also — also! An diese Lija darfst Du gar nicht denken!" fuhr er fort, indem er noch immer etwas ängstlich nach dem angebrannten Lichte blickte. „Was kann sie haben? Ich will es Dir an den Fingern herzählen. Der ganze Handel des alten Jankiel, wenn man ihn auch noch so hoch rechnet, das Haus, die Fabrik und den Laden — nu, was kann das sein? Hundert, höchstens hunderzwanzigtausend Rubel! Nu, was ist das? Zum Spinnen ist's für solchen Mann, wie Du bist!" „Ich dächte, wir hätten schon genug!" „Wie heißt? Was kann genug sein?", erwiderte höchst erstaunt der Aeltere. „Was heißt genug? Kann man jemals genug haben? Wie kannst Du, solch ein kluger Mann, so thöricht reden?! Wann kann man Geld genug haben? Mit Geld macht sich Alles! Aber ohne Geld ist der größte Verstand — Dummheit. Ich will Dir schon ausfuchen die zweite Frau! Lija, das ist einmal eine Frau für Moschele, oder irgend einen anderen Juden! Du aber laß sie zufrieden!" „Aber wenn ich sie nun gar zu sehr liebte?" fragte lächelnd der Jüngere.

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