Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 18 (5.3.1903)
- Date
- 1903-03-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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383 er spat aus dem Lehrhaufe nach Hause ging, von drei, vermummten Männern gepackt, ihm der Mund durch ein Tuch verstopft und so in eine Kutsche geworfen, die in scharfem Trab davon jagte. Man hatte von Seiten der Jesuiten seit Jahren auf den geflüchteten Prior gefahndet ohne jeden Erfolg. Seit einigen Wochen hatte man den Aufenthaltsort des Unglücklichen entdeckt, und ihn a^if diese Weise gewaltsam in ein Kloster geschleppt, von wo er in sein eigenes, früheres Kloster unter scharfer Bewachung zurückgeführt wurde. Hier wäre er als Abtrünniger den schwersten Folterqualen ausgesetzt gewesen, denen der Tod zehnmal vorzuziehen ist, wenn er sich nicht durch eine List gerettet hätte. Er ließ seine Ankläger ruhig ihre Anklage erheben, dann trat er auf die Frage, ob er etwas zu seiner Rechtfertigung vorzubringen habe, mit einer glänzenden Vertheidigung hervor." Pater Firmian machte hier eine kleine Pause, sinnend vor sich hinblickend. Abraham sah gespannt in das Gesicht des Erzählenden, der wieder fortfuhr: „Der Prior gab an, er sei zwanzig Jahre ein treuer Diener der Kirche gewesen, jetzt aber sei er im Begriffe, der Kirche einen Dienst zu leisten, lvie ihn vielleicht noch Niemand geleistet habe. Er habe seit vielen Jahren das Blutritual der Juden zum Gegenstand besonderen Studiums gemacht, ohne etwas Greifbares darüber zu finden. Er habe sich daher entschloffen, die Juden selber aufzusuchen, sich ihr Vertrauen zu erwerben, er sei sogar pro forma zu ihnen übergetreten und könne sagen, daß er alles ihm anfänglich entgegcngebrachte Mißtrauen vollständig überwunden habe und jetzt fast am Ziele seiner zehnjährigen Mühen und Studien war, da sei der brutale Uebcrfall erfolgt und damit sei alles in Frage gestellt. Es gelang ihm, dies alles so anschaulich und ergreifend zu schildern, daß er Glauben fand. Er fuhr tags darauf selbst zum Erzbischof und beschwerte sich über die ihm gewordene Behandlung mit der Bitte, ihn in ein anderes Kloster zu versetzen. Der Erzbischof ermunterte ihn, seine Untersuchungen fortzusehen, und gab ihm zu erwägen, ob er zu diesem Zwecke nicht besser thäte, das Klosierleben überhaupt zu verlassen und einen Posten als Weltgeistlicher zu bekleiden. Dankend nahm der Prior dieses Anerbieten an und kehrte nicht wieder in das Kloster zurück, sondern trat sofort seine neue Stelle an, die er noch jetzt bekleidet." . Abraham hatte diese Erzählung mit keinem Worte unterbrochen. Jetzt, als Pater Firmian inne hielt, rief der Knabe aus: „Wie schön Sic erzählen können! Was muß der arme Prior, der doch wirklich Jude ist, für Seelcnpein in seiner Stellung erdulden! Aber sagten Sie nicht, daß Sie selber auch in der Angelegenheit betheiligt waren?- Waren Sie vielleicht auch in demselben Kloster zum guten Hirten?" „Das war ich allerdings," entgegnete Pater Firmian. '.; „Und wo ist der Prior jetzt?" . „Er sitzt Dir gegenüber; ich bin cs selber." , - '; Abraham stieß einen Schrei des Erstaunens aus;, er wäre gewiß seinem Lehrer um den Hals gefallen, wenn ihn der lähmende Schreck nicht starr . und be- ' wegungslos gemacht Hätte. . XVI. Als Abraham sich von seinem ersten Erstaunen . erholt hatte, fuhr sein Lehrer fort: „Die große Welt hat keine Ahnung davon, wie > viel, jüdisches Blut in den Adern unseres Klerus pulst; und ich könnte Dir manche hierhergehörige Geschichte^ j; erzählen, die an und für sich nicht weniger interessant.^ ist, als die meinige, allerdings keine, die uns beiden,/ so nahe geht, als die soeben erzählte. Ich wollte sie Dir schon längst anvertrauen, bei Deiner großen Ju-?•. >. gend hatte ich jedoch gewisse Bedenken. Aber ich bin sicher, daß ich sie keinem Unwürdigen anvertraut habe, : und ich hatte ganz besondere Gründe, es zu thun, d.ie, ich Dir sofort sagen will. Vorher möchte ich aber , folgende Frage an Dich richten: ~ ' „Hattest Du je aus meinem Benehmen, meinen Aeußerungen. aus der Art und Weise, mit der ich Dich über das Christenthum belehrte, Veranlassung, zu ver--' muthen gehabt, daß ich kein Christ, daß ich ein Jude' bm?" . „Nie und nimmermehr," erwiderte rasch der^ ‘ Knabe. „Ja, ich muß sagen, hätte ich es nicht aus/ Ihrem eignen Munde gehört, hätte mir'es ein anderer / gesagt, Pater Firmian ist ein überzeugter Jude, ich; -• hätte es nicht geglaubt; ich halte es.schier noch jetzt nicht /! für möglich."; v " „Du kannst Dir in diesem Augenblick nicht wohl; erklären, welche Herzensbefriedigung mir Deine Worte' bereiten. Um Dir das verständlich zu machen, muß ich etwas weiter ausholen und mich noch ein wenig mi! / mir selber beschäftigen. Ich wurde auf meinen gegen- ■ wärtigen Posten mit der Instruktion gewiesen, eS mir ^i' angelegen fein zu lassen, daß die großen Reichthümer des kinderlosen v. Korff'schen Hauses der Kirche ge- : sichert bleiben. Da der Herr Baron und besonders die / Frau Baronin gute Menschen und gute Katholiken sind, so machten sie der Kirche bei jeder Gelegenheit ohnedies große Geschenke, die meine Oberen meinem - •: Einflüsse zuschrieben, was aber thätsächlich ganz ohne/ denselben geschah. Als der Herr Baron und die Frau^ Baronin auf .Anrathen des GrafenDunhukoff sich entschlossen. Dich 'an Kindes statt anzunehmen, war v Niemand glücklicher, als ich. Aber ich habe? biL'-Wr^ Stunde noch nichts von Deiner .AnwesenhLjt^im M Schlosse meinen Oberen berichtet, -weil ich'für Deine Zukunft, ja geradezu für -Dein Leben fürchteti. - Es A?rist mir gar kein Zweifel, daß-man von Seiten meiner | Oberen in Dir einen gefährlichen Konkurrenten er- '