Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 17 (2.3.1903)
- Date
- 1903-03-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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375 praktischer Mensch. Er hatte einen namhaften Theil seines Vermögens verloren. Sein Handel ging ärmlich und schlecht.. Mein Vormund hatte schon deßhalb, weil er aus Familienpflicht ihn unterstützen und retten mußte, gegen ihn einen Widerwillen. Und dann waren. ihre beiden Naturen einander entgegengesetzt und feindliche. Simon hatte so gut, wie fein Bruder, keinen Glauben, aber er war gefühlvoll, ein Phantast, hatte ein Herz, schloß sich leicht an, war flüchtig oft kindisch, besaß aber eine ihn in den Augen der Leute rehabilitircnde Eigenschaft, nämlich einen scharfen Witz, mit dem er Andere und sich selbst unbarmherzig geißelte, und natürlich auch den Bruder nicht verschonte. Simon war zweimal verheirathet gewesen und hatte beide Frauen verloren. Als großer Weibernarr war er ein verdrehter Skeptiker. Er hatte indeß an sich etwas sehr Sympathisches, wie meist diese Art von Egoisten. In Gesellschaft war ein angenehmerer und unterhaltenderer Mensch als er, schwer zu finden. Man amüsirte sich über ihn und gewann ihn lieb. So wie er war, erschien Simon als eine interessante Frucht des Jahrhunderts und der Gesellschaft. Er hatte keinen Glauben, aber er griff gierig nach Allem, was mit ihm beseelte. Er spottete über Alles, obgleich er bereit war. Alles zu lieben. Er entschuldigte Jeden im Geiste, aber er verhöhnte unbarmherzig Alle. Mit einer Thräne im Auge und einem Lächeln auf den Lippen, ließ der alte, ergraute Knabe sich Herumstoßen von Phantasien, wie ein Elephant an der Kette, und durch nichts ließ er sich darin hemmen. Simon war voller Widersprüche und dennoch in sich selbst streng logisch. Man könnte sagen, er war ein hoch aufgeschossener Baum, den der Wind nach allen Seiten zerzaust, aber nicht entwurzeln kann. Manchmal pflegte Simon ein Verehrer der christlichen Lehre zu sein, oft ein eifriger Jude, immer denen zum Possen, mit welchen er umging. Ein Mensch der ersten Eindrücke, die er mit gewaltiger Leidenschaft erfaßte, fragte er oft andern Tags nach einem schrecklichen Sturme, gähnend und mit unbegreiflicher Gleichgiltigkeit nach dem. was ihn so aufgeregt. Das jedoch hatte er für sich, daß er niemals log oder sich verstellte, sondern lieber schwieg, wenn er die Wahrheit nicht sagen konnte, und, wenn er auch nicht schweigen durfte, seinen Gedanken so geschickt in Sarkasmus eingehüllt, hinwarf, daß Vielen nur dessen äußeres Gewand zugänglich war. Die Frucht wurde durch die Schale geschützt. Schwerlich dürfte es mir gelingen, Ihnen diesen Charakter vollkommen dar-',.stellen und Ihnen ein - treues Bild von ihm zu liefern. Stellen Sie sich einen echten Sonderling vor, bis auf die Knochen angenagt vom Unglauben, der ihn aber schmerzte. Mein Vormund, ein großer Verehrer jeglichen Anstandes, des einzigen Gesetzes, welches er anerkannte, obgleich es nur oberflächlich anerzogen war, konnte sich über nichts mehr ärgern, als über ihn. Niemals konnte er sich mit diesem Menschen aussöhnen, den jede Unfreiheit des Geistes, drückte. So oft Simon zu ihm kam — und er kam oft — sah man eine gewisse Unruhe auf dem Gesichte des Wirthes, namentlich, wenn noch mehrere Personen dir waren. Er fürchtete sich, und nicht ohne Grund, vor dieser schrecklichen Zunge. Simon auch, obgleich er nicht prahlte mit seinem Witze, hielt ihn nicht in der Scheide, sondern machte ihn mit Vergnügen, wenn sich ihm Gelegenheit dazu bot. Klein, mager, gelblichen Teints, lebhaft und nicht gerade schön, hatte er doch eine einnehmende Physiognomie und viel Charakter im Gesicht. Seit den ersten Tagen unserer Bekanntschaft, trotz meiner Jugend und religiöser Anschauung, aus der ich durchaus kein Hehl machte, war er mir zugethan. Ich erfuhr dann, daß er im Stillen mein Verhalten beobachtete, und ich mußte die gute Meinung. die er von mir hatte, gerechtfertigt haben, da er immer zärtlicher zu mir wurde. Ich weiß nicht, wie sein scharfes, erfahrenes Auge sogar meine Zuneigung zu Tilda, wie verschwiegen und verschleiert sie auch war, früher fast, als ich selber mich zu ihr bekannte, durchschaut hatte. Einmal, als wir zufällig allein waren, schaute er mich an, klopfte mir auf die Schulter und sagte leise: »Höre. Jakob, ich hätte Dir etw'as zu sagen!" Gewöhnlich nannten wir ihn, ich weiß nicht warum, vielleicht durch Antithese: Vater Simon. „Was denn, Vater Simon?" fragte ich. „Aber, wirst Du mir auch nicht zürnen?"' „Nein!" entgegnete ich. „Dir guckt es aus den Augen, daß Du verliebt bist! Ob in die englische Gouvernante, das weiß ich nicht. Manche Leute behaupten, verwelkte Blumen hätten mehr Düfte. Aber daß sie in diesem Hause ist, das ist gewiß!" Das Blut stieg mir in den Kopf, so empört war ich. „Aha! Sieh! Du ärgerst Dich doch," sagte er. „Aber still! Still! Das bleibt unter uns. Nur will ich Dich warnen mit den Worten unseres Herrn: Point des reveries! Tattaleben ist ein praktischer Mensch und hat lange Arme!" „Aber was träumt Ihr nur wieder, Vater Simon?" „Nu, nu! Lüge nicht. Du bist verliebt, mein Herz!" „Wäre dem auch so, wie ihm nicht ist," sprach ich, „so würde meine Liebe ..." - „Nu! Nu! Still!" unterbrach er mich. „Ich kenne dies. Wir Alle sagten so! Mach', daß Du fortkommst von hier, das ist das Beste, was Du thun kannst! Spiele nicht mit dem Feuer! Diese Ananas ist nicht für uns!" fügte er kopfschüttelnd hinzu. „Niemals habe ich auch nur geträumt davon!" rief ich. „Das sagt man lo!" antworte er, „sogar vor sich selbst. Aber ich warne Dich. Laß dies zufrieden!"