Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 21 (16.3.1903)
- Date
- 1903-03-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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4 \ rj& -tNW: Orthodoxe «NuderrthumÄ RONO^fj; 16.MarzI80S/j lNr. 12 HMD BKIlTPaD: Zeitgemälde von I. I. Nraszewski in autorisirter Übertragung 201 „Bin ich nicht, wie. ich sein müßte," sprach Jan-; kiel, „so will ich mich bemühen, es zu werden. Betrübe Dich nicht unnöthig um mich, dies geht vorüber!" „Aber ich weiß, was Dich quält!" „Gut, so sprich mir heute nicht davon," sprach, die Stimme senkend, Iankiel. „Sprich nicht davon, dies hieße, den Feiertag muthwillig verbittern. Beten wir lieber! Denken wir an Gott!" ' Rahel schwieg also. So endete der Sabbat Abend Ln diesem Hause von altem, israelitischen Schlage. Selten bemerkt man noch irgendwo eine ebenso genaue Beobachtung der durch die Ueberlieferung geheiligten Gebräuche. —- Gegenüber Jankiel's altem Hause stand das hölzerne, aber ziemlich stattliche David Seebach's, nach welchem durch das dunkle Fenster ihres Schlafgemachs die Augen der schönen Lisa spähten, ehe sie sich schlafen legte. Lange stand sie da und blickte mit Unruhe und Sehnsucht in die hellerleuchteten Fensterscheiben der gegenüberliegenden Behausung. Seufzend und sinnend, gesenkten Hauptes, schien sie sich in einen Schmerz zu vertiefen, der sie sichtlich erfüllte. .David Seebach, Vater und Sohn, die Eigentümer und. Bewohner des benachbarten Hauses, waren gewissermaßen die Bankiers des kleinen Städtchens. In der That beschäftigte sich David, der Vater, seit vielen Zähren mit Geldgeschäften. Der alte Iankiel, der sich mit Handel beschäftigte, hatte von jeher einen Widerwillen gegen diesen Menschen, obgleich er ihm bis zum Ueberdruß entgegenkam. Dieses Haus war weder ein jüdisches, noch ein christliches. Obgleich man für das Auge noch in ihm die alten Gesetze und Gebräuche aufrecht erhielt, legte man ihnen in Wirklichkeit keinen Werth bei, that man dies nur zum Schein, gleichgültig und spöttisch. David selbst spielte, sobald er mit Juden verkehrte, den Juden. Mit Fremden aber und den Christen verlachte er die Juden und rühmte sich, längst aller Vorurtheile ledig zu sein. Er aß überall, wo es ihm paßte und war oft an Feiertagen unterwegs. Mit einem Worte: er hatte nichts in sich, was ihm den Mangel an Glauben ersetzte. Er warf ihn .geringschätzig bei Seite, weil er ihm unbequem war. Davids Sohn, auch David der Jüngere genannt, wurde in Warschau erzogen und bald war jede Spur seiner Abstammung an ihm verwischt. Anscheinend war er ein sorgfältig gebildeter, junger Mann, in Wirklichkeit aber äußerst verderbt, auf den Gelderwerb ebenso erpicht, als sein Vater, und in den Mitteln hierzu durchaus nicht wählerisch. Herr Seebach liebte auch seinen Sohn schwärme-- risch, war über die Maßen stolz auf ihn und prophezeite ihm großes Glück. An jenem Tage, da der Sabbat in Jankiel's Hause feierlichst begangen wurde, hatte man bei Herrn David zwar auch die Leuchter angezündet und den Abendtisch gedeckt, aber das Opfer an Brod und Wein wurde nicht