Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 19 (9.3.1903)
- Date
- 1903-03-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Fremde und Ankömmlinge erfüllt, und das Abendgebet beendet, zeigte er sich endlich auf der Schwelle seiner Behausung, — und sprach die Worte: „Ruhmvoll ist der Herr. Schenke Er Euch Allen einen guten Feiertag und ein gutes Jahr!" Beide Töchter näherten sich hierauf dem Alten zum Segen. Jankiel erhob die Hände und legte sie auf das Haupt der Aelteren. Als aber an Lisa die Reihe kam, erbebte er und hielt einen Augenblick inne. Rach kurzem Ueberlegen jedoch legte er die Hand auf di: gesenkte Stirn des Kindes. Lija fühlte, daß diese Hand zitterte und auch die Stimme zitterte, als er wiederholt ausries: „Möge Gott Dich ähnlich machen der Sara Rifkay und der Rachel, und der Lea!" Die Töchter schritten dann zur Mutter, welche sie segnete und küßte und sich unvermerkt eine Thräne mit dem Zipfel der gestickten Schürze trocknete. Der Alte kehrte sodann zum Tische zurück und sprach: „Friede sei mit Euch, Ihr Engelsboten, Ihr Engel des Allerhöchsten, welcher ist der König der Könige, der Heilige! Hundertmal sei Er gelobt! Möge Eure Ankunft uns Frieden bringen, Ihr Friedensengel des Höchsten, segnet uns in Frieden!" Nachdem er diesen Ausruf dreimal wiederholt, fügte er hinzu: „Er befiehlt Seinen Engeln, daß sie Dich schützen auf allen Wegen. Gott wird schützen Deinen Ausgang und Deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit!" Noch ein langes Gebet las der Alte, dann schloß er mit einem Gesänge Salomonis und einem Abschnitte aus dem Buche Sohar. Jetzt folgte nach uraltem Brauche die Weihe des Weines (Kidusch). Jankiel erhob sich, sang einen Vers aus den Büchern Moses mit lauter Stimme und las noch ein Gebet, welches Alle ihm leise nachsprachen. . „Gelobt sei Gott, unser Gott, Du König der Welt, daß Du uns mit Deinen Geboten gesegnet hast, und Gefallen an uns gefunden, und uns erlaubt hast, dies Fest zum Andenken an die Schöpfungstage zu feiern, durch Deine Liebe und Gnade! — Denn dieser Tag ist der erste (und wichtigste) unter allen Festen, und ein Andenken an den Ausgang aus der ägyptischen Knechtschaft. Du erwähltest und heiligtest uns vor anderen Völkern! Deinen Sabbat setztest Du uns ein auf Erden ^üm Gedächtniß Deiner Liebe und Gnade. Sei gelobt, Gott, der Du diesen Tag heiligst!" Nachdem er ausgesprochen, hob Jankiel den Wein an die Lippen und reichte ihn herum in dem Kreise, der am Tische saß. Dann wieder wusch er sich die Hände, nahm selbst das Tischzeug vom Virchas (Sabbatbrod), legte es vor sich hin und segnete es mit Gebet. .Die Anwesenden aber sagten: Amen. Hierauf schnitt er Stück für Stück für die Anwesenden, und das Mahl begann nun, fröhlicher und freier zu werden. Aber trotz der Mosaischen Vorschrift, welche bei dieser Feier fröhlich zu sein befiehlt, zwang sich Jankiel vergebens zu einem Lächeln. Sein finsteres Auge suchte Lija und wandte sich ihr zu, während sie geschäftig bei Tische aufwartete. Das nach altem Brauche begonnene Mahl hatte was Feierliches, Religiöses. Es war halb Opfer, halb Gebet, ganz verschieden von den lustigen Banketten der heutigen Zeit. Hier schmauste man mit Gott, rief man die Engel an. und nährte sich von Brod und Erinnerungen zugleich. Und als man alle Speisen der Reihe nach genossen, schloß man endlich wieder mit feierlichem Gebete, da Jankiel nichts unterließ, um nach den Ueberlirferungen diesen Tag des beginnenden Sabbats zu heiligen. Schon waren Alle auseinander gegangen. Den Tisch hatte man im Stillen abgeräumt und nur einen Theil der Brode und den Wein darauf stehen lassen, als der Alte, nachdem er das Buch verschlossen, noch als letzten Abendsc'gen sprach: „Herr der Welt! Sieh, auch ich will verzeihen allen denen, die meinen Zorn und Unwillen erregt, die meine Ehre, meine Leib, meinen Namen anzugreifey getrachtet, sei es — aus Zwang oder aus freiem Willen, aus Jrrthum oder aus Muthwillen, mit Worten oder Thaten. Möge Niemand von ihnen jetzt, und trotz allem, was meine Seele noch durchmachen muß, um meinethalben bestraft werden! O Gott, Du mein Herr, und Gott meiner Väter, stehe mir bei, daß ich nicht mehr wider Dich sündige! Und daraus, womit ich Dich beleidigte, erlöse mich durch Deine Barmherzigkeit, nicht aber durch Strafe und Marter. Mögen Dir die Worte meines Mundes und die Gefühle meines Herzens angenehm sein, Gott. Du meine Stütze, mein Erlöser! Herr, vergib denen, die Unrecht thaten." Bei diesen Worten weinte der Alte. Rachel, als sie dies an seiner Stimme bemerkte, während sie an der Stubenthür stand, rang im Stillen die Hände. Wußte sie doch, daß diese Thränen nicht die Erinnerung an das Geschick des Volkes hervorgelockt, sondern der Gedanke an die eigene Lage. Sie wagte aber nicht, da hineinzugehen, wo er betete, noch ein Wort zu sagen, während der Alte immer noch etwas flüsterte; bis er endlich aufstand. herantrai, mit der Hand die an die Wand geschlagene Mesuse berührte, die Hausgenossen noch einmal segnete, und dann langsam, gesenkten Hauptes, zum Alkoven schritt, wo seine Gattin in Ungeduld seiner harrte. „Mein Gebieter." sprach die Alte zu ibm, als er sich setzte, um sich umzuziehen. „Ich bin so beunruhigt, ob Du auch nicht krank bist? Du bist nicht so heiter und ruhig, wie sonst, obgleich uns Gott diesen Fest- und Freudentag schenkte!" (Fortsetz, folgt.) DerantworlliLe Redaktion: Oscar Lek,mann in Mainz. — Expedition de8 ^JSraelit*. Scöottstratze Nr. 2. Mainz. Truck „nd Periaq der 3nfc. 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