Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 21 (16.3.1903)
- Date
- 1903-03-16
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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„Wie heißt?" rief der Me. „Wie kann solch ein gescheiter Mensch, wie Du, nur so entsetzlich dumm sein? Denn das ist geradezu Unvernunft, einem Weibe sein Leben hinzugeben für ihre schönen Augen! So ein Mann, wie Du, muß wissen, daß die Liebe nur ein Strohfeuer ist, das, je Heller es brennt, desto schneller erlischt!" Der Sohn lachte über die Maßen. Der Vater aber war eistaunt und beglückt über diese Art von Anerkenntniß, wenn auch nicht gerade in der angenehmsten Form. Er blies sich noch mehr aus und war sichtlich hocherfreut. Hier wurde jedoch die Unterhaltung gestört. Beide wären gewiß zufrieden mit sich schlafen gegangen, hätte es in diesem Momente nicht an die Thüre geklopft. Dies war etwas so Ungewöhnliches am Schabbos und in so später Stunde, daß der alte David fast, erschreckt vom Sessel aussprang und über die Maßen erstaunte, als er einen wohlgestalteten, schönen, jungen Mann von hohem Wüchse und mit edlem Gesichte eintreten sah, den er anfangs nicht erkennen konnte. . Er stand auf und sah ihn genauer an. Sein Sohn aber erheb sich kaum etwas vom Kanapee, um den Gast sich anzusehen. Erst nachdem er besser hingesehen, und' in ihm an der Kleidung und Haltung einen anständigen Mann erkannt, stand er auf und schob sich Mütze und Klemmer zurecht. „Entschuldigen Sie, verehrter Herr David Seeback. meine Zudringlichkeit, noch dazu am Festtage, und zu solcher Stunde." „Ah! An der Stimme erst erkenne ich Herrn Jakob," ries der Alte. „Mer woher des Landes noch so spät?" „Verzeihen Sie mir, ich werde es Ihnen erklären," sprach lebhaft unser Jakob, denn er war dieser verspätete Gast. «Unser Gesetz verbietet jedes Geschäft und jede Unternehmung an dem Tage, der dem Gebete, und Gott geweiht ist. Aber in diesem.Gesetz ist auch gesagt, daß man auch am Sabbat retten kann, sogrr ein Thier, geschweige denn einen Menschen!" „Verehrter Herr Jakob!" unterbrach ihn der Alte, „wir gehören schon längst nicht mehr zu jenen Abergläubigen, die am Sabbat sich, scheuen, Feuer anzubrennen und Hemdknöpfe abzureißen. Nu! Nu! Also bitte ich, Platz zu nehmen! Was gibt es denn? Womit kann ich dienen? — Ah. entschuldigen Sie. das ist mein Sohn David! — Und dies Herr Jakob, unser, weitläufiger Verwandter, von dem Du gewiß schon viel gehört hast!" Der jüngere David hatte von dem Vielen nur das Eine gehört, daß Jakob von einem Berliner Bankier ein bedeutendes Vermögen geerbt habe. Und das genügte. um ihn sehr freundlich aufzunehmen. Man bat Jakob wiederholt, Platz zu nehmen. Er setzte sich, obschon sichtlich ungeduldig. - „Vielleicht haben Sie noch nicht gespeist?" fragte der Wirth des Hauses. „Nachdem ich etwas spat in Ihrem Städtchen angelangt." erwiderte der Gast, „verrichtete ich erst unsere Andacht, ging in die Synagoge und betete, und setzte mich dann mit meinem Wirthe zu Tische. Ich bin also nicht hungrig!" „Ah! Sie gehen noch in die Synagoge?" rief der Alte verwundert. „Nu, siehst Du David," wandte er sich zum Sohne, „wie schön ist dies! Ein so fein gebildeter, verständiger, gescheiter Mann, wie Herr Jakob, hält doch immer seine Gesetze!" Jakob neigte auf diesen Lobspruch hin das Haupt. Der Sohn zuckte die Achseln, lächelte und sagte gar nichts. „Ich bin Jude," sprach Jakob nach ^kurzer Pause, „und ich werde es immer sein!" Der Alte war sichtlich sehr froh über diese Worte. Der Sohn lachte halblaut voc sich hin und sagte endlich: . „Ueberlassen wir das eines jeden Gewissen!" Jakob schwieg. „Nu! Nu!" rief der Alt«. „Aber was ist das für ein Geschäft, daß Sie von Rettung aus Gefahr sprachen?" „Ich wende mich an Sie," erwiderte Jakob, „weil wir, wenn immer auch nur entfernt verwandt sind,, ich also das Vertrauen in Sie setze, daß Sie mir Ihre Hilfe nicht versagen werden. Die Sache ist diese: Aus meiner Reise in Italien, von welcher ich soeben zurückkehre, traf ich einen jungen Polen, der, obschon Flüchtling und freiwilliger Emigrant, sich so sehr nach der Heimath sehnt, daß er durchaus zy. ihr zurückkehren wollte. Er war so arm. schwach und zermartert, daß mir Herz und Gewissen geboten, ihn zu retten. Er war aus Polen vor einigen Jahren geflohen, weil er in irgend eine politische Angelegenheit verwickelt war." „Au waih!" unterbrach ihn der Alte kopfschüttelnd und mit der Hand schwenkend. „Politik! Politik! das ist ein schlimmes Ding, ein sehr schlimwes Ding!" Der Sohn starrte an die Decke und schwieg. „Er erhielt irgend einen Paß," fuhr Jakob fori, „und bestand darauf, trotz der Gefahr, mit ihm in das Vaterland zurückzukehren. Ich brachte ihn zwar bis zur Grenze, und würde ich ihn auch noch weiter mitgenommen haben, hätte er nicht selbst aus'edler Besorgnis er könne, wenn er zufällig gefaßt würde, mich kompromittiren, mich heimlich verlassen, um vorauszueilen! Der brave Bursche gelangte glücklich über die Grenze. Auch ich überschritt sie ein paar Tage daraus. Aber stehe da! Als ich die Zollkammer paffirte, war eben eine Anzeige über ihn eingetroffen, mit feinem Signalement, dem in feinem Passe genannten Namen, und dem Befehle, ihn zu verfolgen und zu verhaften.!" Der Alte krümmte sich, wie ein Wurm. (Ftstz. f.> Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Main?. — Expedition de« ^iSraelit". EchottSratze Nr. 2. Mainz. Druck und Berlag der Jod. Eirtb'fchen Hofbuchdruckerei Aetien-TekeUfchrckt in Main».