Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-03-12 · Heft 20 (12.3.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 20 (12.3.1903)
Date
1903-03-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449910--57811-2520560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

426 und doch diese Schlaflosigkeit! \n er „Ein Wunder war es." sagen £rn. Diesen Gedanken führen sie im Midrasch noch weiter aus: Jene Nacht war für Viele eine schlaflose. Die Königin traf Vorbereitungen zu dem morgigen Gastmahl, Mordechai brachte die Nacht zr im Gebete. Israel in Bußübung. Haman wiederum in. seinen Vorkehrungen für die Hinrichtung Mordechai's; da sprach der Herr zu dem Engel des Schlafes: „Meine Kinder alle sind in der Noth, und der böse König pflegt der süßen Ruhe! Gehe hin und verscheuche den Schlaf von seinen Augen!"— Nicht minder ungewöhnlich ist auch der weitere Verlauf. Der König läßt die Chronik bringen und sich daraus vorlesen, um den ersehnten Schlaf herbeizuführen, doch vergebens. Unter den vielen Ereignissen dieses gewaltigen Reiches wird merkwürdiger Weise gerade die Verzeichnung der Errettung seines Lebens durch Mordechai aufgefunden, die seiner Zeit kaum beachtet wurde, während sie heute die besondere Aufmerksamkeit des Königs fesselt, und dieses gerade in dem Augenblicke, da Haman die Königliche Genehmigung zur Hinrichtung Mordechai's sich erbitten will. Daß auch hier nicht der blinde Zufall gewaltet, deuten die Midraschlehrer in schöner, allegorischer Weise an. „Der Engel," sagen sie, „der dem König den Schlaf geraubt, rief ihm wiederholt zu: Undankbarer, stehe auf von Deinem Lager und belohne Deinen Wohlthäter! Der König ließ in Folge dessen die Chronik hcrbeibringen, und die Söhne Haman s daraus vorlesen. Als sie an die das Verdienst Mordechai's betreffende Stelle kamen, wollten sie diese umgehen; aber die Schriftzeichen entflohen und stellten sich vor den König und lasen sich gleichsam selbst vor." * Der Gedankengang dieser Midraschstelle ist wohl folgender: Es sei von Haman's Seite schlauerweise versucht worden, die Belohnung Mordechai's zu hintertreiben. Gott aber habe die Aufmerksamkeit des Königs von Neuem darauf gelenkt und sie in wunderbarer Weise von Haman selbst vollziehen lassen. Vemerkenswerth ist der Widerspruch in Haman's Vorschlag bezüglich der Ehrung, der die oben erwähnte VermuthUng ^vn Haman's Ziel sei die Krone gewesen, nur bestätigt. In der Meinung nämlich, er selbst könne nur der zu ehrende Mann sein, spricht er das große Wort gelassen aus: WC noba ire fw irw »Man setze die Königl. Krone auf sein Haupt," ein Rath, der begreiflicher Meise den König stutzig gemacht haben mochte, weßhalb der schlaue Patron, dieses bemerkend, schnell eisten Rückzug macht, indem er im weiteren Verlauf seiner Rede vorsichtiger Weise nichts mehr davon erwähnt. — , Daß mit Mordechai's Ehrung zugleich der Stern Haman's zu sinken anfängt, können ihm auch seine eigenen Freunde nicht verschweigen. Sehr charakteristisch ist es, daß die früheren »Freunde" jetzt nur noch „seine Weisen" heißen. Hier wird die alte Erfahrung von Neuem bestätigt: die Echtheit oder Unecht-, heit der Freundschaft zeigt sich am klarsten, wenn es einem Menschen schlecht zu gehen anfängt. Gam lereehu jissone rosch weauhawai leoschir rabbim, sagt schon der weise König. Diese Wendung der Freundschaftsgefühle findet ihren Ausdruck in den Worten: „Wenn Mordechai von den Nachkommen der JehMm ist, so wirst Du nichts gegen ihn vermögen, sondern Du wirst fallen, fallen vor ihm." „Dieses Volk." so läßt der Talmud sie sprechen, „ist ein ganz merkwürdiges, bald werden sie mit den Sternen verglichen, bald mit dem Staub der Erde. Wenn sie fallen, so stürzen sie tief zur Erde, steigen sie aber, so geschieht es hoch bis zu den Sternen." Die Ehrung Mordechai's ist daher nur der Anfang seiner Erhebung, und diese bedeutet für dich eine doppelte Diese erfolgt auch bald und merkwürdigerweise gerade gelegentlich der vermeintlichen Auszeichnung, die Haman in seiner Einladung zum Mahle bei der Königin erblickt. Wir können uns nicht versagen, hier auf die Verschiedenheit der Ausdrücke und hinzuweisen, in der — nach einer uns mitgetheilten Erklärung im Namen des Rabb. Salomon Pleßner — eine Feinheit der hebräischen Sprache unverkennbar ist. Während nämlich eine minderwertige Bitte bedeutet, drückt nppa ein sehr dringendes Anliegen aus? Als die Königin ungerufen beim König erscheint, bedient sich dieser der Form: inrpa na Der Midrasch legt hier Achaichwerosch die Worte in den Mund: „Ich sehe. Deine Bitte muß sehr dringend sein, da Du Dich einer Lebensgefahr ausgesetzt; nun, sie soll Dir gewährt werden, und beträfe sie auch die Hälfte des Königsreiches." Der Umstand aber, daß Esther ihre Bitte hinausschiebt, läßt in dem König Zweifel über die Wichtigkeit derselben aufsteigen, und er wählt daher später beide Ausdrücke: „Was ist Dein Wunsch oder: „was ist Dein Begehr 'ive'pa?" „Es ist in der That Zweifaches," erwidert Esther, „was ich erbitten will; 'vbrwa '»ö: für meine Person habe ich nur einen Wunsch, w 'ntrpir für mein Volk aber habe ich ein gar dringendes, bedeutendes Begehren; die Erhaltung meines Volkes gilt mir mehr, als mein eigenes Leben." Sie weist den König ferner auf den Verlust hin. den der Staat durch die Vernichtung eines ganzen Volkes erleiden würde, und wuthentbrannt verläßt er den Saal, sich nach dem Schloßgarten begebend. „Hier" — sagte der Midrasch — „sieht er Geister in Menschengestalt, nab'rr 'ipya xpz die Bäume entwurzeln. Was treibt Ihr dort? Sie erwidern: Haman hat uns dieses befohlen." Damit soll wohl gesagt sein, seine Gedanken waren mit dem Schaden beschäftigt, den Haman durch die beabsichtigte Ausrottung der Juden hätte anrichten können, der Verlust stand ihm in greifbarer Gestalt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.