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Der Israelit · 1903-03-02 · Heft 17 (2.3.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 17 (2.3.1903)
Date
1903-03-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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363 tcn. Durch einen Spaziergang wurde ohnedies mein Latein ausfallen; vielleicht erzählen Sie mir dieselbe sofort." „Einverstanden," erwiderte der Greis, „auf diese Weise' habe ich dann nachträglich doch noch mein Wort eingelöst, einen von Dir selbst gestellten Wunsch zu erfüllen; also höre zu." XV. Pater. Firmian seufzte tief auf, ein Zeichen, wie nahe ihm selbst das zu Erzählende ging, und begann: «Ignaz Buchler, der Domänenverwalter des Fürsten Wladimir in Graz, hatte drei Söhne, die er, als guter Katholik, am liebsten alle drei dem geistlichen Stande gewidmet hätte. Die Mutter, ebenfalls eine ergebene Dienerin der Kirche, wollte jedoch nur einen, und zwar den ältesten ihrer Söhne, dem Priesterstande weihen; aber der junge Mann hatte zu wenig Neigung dafür, er sprang aus der Kutte, oder richtiger, er war nie in dieselbe hineingekommen, und wurde Arzt. Beim zweiten Sohn, der nun für das Priestcramt gewonnen werden.sollte, ereignete sich dasselbe; er wurde Ingenieur. Nun unterlag es gar keinem Zweifel, daß der Jüngste den Lieblingswunsch des Vaters erfüllen müsse, und er wurde dem Studium der Theologie überwiesen, ohne um seine Neigung dazu auch nur gefragt .zu werden. Aengstlich überwachte der Vater das Studium seines spätgeborenen Jüngsten, damit er mit ihm nicht dieselbe Enttäuschung erlebe, und dieser blieb zunächst aus Pietät für die Eltern dem geistlichen Berufe treu, erhielt alle Weihen und wurde dann einem Jesuitenkloster in Jassy zugewiesen. Aber das ganze Leben und Treiben daselbst sagte ihm nicht zu; er verschloß jedoch diese Abneigung in sein'tiefstes Inneres und trug es als sein Geheimniß mit sich herum. Es war keine Aussicht, aus dem Orden wieder auszutreien, dem er durch Gelübde und Eid für alle Zeit angehörte. Mit doppeltem und dreifachem Eifer stürzte er sich in die Erfüllung seiner geistlichen Berufspflichten, er zeichnete sich als Ascet, als begeisterter Redner und als tiefer .Kenner der Kirchengeschichte aus; es gelang ihm auch, durch diese Hingebung seine Abneigung zurückzudrängen; aber füglich stellte sich heraus, daß er sie nur ubertäubt hatte und daß sie um so gebieterischer sich nachher wieder geltend machte. Zwanzig Jahre verbrachte er in dieser Zerfallenheit mit sich selber in dem Kloster. Seit acht Jahren war er, in Folge seiner Tüchtigkeit und seines zur Schau getragenen, heiligen Eifers, zuni Prior avancirt. Inzwischen waren der Vater und die beiden Brüder gestorben, und eines Tages wurde er telegraphisch zu dem Krankenbette der Mutter gerufen, die ihr einziges Kind noch einmal vor dem Tode sehen und sprechen wollte. Unverzüglich trat er die Reise zum Krankenbett der Mutter an und hatte, das Glück. sie noch am Leben zu treffen, wenn ihr Zustand auch ein hoffnungsloser war. Krampfhaft er- . griff die Mütter die Hände ihres Sohnes und sagte ihm, sie wisse, daß sie nicht lange mehr zu leben habe, ihre Stunden seien gezählt, aber sie könne, nicht aus der Welt scheiden, ohne ihrem Sohne ein Geheimniß mitzuiheilen, das sie nicht ruhig sterben lasse, falls sie dazu verurtheilt wäre, es mit ins Grab zu nehmen. „Schließe die Thüre ab und setze Dich nahe zu mir. damit uns Niemand hören kann. Ich weiß," begann sie mit leiser, schwacher Stimme, „daß Du 'gegen Deine Neigung Theologie studirt und daß Du trotz der langen Jahre, in welchen Du das geistliche Gewand trägst, keine Befriedigung in Deinem Berufe gefunden hast. Ich will Dir diese Deine Abneigung erklären: Du bist gar kein Christ, bist Jude von Geburt, ich, Deine Mutter, bin nämlich eine Jüdin. Und das verhält.sich folgendermaßen: Ich bin das Kind streng-frommer, jüdischer Eltern, die mich in Gottesfurcht und Sündenscheu erzogen haben, wie jüdische Eltern ihre Kindererziehen. Mein Vater war ein Gelehrter in der Thora, ohne je aus dieser Gelehrsamkeit einen materiellen Nutzen gezogen zu haben. Wir lebten in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater war Makler und vermittelte den Kauf und Verkauf von Gütern, und besonders von Wäldern., In dieser Eigenschaft kam er öfter zum Fürsten Wladimir, und eines Tages kam der Fürst auch in unser Haus. Ich war damals neun Jahre alt, und war für mein Alter körperlich und geistig gut entwickelt. Der Fürst machte meinen Eltern Vorstellun'gen darüber, daß sie mich nichts lernen ließen und erbot sich, mich auf seine Kosten in eine Schule zu schicken, in welcher ich Schreiben, Lesen, Rechnen und das Nothwendigste wenigstens lernen solle. Auf diese Weise kam ich frühzeitig von meinen Eltern fort. In der ersten Zeit lebte ich noch nach den Vorschriften unseres Gesetzes. Nach, wenigen Jahren aber starben die Eltern; ich wuchs heran, ohne jeden Verkehr mit Juden. Auf das Wohlwollen des Fürsten angewiesen, hatte ich nicht den' Muth, mich zu widersetzen, als er das Ansinnen an mich stellte, mich taufen zu lassen. Später, machte ich das staatliche Lehrerinnen-Examen und wurde die Erzieherin der fürstlichen Kinder. Dort lernte mich Dein Vater kennen, der Fürst vermittelte unsere Heirath, als ich eben 19 Jahre alt war. Ich war ein eitles, hoffärtiges Ding, das durch den langen, ausschließlichen Verkehr in christlichen Kreisen ganz die ernste, jüdische Sinnesart eingebüßt hatte. Erst als ich älter wurde und die Tage kamen, an welchen man kein Wohlgefallen hat, kam mir mein ganzer frivoler Leichtsinn zum Bewußtsein. Oester als sonst tauchten die Gestalten meiner gottseligen Eltern vor mir auf; ich schämte mich ihrer, weil ich wußte, daß sie sich meiner zu schämest hatten, in dieser und in der anderen Welt. Ich sah eins daß alles eine große Täuschung war, vom . ersten Schritt, den ich aus dem elterlichen Hause gethan chatte,' bis auf diese Stunde. Welch" eine große SelbsttäU-

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