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Der Israelit · 1903-03-16 · Heft 21 (16.3.1903) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 21 (16.3.1903)
Date
1903-03-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Feierlichkeit.daß die Leute, die nicht verstehen könnten, däß'er üls Jude bei dieser Gelegenheit den Vorsitz führe, „lieblos" seiest und nicht den wahren, christlichen Geist zeigten. Cr freue'sich, zugegen zu. sein, denn er sei aufgeklärt genug, andern Glaubensbekenntnissen gegenüber Duldung zu zeigen, und die Sache einer Gesellschaften vertreten, die in der' ganzen Welt unermeßbar viel.Gutes gethan habe. - Der Premierminister, Lord Balfour, hielt eine etwa 20'Minuten dauernde Ansprache. Er sagte, daß die Bibel,.wenn man die Religion außer Betracht lasse, eine große Wohlthat für die führenden Wissenschaften gewesen sei. Aber es seien nicht die Wissenschaften für den Erfolg der-menschlichen Gesellschaft zu loben, sondern die Religion. Sie sei die treibende Kraft bei aller Arbeit^ die von -Erfolg gekrönt werde. Der. Premierminister'bekannte sodannbaß er fest daran glaube, daß die Bibel immer noch die Quelle der Hoffnung und der Belehrung sei.- Für die Gelehrten, die aber deßhalb dem'himmlischen Königthum keineswegs näher stünden, als-die .andern, habe die heilige Schrift heute sogar . größeres'Interesse, als vielleicht jemals zuvor. Daß man im Standessei,.trotz trennender, religiöser Ansichten sich auf den gemeinsamen Boden der Bibel zu stellen, das müsse die Barmherzigkeit stärken und den Blick erweitern. Mr. Balfour schloß mit einem Appell, religiöse Einigkeit und religiöses Zusammenwirken zu fördern. . . ~ Zu der vorstehenden Rede Minister Balfours bemerkt der „Daily Graphic": Die durchdachte und vielsagende Rede, des' Premierministers ist einer der vielen ' Beweise von der immer wachsenden Ehrfurcht, welche die heiligen Schriften in einem Zeitalter einflößen, welches nach gewöhnlicher Ansicht mehr durch Unglauben gekennzeichnet ist, ckls irgend eine Epoche'menschlicher Geschichte. Als Mr. Gladstone den Sorgen der Downingsiraße den Rücken kehrte und den alten, orthodoxen Ansichten über biblische Wahrheiten und Inspirationen sich.zu widmen,, da hielten ihn viele seiner jüngeren Freunde für altmodisch. Die Zeiten, so erklärte man. hätten sich geändert, seit der Zeit, wo ein König von Preußen und ein Czar von Rußland ihre Mußestunden religiösen.Betrachtungen widmeten, und allen Ernstes einen. Staatenbünd in Vorschlag bringen konnten,- durch den die -Mächte veranlaßt werden. sollten, ihre internationale^ Beziehungen -nach Hess Lehren einer Offenbarungsreligion einzurichten. And doch bleibt es wahr, daß trötzsder Veränderung dex Zeiten der Einfluß der Vibel-"keine Einbuße. erNtten'hat,^ Der deutsche Kaiser ist vielleicht weniger orthodox.^ als Czar Alexander I., undMr^BglH>.ur gHört' sicherlich nicht derselben, religiösewSchülg Sm' wie.Mr. Gladstone. und doch sind Beides-- in ihrer Anhänglichkeit^an - das Wort Gottes der-Mw-'Nichristlichen Glauben' starb. ' Mr^TBÄfMtisshkaMdiU Wahrheit, als er sagte, daß die philologische Kritik und die vergleichende Theologie mehr zur Stärkung, als zur Schwächung der Kraft der Bibel gedient hatten'. . . Die einigende Kraft der Bibel wurde gestern im Manfionhoufe merkwürdig dadurch belegt, daß der Vorsitzende ein Mitglied der alten Raffe war, deren Ruhm es ist, unter göttlicher Leitung die Schriften geschrieben zu haben, und daß die Hauptrede zum Preises der Bibel von einem hervorragenden Engländer gehalten wurde, den man einst als den Verfasser eines t Werkes kannte, welches den Titel trug: „Vertheidigung des philosophischen Zweifels." ' Ruß L a n b. Petersburg, im März. (Aus. den Geheimnissen der russischen Censur.) Es ist für jeden Kenner der russischen Presse keine Neuigkeit mehr, daß sowohl die gesammte russische Intelligenz, als ‘ auch der größte Theil der in Rußland erscheinenden Blätter mehr oder weniger lebhaft mit den Juden sympathisirt. Daher ist es,-schon längst ausgefallen, daß, während die antisemitische Presse tagtäglich über die Juden herfällt, die liberalen Blätter die. in Rußland brennende Judenfrage todtschweigen, noch für die. Verfolgten niemals lebhaft Partei ergreifen. Das - Räthsel findet nun durch ein im „Woschod", Nummer . 5 d. I. veröffentlichtes Schreiben des Herrn A. Petritschew, Redakteur der Zeitung „Baku", ihre ganz natürliche Lösung. Derselbe schreibt unter Anderem: Als Herausgeber Äner Provinzialzeitung war ich niemals in der Lage, einen den Juden günstigen Artikel in meinem Blatte zu veröffentlichen, denn' es wurde mir kategorisch und ein für allemale erklärt: „Mit jüdischen Dingen soll sich die jüdische Presse befassen. Eine russische Zeitung hat sich davon fernzuhalten." Ich habe ünes Tages eine Serie, von Artikeln in einer andern liberalen Zeitung veröffentlichen wollen. Meine Arbeit konnte aber aus „von der Redaktion unabhängigen Gründen" nicht veröffentlicht werden, und ich besitze das Manuskript, welches ich als historisches Document mir aufgehoben habe, bis auf den heutigen Tag noch. Vor einigen Jahren schlug ich einer der hauptstädtischen Zeitungen (welche bekanntlich ohne Präventivcensur erscheinen) vor, sich doch über die Judenfrage auszusprechen. Ich wurde vom Chefredakteur angesehen, als wenn ich nicht recht bei Trost wäre. „Was: fällt Ihnen denn ein? So was läßt sich ja gar nichts ° . machen!" Für die „Now'oje Wremja", die mich wegen > dieses Schreibens flugs zum. Juden stempeln möchte, : füge ich hinzu, daß ich ein rechtgläubiger Christ unh.eim Vollblutrusse hin. m ’■■■ Man steht, welche Machtmittel derin Rnßlandsbe-°s! stehenden antisemitischen 'Nebenregierung zstr.^Ver-:57. sügung stehen. Selbst die Censur stellt sich ungHheut^ -in^enDiensi der Judenfxesftr und verbietet den Antisemiten volle Preßfreiheit gewiHA"' *

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