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Der Israelit · 1903-03-02 · Heft 17 (2.3.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 17 (2.3.1903)
Date
1903-03-02
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Albergo gedrungen war, zuriickkehrte, aber mit betrüb tem Gesichte. „Was gibt es dort?" fragte Jakob. „Nun, was ich nicht verstehe!" erwiderte Jwas. achselzuckend. „Ich sah sie selbst aus Genua fortfahren; und hier ist zwar e r, aber die Dame ist eine ganz andere." „Das träumt Ihnen wohl nur!" lachte Jakob. „Sie haben sie damals nicht genau angesehen, und jetzt nicht erkannt!" „Aber ich bitte Sie!" rief der junge Mann. „An Jene werde ich denken, so lange ich lebe — ihr Blick vergißt sich niemals. Und diese da — das ist irgend eine jugendliche, feiste, fidele, windbeutlige Italienerin, wieder Himmel von der Erde, oder vielmehr umgekehrt, von jener verschieden!" „Nun ja! Dann also ist auch wieder der Mann nicht e r, sondern ein Anderer!" „Der Mann ist unfehlbar er!" sprach Jwas. „Sind ihrer auch nur Zwei?" fragte Jakob ungläubig. „Ja, und sie scheinen verliebt in einander, wie ein Paar Tauben. Das Fräulein oder die Frau ißt Pfirsische und wirft ihm die Kerne in das Gesicht. Sie lacht und singt, man hört es bis hierher!" Jakob schüttelte den Kopf, erhob sich und sprach: „Ich werde hingehen. Denn ich bin sicher, daß Sie das Alles nur geträumt haben müssen. Irgend ein Jrrthum — andere Leute." Sie gingen Beide. Aber nach einigen Schritten, nachdem er in das Gesicht des Mannes gesehen, blieb Jakob wieder stehen. Er hatte Heinrich erkannt. Es war nicht der geringste Zweifel, daß e r es war. Nur, in der Thai, wußte man nicht, wer seine Begleiterin war, die indeß ganz nach einer Ballet-Tänzerin vom Theater Carlo Felice ausfah. Schon wollte sich Jakob nach diesem.Wiedererkennen zurückziehen, als Heinrich Segel, nachdem er ihn erblickt, ihn selbst zuerst recht heiter begrüßte, und sich ihnen näherte. „Ah! Sie sind es!" rief er lachend. „Und Sie ertappen mich hier auf frischer That! Denken Sie sich, Tilda blieb krank in Genua zurück, Nachdem sie mich bis Nervi begleitete. Sie will dort noch ruhig ein Paar Wochen verweilen. Ich mußte ein wenig spazieren fahren, und traf soeben unterwegs meine alte Bekannte, die Signora Gigante, die" — hier lächelte er zweideutig — „die sich mir mit Gewalt als Begleiterin aufdrängte. Sie begreifen," fuhr er fort, „ich bin so ermattet und zermartert von diesem ewigen Einerlei des Lebens, daß ich auf ihr Projekt zu einer Lustfahrt einging — pour affaire de vive un peu! Die Gigante ist unübertrefflich, so thöricht und so heiter, wie ein Kind, und Sie können sich gar nicht vorstellen, bis zu 374 - welchem Grade amüsant sie ist. Dies wird mich wenigstens etwas zerstreuen." Jakob schritt auf Und ab und hörte Alles an, erfüllt von einer Bitterkeit, die sich auf seiner umwölkten Stirn ausprägte. So stand er noch ein Weilchen, dann verließ er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, und selbst auf die Gefahr hin. unhöflich zu scheinen, den leichtfertigen Schwätzer. Wie jeder verliebte und von Sehnsucht gequälte Mann, so litt auch Jakob unter dem peinlichen Ge fühle, daß er hätte in Genua bleiben und vielleicht sie noch einmal sprechen können. Sie war ja allein! Aber sofort bebte er vor dem Gedanken dieses Verrathes zurück. Denn solch' eine heimliche Ausbeutung der Abwesenheit ihres Gatten hätte sie Beide kompromittirt! „Was geschehen ist," sprach er zu sich ohne jede Bitterkeit, „ist gut, vorsichtig, wenn auch schmerzlich. Ich darf ihren Frieden nicht vergiften, mich ihr nicht nähern, nicht mir und ihr das Herz zerreißen! Uns trennt das Geschick. Mich rufen große Pflichten; sie trägt den Schmerz, der ihr Ehre macht. Wir haben kein Recht, uns Augenblicke dieses Paradieses zu stehlen, welches nicht zu uns gehört. Das Verhängniß treibt uns weiter und weiter mit eherner Ruthe. Gehen wir!" Spät in der Nacht erst kehrte Jakob in die gemeinschaftliche Wohnung zurück. Tags darauf stand Jwas zeitig auf, um sich zur Weiterreise zu rüsten. Seinen Begleiter aber fand er nicht mehr in der Wohnung vor. Die Wirthin meldete ihm, er sei beim ersten Morgengrauen mir einem Bucke nach der Küste gegangen. Jwas fand dort seinen Freund, in der Bibel lesend. Nachdem die Freunde sich über Politik und Religion der verschiedensten Völker, namentlich über die der Völker, welche Jakob auf seiner Weltreise aufgesucht, sich eingehend besprochen hatten, fuhr Jakob, auf Jwas Wunsch, in der Erzählung seiner Lebensgeschichte fort: „Den halben Tag arbeitete ich im Comptoir. Einen Theil war ich fast gezwungen, der Gesellschaft und dem Verkehr mit Menschen zu widmen, fei es nur, um die Welt kennen zu lernen. Die glücklichen Abende verplauderte ich mit Tilda. Einen Theil der Nacht verbrachte ich mit Lesen in der Bibel und im Talmud. Denn ich war entschlossen, mitten in dieser allgemeinen Gleichgültigkeit nicht den Unglauben und die Erstarrung die Oberhand über mich gewinnen zu lassen. Seit den ersten Tagen meines Aufenthalts in Warschau hatte meine Augen auf-sich gelenkt und mein Herz zu sich hingezogen ein Mann, mit dem ich später fast täglich zusammentraf. Dies war der Bruder meines Vormunds; ebenfalls also mein entfernter Verwandter, Namens SimonBorah. Die beiden Brüder liebten einander nicht. Simon war zunächst kein ganz

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