Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-03-09 · Heft 19 (9.3.1903) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 19 (9.3.1903)
Date
1903-03-09
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449909--57806-2520554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

lich zu machen! Gehen wir Beide mit Eifer an die , Arbeit. Mich finden Sie stets dazu bereit!" j Jwas Augen strahlten einen Augenblick. Schnell aber hemmte er den Ausbruch seines Gefühls. Ein halbes Lächeln flog über die bleichen Lippen. „Ich danke Ihnen." sprach er. „Sehen wir zu — das ist zunächst das Nothwendigste — daß wir Beide in das Vaterland glücklich zurückkehren. Denn große Dinge scheinen sich dort vorzubereiten. Ich wollte nur, wir beeilten uns etwas mehr!" „Auch ich!" erwiderte Jakob. „Aber ich theile nicht Ihre Ahnungen. Mehr Dinge gibt es dort gewiß, denen man Vorbeugen — als die man thun muß. Sprechen wir davon ein ander Mal!" Die Unterhaltung wurde hier abgebrochen. Tags darauf begaben sie sich auf die Weiterreise. Aber bevor sie Pisa erreichten, zwang sie beide die innere Unruhe, die Reise zu beschleunigen. Schon von Specia aus fuhren sie mit der Diligeance. Und nachdem sie die Eisenbahn erreicht, durcheilten sie, ohne sich weiter aufzuhalten, den Rest von Italien, und gelangten so bis an die russische Grenze. Es war in einem Städtchen in der Nähe von Warschau, auf dem breiten, aber öden Marktplätze, dessen eine Seite eine noch ziemlich neue Kirche nebst langer Kirchhofsmauer einnahm. Ihr gegenüber zogen sich in einer Reihe die Häuser hin, hölzerne und gemauert;, ältere und neue, meist von Israeliten bewohnte Herbergen. Unter ihnen war ein stattliches Haus, mit massivem Stockwerk, im Städtchen unter dem Namen „Kamienica" (Steinhaus) pat■ »*xi i-lioin•<* bekannt. Es enthielt im Erdgeschosse einen Laden mit Gewürz- und Nürnberger Waaren und schimmerte weiß in frischer Tünche nach soeben vollendeter Restaurirung. Zum Andenken an Letztere waren an der Front zwei kleine Löwen nach Art alter assyrischer Schnitzwerke angebracht. Dieselben hielten eine Base mit Blumen und der Inschrift: 1860, so daß sich leicht vermuthen ließ, das Haus gehöre einem vermögenden Israeliten. Das ganze Erdgeschoß nahm jener Laden und das Comptoir ein, in dem einige lebhafte Juden beschäftigt waren. Es war Freitags gegen Abend. Im ganzen Hause war man daher in der Vorbereitung zur Feier des heiligen Tages begriffen, des königlichen Sabbattaaes. Alle Vorräthe an Lebensmitteln waren schon zeitig in die Küche gebracht worden, welche das Bild ungemeiner Regsamkeit und Geschäftigkeit darbot. Einige Frauen bereiteten Fische, Gänsebraten. Nudeln, Backcbst und verschiedene Speisen zu oder richteten sie an. Der Ofen glühte in Hellem Feuer. Die Wohnstuben wurden gesäubert, gefegt; die Leuchter mit frischen Lichtern besetzt. Der alte Jankiel M e w e s aber bekleidete sich, aus dem Bade zurückgekehri, in Gedanken vertieft, mit seinem Feiertagsanzuge, obgleich die Sonne noch ziemlich fern vom Westen stand. Genau das Gesetz befolgend, hatte er den ganzen Tag über nur wenig gegessen, um die Abendmahlzeit recht mit Appetit zu genießen. Im Geiste durchdachte er die Thätigkeit der ganzen- Woche, und suchte in ihr jede Schuld, um sie in tiefster Seele abzubußen. Jankiel war ein echter Israelit von altem Schlage. Obgleich er durch seine Urtheilskrast und Menschenkenntnis eine andere Stellung in der Welt hatte einnehmen können, legte er dennoch weder seinen Rock noch seinen Glauben ab, um sich damit in die zivilisirtere Gesellschaft einzudrängen. Der Lärm der schwatzhaften Frauen drang aus der Küche in das Ohr des Alten. Dort aber bereitet Frau Rachel Mewes, seine rothlüangige und ziemlich wohlgenährte Ehehälfte, immer geschäftig, wie er, eben die drei weißen Brode, indem sie, dem Gesetze gemäß, ein besonders abgetheiltes Stückchrn. als Opfer (Challah) aufbewahrte. Die Alte selbst nahm, nachdem sie sich die Hände gewaschen, dies Stiickchen Teig heraus, und sprach den bei diesem Gebrauche vorgeschriebenen Segensspruch: „Gelobt sei Gott, unser Gott, der König der Welt, der uns geheiligt durch Seine Gebote und uns befohlen hat, dir Challah abzutheilen!" Weil es nur eine Familie war und ein Gebäck, theilte die alte Rachel auch nur eine Challah ab und warf sie in das Feuer. Hierauf wurden die drei großen weißen Semmelbrode in den schon dazu bereiten Ofen gestellt. In einem anderen Ofen standen schon fertig gefüllte Hechte, die nicht nur ein beliebtes, sondern auch ein von der traditionellen Auslegung gebotenes Sabbatgericht sind (Moses 4.11. 22). Ferner eine Art von Pastete. Braten und reichliche Speise. Denn an diesem Freudentage wurde an nichts gekargt. Der Wirth selbst trat heraus, um einen Blick auf das frisch abgewaschene Geräth. die geputzten Messer und blitzenden Iinnschüsseln zu werfen. Denn die Stunde nahte heran, wo er das Gebet zur Vorbereitung der Feier beginnen sollte: im Kapitel des mosaischen Gesetzes, hebräisch und chaldäisch.. einen Abschnitt des auf diesen Tag des Jahres treffenden Propheten und den vierundneunzigsten Psalm. O. wie traurig klingt in das Ohr eines unterdrückten Volkes dieses Lied des Psalmisten, welches ihm die Rache Gottes verbeißt und Geduld empfiehlt! „Herr Gott, daß die Rache ist! Gott, daß die Rache ist. erscheine!" (V. 1.) Beim Lesen des Psalms gedachte Jankiel des Schicksales seines ewig harrenden Volkes und beendete denselben mit durchdringender und zitternder Stimme. „Sie rüsten sich wider die Seele des Gerechten und verdammen unschuldig Blut!" (V. 21.) „Aber der Herr ist mein Schutz, mein Herr ist der Hort meiner Zuversicht!" (V. 22.).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.