Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 20 (12.3.1903)
- Date
- 1903-03-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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4SI Onkels in St. Petersburg verabschiedete, um in Wien die Universität zu besuchen. Er blieb einige Jahre daselbst; fiübiuc besonders Eameralwissenschaften, National - Oekonomie und Natuvwissenschaft, und kehrte dann zu seinem Pflegevater, im Alter von 21 Jahren, zurück, um nun persönlich die Verwaltung der Güter zu übernehmen. Denn auch der Baron hatte seit dem Tode der Baronin zu kränkeln angefangen. Seit dem Tode der Baronin hatte auch Pater Firmian das Schloß verlassen. Abraham erfuhr von seinem Pflegevater, daß er den Pater ersucht habe, für ihn eine langwierige Angelegenheit zu ordnen, die ihn wohl längere Zeit fern hielt. Aber es herrschte ein lebhafter brieflicher Verkehr zwischen dem Baron und dem Pater. Erst gestern war .ein Brief desselben aus Brüssel eingelaufen, der Grüße für Abraham und die innigsten Segenswünsche für seine Verbindung mit Frl. von Korff enthielt. Der Baron benützte diesen Brief, um auf diese Weise so direkt und kurz als möglich die delikate Angelegenheit zum Austrag zu bringen. Er überreichte ihn Abraham, und sein Erröthen beim Durchlesen der wenigen Zeilen bestätigte dem Baron, was ihm ohnedies nicht zweifelhaft war, und was ihm auch Abraham bald darauf selber gestand, die beiden jungen Leute waren schon längst einig, vielleicht noch bevor es die Alten waren. „So ganz von Pappe sind wir auch nicht," sagte der Baron zu seinem Pflegesohn. „Ob wir Alten oder Ihr Jungen diesmal die Ueberlisteten sind, wollen wir für jetzt dahin gestellt sein lassen. Die Hauptsache ist, daß wir einig sind. Mein Bruder wünscht nun, daß Du vor Eurer Verlobung noch einige Wochen in St. Petersburg bei ihm bist. Ich halte es für rathsam, daß Du die Reise unternimmst, bevor Du die Verwaltung meiner Güter, die jetzt die Eurigen werden, antrittst; überhaupt daß alles, Verlobung, Heirath und Ucbernahme der Verwaltung, sobald als möglich geschieht, denn die Ahnung, daß ich kein alter Mann werde, beschleicht mich öfter, als je, und häufige Asthmaanfälle bestätigen mir diese Ahnung nur zu nachdrücklich." Liebevoll suchte der Pflegesohn diese Befürchtungen zu zerstreuen, aber die Thatsachen zeigten, daß diese Besorgnisse nicht unbegründet waren. „Ich werde Dich für nächste Woche in St. Petersburg avisiren, und Euch als bereits verlobt deklariren, damit wegen dieser Formalität die Hochzeit nicht unnützer Weise hinausgesckwben ^u werden braucht. Auch werde ich das ganz offen als mit Rücksicht auf meinen Gesundheitszustand'verlangen. Bist Du damit einverstanden?" „Vollkommen, theurer Vater, bis auf den letzten Theil der-Begründung. Es wäre mir unerträglich schmerzlich, mein Lebensglück mit der Trübung des Lcbensglücks meines Vaters und beispiellosen Wohlthäters begründen zu sollen." „Hast Du nach dieser Seite hik außerdem irgend' ‘ einen Wunsch, über den ich. nach Petersburg berichten soll?" —; - „Einen solchen habe ich eigentlich nicht. Nur dachte ich immer, daß Pater Firmian einmal unsere Ehe ein-. segnen werde. Das ist wohl ausgeschlossen, wenn der-- selbe so weit von hier ist; derselbe schreibt ja, daß er wohl nach Paris reisen müsse; auf.diesen Lieblingswunsch werden wir wohl, Kathinka und ich, verzichten müssen. Denn meine Braut verehrt den Pater ebenso; wie ich; ich habe ihr so viel von seinen vortrefflichen Eigenschaften erzählt, daß wir auch in diesem Punkte.. Lbereinstimmen." >. „Das kann sich schon machen; ich denke ohnedies; noch vor Deiner Reise mit Dir über die Ursache der Abwesenheit des Pater Firmian und noch einiges andere, was damit zusammenhängt, zusprechen; wir kommen also darauf zurück. Jetzt aber will ich schreiben. Wenn der Brief in der nächsten Stunde nicht abgeht, so kommt er 24 Stunden später an. In Deinem - glücklichen Alter spielt man noch mit der Zeit., Ihr bemeßt den Werth einer Sache nach dem Preis, der dafür bezahlt wird, und weil die Zeit nichts kostet, gehen so Viele verschwenderisch mit ihr um. Sie kostet aber nur deßhalb nichts, weil es keinen Werthgegenstand auf Erden gibt, der ihr entspricht. Wem die Lebensuhr abgelaufen ist, der kann für alle Millionen nicht eine Minute mehr erkaufen. Wer weiß, über wieviele vierundzwanzig Stunden man noch zu verfügen hat? Pater Firmian sagte mir einmal beim Lesen des Pre-; diger Salomonis, daß die Worte: „Keiner ist Herr über den Geist, zurückzuhalten den Geist!" von einem jüdi-, scheu Weisen so erklärt würden: „Keiner kann, wenn die Stunde geschlagen hat, in welcher der Geist den Körper verlassen soll, zu dem Todesengel sagen, warte, bis ich meine Rechnung abgeschlossen, bis ich mein Haus bestellt habe, er wartet nicht eine Minute." Sinnend verließ Abraham das Zimmer. So hatte sein Pflegevater noch nie gesprochen.' Und wie er Pater Firmian zitirte und einen jüdischen Weisen! Der Gedanke an Pater Firmian war vielleicht durch seine eigene Erwähnung angeregt worden. Es war allerdings seine redliche Absicht, einmal von ihm getraut zu werden. Aber noch viel mehr empfand er das Bediirsniß, sich, bevor er den entscheidenden Schritt seiner Verheirathung vollzog, sich mit seinem väterlichen. Freund über Vergangenheit und Zukunft auszü- :• sprechen. Seine Segenswünsche sprachen allerdings für eine Billigung seiner Verbindung mit Frl. von . Korff. Aber vielleicht konnte er nicht anders, vielleicht hatte ihn der Brief, der ihm zur Beantwortung vorlag,' genöthigt, in diesem Sinne zu schreiben« .Der Ge^ danke, zum Judcnthum, in dem er erMen wär, je zu-- rückzukehren, war ihm ganz entschwunden. Alber der jüdische Weise, den sein Pflegevater soeben zitirte, und der merkwürdige Ausspruch desselben, versetzten ihn