Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 21 (16.3.1903)
- Date
- 1903-03-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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466 gebracht, der Vater las sein Gebet und segnete Niemand. Seit Jahren Wittwer, hatte er außer dem Sohne und den Dienern Niemand tm Hause. Man saß also zu Zweien bei Tische und die ganze Unterhaltung war nicht sehr erbaulich. David, der Vater, der immer zu Späffen aufgelegt war, und sich ihrer, wie einer ziem- ■ lich leichten Waffe zum Herauswickeln. sogar in den kritischesten Augenblicken des Lebens bediente, liebte es, auch mit dem Sohne Witze zu reißen. Das befreite ihn vo» jeder strengeren Kritik der Dinge. Sein Sohn war nicht von Charakter, sondern aus jener Klugheit, welche er vor der Welt zeigen wollte, weit gesetzter. Von blasirter Gestalt und Erscheinung, war er in anderer Weise schlauer, als der Vater. Letzterer, obschon völlig gleichgiltig für den Glauben und sogar bemüht, ihn zu verspotten, namentlich vor dem Sohne, der gar keine „Vorurtheile" mehr bewahrte, hatte dennoch etwas Unerklärliches an sich. Wenn die großen Festtage herankamen, wenn das Gesetz von ihm die Beobachtung gewisser Förmlichkeiten forderte, fühlte er über deren Vernachlässigung eine Art von Kummer. Er war dann oft unruhig im Geheimen, im Stillen. In der Dunkelheit flüsterte er ein Gebet, dessen er sich schämte vor den Menschen. Es schien ihm, als ob dies irgend ein Unglück von ihm abwenden könne. Dem alten Gott gehorchte er nicht mehr, aber er fürchtete ihn noch etwas, und doch wollte er vor der Welt keine Angst an sich zeigen. An jenem Tage wusch er sich, trotz der Anwesenheit seines Sohnes, dessen Spott er fürchtete, einigemal geschickt die Hände und lispelte im Winkel einige ihm noch erinnerlich gebliebene Gebetchen. Auch den Wein hatte er, so gut es ging, geweiht, bevor er das Glas dem Sohne reichte. Aber alles dies geschah nur verstohlen und durchaus nicht feierlich. Der Sohn schien von alledem nichts zu sehen. Er war ein ziemlich stattlicher, junger Mann, auf dessen Gesicht sich heute sichtlich ein Gefühl ausprägte: Stolz und Selbstbefriedigung. Dies nährte der Vater mit Lobsprüchen und abgöttischer Liebe. Der Sohn aber vergalt ihm dies durchaus nicht durch Hochachtung. Er war vielmehr gleichgültig, fast verächtlich, meistens geringschätzend gegen den Vater, dem er bei jeder Gelegenheit seinen Mangel an Bildung und Kenntnissen vorwarf. Der Vater staunte über die Klugheit seines Sohnes und demüthig entschuldigte und rechtfertigte er sich vor ihm. David jr. saß bei Tische im Schlafrock, mit der Cigarre im Munde trotz des Schabbos, und mit dem goldenen Klemmer auf der Nase. Diesen Klemmer, den er oft abnahm, denn in der That hinderte er ihn am Sehen, hatte er jetzt auf die Stirne geschoben. Bei Tische gab es Fische, noch als Reste alten Brauchs, etwas Braten und Thee. David sen. schnitt das Brod und flüsterte sogar etwas dabei, aber dann schämte er sich und verschluckte den Rest des Gebetes. Sein Sohn fing schon an, ihm spöttisch etwas unter die Nase zu trällern. Lange saßen sie schweigend. Der Vater schaute dem Sohne in die Augen. Der Sohn legte die Beine auf einen Sessel und trällerte weiter. „Nu! Nu! Worüber denkst Du so nach?" rief endlich der Vater. „Doch nicht über die Heiligkeit des Sabbats?" „O nein! Was weiß ich von der Königin Sabbat! Kaum erinnere ich mich noch, daß wir den Schabbos früher anders begingen. Heutzutage ist es doch schon lächerlich, solche Ceremonien aufzuführen, wie drüben der alte, dumme Jankiel! Aber der läßt sich nicht auslachen!" „Nu warum willst Du ihn denn auslachen?" fragte der Vater. „Warum denn nicht? Ist dies nicht altes, dummes Judenpack? Wer würde das sagen, wer würde das glauben, daß dieser alte Lump augenscheinlich mit Unwillen, ja sogar mit Verachtung auf uns herabsieht? Das ist noch der echte Jude." „Nu, nu! Was schadet dies uns?" fragte David senior. „Werden wir etwa davon arm werden, oder verhungern?" „Nein, nein, gewiß nicht! Ich machte mir auch gar nichts daraus, hätte er nur nicht solch allerliebste Tochter!" Der alte David klatschte in die Hände. „Was ist das? Wie?" rief er finster. „Vergiß nur nicht, daß Du verheirathet bist, wenn Du auch mit der Frau nicht zusammen lebst! Was soll Dir die Arme? Daß Du noch an diese Dummheit denkst! Gibt es so wenig Solche und noch weit Schönere auf der Welt? Hast Du nicht, sobald Du Dich von Jener scheiden läßt, unter ihnen die Auswahl? O waih! Nu! nu! Würdest Du Dir nicht dann sogar eine Bürgerstochter nehmen? Gibt es nicht genug ähnliche Beispiele? Bist Du erst geschieden, mußt Du Dich ordentlich wieder verheirathen. Was sollen mir diese gewöhnlichen Juden! Ich will sie nicht! Sollen wir denn immer solche Jüden bleiben? Du weißt, wenn ich wollte, könnte ich Dir heut' solch' eine Besitzung kaufen, wie sie hier herum kein Adliger aufzuweisen hat!" „Ach!" sprach der Sohn. „Was soll uns die Besitzung? Was soll uns diese Sorge? Unser Geld arbeitet auch so." „Ja, das ist wahr! Aber Du weiß doch, wie? Je mehr man geben soll, desto größer ist die Angst darum! Wer sich so heraufgearbeitet hat, wie wir, der riskirt niemals sein ganzes Kapital. Aber was soll man damit anfangen? Wie? Es unseren Bankiers