Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 19 (9.3.1903)
- Date
- 1903-03-09
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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423 Und Er wird ihnen ihr Nnrechi vergelten, und wird sir um ihre Bosheit vertilgen. Der Herr, unser Gott, wird sie vertilgen!" (V. 23.) Jankiel sprach dann noch einige Gebete, die das Gesetz auf diesen Tag vorschrieb, und da er noch etwas Zeit erübrigt, öffnete er den Talmud und schlug zufällig das Buch Verachot mit folgender Erzählung auf: Der heidnische Cäsar verbot den Israeliten bei Todesstrafe, sich mit der Lehre der heiligen Schrift zu beschäftigen. Der unerschroclene Rabbi Akiba aber schaarte die Eifrigen und Mmhigen um sich und lehrte offen weiter, wie bisher. Ein gewisser Papus, auch ein Israelit, der als ein überaus kluger Mann galt, näherte sich ihm zitternd und bebend und sprach: „Unvernünftiger? Fürchtest Du nicht den Zorn der Heiden? Last ab von der Lehre des Gesetzes und rette Dich!" ,,£)!" erwiderte unwillig der Gelehrte, „bist Du cs. dessen Verstand man so rühmt? Dein Verstand also ist nichts anderes, als nur Thorheit! Höre meine Fabel und urtheile dann selbst über Deinen Rath!" Einst sah ein Fuchs vom Flußufer aus die Fische sich im Wasser hin und herwerfen. „Was für eine Gefahr bedroht Euch?" fragte er sie. „Sie wollen uns hie und da fangen!" sagten die Fische. „Sie haben Netze im Wasser ausgestellt, und dies erschreckt uns!" — „Ihr Aermsten!" rief der Fuchs. „Warum rettet Ihr Euch nicht hierher an das Land? Hier wäret Ihr vollkommen sicher! Verlaßt dies Euch schädliche Wasser! Kommt an das Land! Wir werden in Eintracht hier leben, wie einst unsere Väter." „Bist Du jener Fuchs," riefen die Fische, „dessen Schlauheit Alle rühmten? DaS ist eine schöne Schlauheit! Hier im Wasser, dem Elemente unseres Lebens, sind wir zwar beständig in Furcht und Angst; Du aber forderst von uns, um uns zu beruhigen, mir sollen an das Land gehen, was doch unser sicherer Tod wäre!" „Bedenke Papus," fügte Akiba hinzu, „u n s e r Element ist das heilige Gesetz — und Du willst, wir sollen cs aufgeben, um Leben in einem andern .zu suchen?" Jankel dachte über dieses Gleichniß nach, durchlief im Geiste die Zeiten der Verfolgung, weinte und dankte Gott, daß trotz Verbannung, Zerstörung. Drangsal und Roth Er doch Sein Volk wie durch ein Wunder gerettet und es in Sicherheit erhalten hat bis auf den heutigen Tag. Was anderes bewirkte dies, als die Beobachtung des Gesetzes? Nach beendetem Gebete verlangte es der Brauch, daß der Wirth noch einmal nach den Vorbereitungen der Mahlzeit sehe. Und obgleich er überzeugt war, daß Rachel Alles sorgsam bereitet, schritt er zur Küche, berührte die Schüsseln und segnete im Geiste die Speisen. Dann kehrte er zurück nach seiner Stube uttd las das Lied Salomonis. Die Sonne war am Untergehen. Die Lichter wurden angezündet. Die herrliche Stunde der Ankunft der Königin nahte heran. Alles war auch in Bereitschaft. Ter Tisch war gedeckt und die Stuben gefegt. Rachel legte ein Seidenkleid an, den Erbschmuck und die Perlen. Ihre Töchter schmückten sich, wenn auch einfacher, aber sorgfältig. Die Mägde sogar warfen sich in Feiertagskleider. Da klopfte es an den Fensterladen. Es war Zeit, in das Bethaus zu gehen. Jankiel schritt auch schon die Treppe hinunter, hinter ihm die Diener, die alte Rachel mit einem großen Buche unter dem Arme, deren Töchter und kleinere Familie, Alles, was da lebte. Denn der Wirth hielt strenge auf die Erfüllung der religiösen Pflichten, sogar bei seinem Gesinde. Bald war der Hofraum vor der Synagoge, sowie deren Eingang angefüllt von den sich hier eindrängenden reichen und armen Juden des ganzen Städtchens. Der Cantor begann soeben das Gebet Aschre. Der Gottesdienst dauerte ziemlich lange. Jankiel blieb noch ein Weilchen nachdenklich zurück. Augenscheinlich trug er einen schweren Kummer im Herzen. Auch als er heimgekchrt, blieb seine Stirne, trotz des Freudentages, dennoch von Sorgen bewölkt und in Falten gezogen. Sein Blick richtete sich öfters unwillkürlich auf die jüngere Tochter Li ja, welche, mit gesenkten Augen, zitternd abseits stand und auf der Mutter Befehle wartete. Sie war ein reizendes, jugendliches Mädchen, mit dem Ausdrucke der Unschuld und tiefen Gefühls auf dem Antlitze. In ihren Augen, die sie selten etwas freier aufschlug, glänzte das Leben der Jugend. Aber man sah, daß sie auch schon Thränen vergossen hatten. Jetzt blickte sie mit einer gewissen Furcht nach dem-Vater. Rachel sprach zuerst mit der älteren Tochter ibr Gebet. Dann folgten noch andere leisere oder lautere Gebete. Das ganze Haus flammte von Kerzen und erschallte von Gesängen. Auch die Frauen lasen aus ihren Büchern. Jankiel aber schritt noch einmal zur Synagoge, die nicht weit vom Hause entfernt lag. Rachel beendete inzwischen mit den Töchtern und Mägden die Vorbereitungen zur Mahlzeit. Aufgedeckt wurde das weiße Tischtuch, die Teller und Schüsseln wurden aufaetrogen. Zwei von den gebackenen Vroden legte die Wirthin selbst auf den Tisch und bedeckte sie mit einem weißen Tuche. Dies geschah zur Erinnerung an das Manna in der Wüste, das der Thaü bedeckte. Auf dem Tische standen auch zwei altmodische silberne Leuchter mit Wachskerzen, weil man dem Lichte an diesem Tage großen Werth beilegte. Der Alte blieb noch ziemlich lange im Bethausc. Erst nachdem er die Ceremonie des Weinsegens für