Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 17 (2.3.1903)
- Date
- 1903-03-02
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Er schwieg und erwähnte auch spater nichts mehr. Er fuhr über die Grenze in ein Bad, und bei der Rückkehr fand er Tilda verlobt. Als wir uns das erste Mal wieder trafen, sah er mir scharf in die Augen, forschend, mitleidig, las in ihnen Resignation und gut verhülltes Leid, drückte mir die Hand, sagte aber noch nicht ein Wort. Ein Paar Tage später begegneten wir uns auf der Straße. „Es ist ein heiliges Gesetz," sagte er mir in das Ohr. „daß die süßesten Kirschen — die Spatzen effen!" Und eilig ging er weiter. Er liebte Tilda sehr, er ahnte ihr Geschick. Aber mit dem Bruder, das wußte er nur zu gut, ließ sich einmal nicht reden. Er hatte einen eisernen Willen, und Gefühle gingen nicht durch seine Rechnungen. Ich arbeitete eifrig fort und li:ß Niemand merken, was ich innerlich litt. Inzwischen traf mich unerwartet eine Aenderung meines Geschickes, welche mir die ersehnte Freiheit schenken sollte. Da ich von der Gnade des Vormundes abhing, mußte ich mich nach seinem Sinne dem praktischen Leben widmen und seine Befehle ausführen. Mich aber drängte es. mich ausschließlich der Wissenschaft hinzugeben. Dazu hatte ich jedoch kein Recht. Es war die Rede davon, mich über die Grenze zu schicken zur Vollendung fachlicher Ausbildung und zur Bureaubeschäftigung bei einem Korrespondenten unseres Hauses. Ich sehnte mich danach, unabhängig reisen, lernen und forschen zu können. Aber ich wagte nicht einmal, daran zu denken. Ich sah und sehe noch darin einen Fingerzeig von oben, daß mich der Allmächtige durch ein Wunder aus den Fesseln befreite und mir gestattete, mich demjenigen zu widmen, zu dem ich mich berufen fühlte. Eines Tages, bald nach Tilda's Trauung, als ich an mir arbeitete, um meine Sehnsucht und Unruhe nicht zu erkennen zu geben, erhielt ich zu ungewohnter Stunde von meinem Vormunde ein Billet, welches mich sofort zu ihm rief. Ich glaubte, es handle sich um ein unerwartetes Geschäft. Als ich eintrat, sah ich ihn mit ziemlich verdrießlicher Miene im Zimmer auf- und abgehen. Er sah mir in die Augen und fragte: „Weißt Du schon etwas?" „Ich weiß von nichts, und habe gar nichts Neues gehört!" „Nun, so beglückwünsche ich Dich vor allem, obgleich vielleicht für Dich kein Grund dazu vorliegt. Euer entfernter Verwandter, Moses Hermann aus Berlin, der. wie Dir bekannt, kinderlos, ist gestorben und hat Dir sein ganzes Vermögen verschrieben. Ich weiß wahrhaftig nicht, soll ich Dir dazu Glück wünschen, oder dies bedauern. Ich verliere in Dir einen Menschen, den ich nach meinem Sinn erziehen wollte." Ich stand da, wie erstarrt. „Was meinst Du?" fragte er mich. „Das weiß ich selbst noch nicht," sprach ich. „Das aber ist gewiß, daß ich schon langst mich danach sehnte, zu reisen. Ich werde mich also ungesäumt auf den Weg machen, sobald Sie mich freigeben." „Du bist vollkommen frei," sagte er verdrießlich. „Sehr froh bin ich. daß ich Dir zufällig eine dem Vermögen, welches Du so unerwartet erhältst, ganz angemessene Erziehung gegeben. Ich weiß nicht, hat Moses Dich hier einmal gesehen? Ich begreife ihn eigentlich nicht!" Er zuckte mit den Achseln. Da ich das Vedürfniß fühlte, mich etwas abzukühlen, zu mir selbst zu kommen und meine Gedanken zu sammeln, ging ich schnell davon. In der Stadt hatte sich die Nachricht schon verbreitet. Leute, die mich gestern nicht kannten oder doch geringschätzten, kamen zu mir, um mich ihrer Ergebenheit zu. versichern und mir die Hand zu drücken. Herr Mann küßte mir öffentlich beiden Wangen, prophezeite mir eine große Zukunft, und wollte mich sogar zum Frühstück einladen, was bisher ohne Beispiel war. Andere bemühten sich, mir zu beweisen und mich zu überzeugen, daß sie mich seit undenklichen Zeiten immer insgeheim geliebt haben. ) Mit einem Male ward ich zum Helden, zu einem gc suchten Gaste, und aus Nichts — zu einem Menschen. Dies Alles that jene plötzliche Erbschaft von Moses, den ich in der That kaum kannte. Einige Monate vorher kam de? Alte nach Warschau.. Er war ein naher Verwandter meiner Mutter. Aber wir sahen ihn zum ersten Male im Leben. Mein Vormund, da er wußte, daß der Alte kinderlos und reich sei. nahm ihn außerordentlich freundlich auf. Obgleich Moses fast sieben zig Fahre alt war, schien es mir. als ob er im Geheimen den Gedanken hege, seine Tochter mit dem Wittwer zu verheirathen. Dies aber gelang ihm durchaus nicht. Während seines Aufenthaltes in Warschau sah ich ihn fast täglich, und so weit ich ihn kennen lernen konnte — denn er war schweigsam und in sich selbst verschlossen — erschien er mir, wie ein Mann noch aus der alten Zeit, mehr Jude, als wir Alle heutzutage sind. Erzogen und ansässig in Deutschland, war er ganz der bei uns völlig unbekannte Typus eines gebildeten Mannes, der sich dennoch nicht seines Volkscharakters entäußerte. Er war allerdings in mancher Hinsicht ein wenig Deutscher. Es ist bekannt, welche, wichtige Rolle in der Litteratnr der geistigen Bewegung, und sogar in der Politik, die deutschen Juden spielen. Auch Moses gehörte zu dieser Gruppe denkender, arbeitsfawer und angesehener Leute, in denen die Arbeit den Geist nicht tödtete. Er liebte die Poesie, er selbst schrieb Manches, aber nicht nach Art eines Heine, dessen Talent er jedoch anerkannte." * (Fortsetzung folgt.) verantwortliche Redactton: OScar Lehmann in Mainz. — Exoedltimi de« ^lSraellt". Schottkratze Nr. 2. Mal«. Druck und Verlag der »oh. Wirth'schrn vosbuchdruckeret Actien^Lesellschast ln Matur.