Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 17 (2.3.1903)
- Date
- 1903-03-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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schriften etc. sammelte und sie im Drucke der Oeffentlichkeit übergab. Tista-Fürcd, 18. Schewat. Hierselbst wurde der jüdische konigl. Bezirksrichter Ludwig Singer im Disziplinarwege seines Amtes enthoben. Allgemein War nun die Behauptung zu hören: „Ja, wenn der Jude zu einer solchen Stelle gelangt, so ist er auch fähig, alles zu thun, was ein königl. Richter nicht thun darf." Der hiesige Gemeindepräses, Herr Caspar Weiß, nahm die gerechte Sache des unschuldig verurtheilten Familienvaters in die Hand und betraute mit der Bertheidigung des Richters den Reichstagsabgeordneten Hofrath Dr. Arnim Reumann in Budapest. Gestern sprach die Curie, als höchste Instanz, den Richter frei, und wurde der verläumdete Ehrenmann vollständig rehabilitirt. Die Antisemiten aber, welche unter dem Titel einer Voltspartei hierzulande täglich an Zahl zunehmen, müssen einsehen, daß der Wächter Israels nicht schläft und schlummert. Samuel Glanz, Gemeindenotar. Feuilleton Von Mobert Känkern. 121 „Daran thust Du sehr gut, denn der Herr Baron würde einen solchen Wunsch sehr verübeln und ihn in keinem Falle gewähren; und ich glaube mit Recht. Ein solcher Besuch würde nur eine vernarbte Wunde aufreißen, ohne Dir die erhoffte Linderung zu gewähren. Jedenfalls würde der Herr Baron aber aus einem solchen Wunsche schließen, daß es Dir bei ihm nicht gefällt, er würde darin eine Neigung zu dem religiösen Bekenntniß vermuthen, in dem Du erzogen wurdest und jedenfalls annehmen, daß die Wahrheiten des ChristenthUms noch nicht Dein Herz gewonnen haben." Abraham schwieg; und ohne daß er es hindern konnte, rollten ihm zwei große Thränen über die blühenden Wangen. . „Wenn Dir Dein Herz so sehr daran hängt," fuhr dann der Pater fort, „so will ich Dir Deinen Willen thun und dem Herrn Baron Deine Bitte vortragen, obwohl ich damit in seinen Augen meiner Erziehungskunst ein großes Armuthszeugniß ausstelle. Aber ich habe Dir zur Belohnung die Erfüllung Deines Wunsches versprochen. Verharrst Du bei diesem Wunsche, so . werde ich ihn übermitteln und sogar befürworten; also entscheide Dich." ' ' „Sie haben Recht, verehrter Lehrer," entgegnete Abraham nach einigen Augenblicken der Ueberlegung, „ich verzichte auf diesen Wunsch. Es wäre undankbar von mir, gegen Papa und Mama, und gegen Sie selber durch einen solchen Wunsch meinen Wohlthätern auch nur eine trübe Minute zu bereiten, und Bedenken und Befürchtungen wachzurufen, die .ich zwar für unbegründet halte, mit welchen ich aber. Dank Ihres gütigen Raths, wohl rechnen muß." Eine Zeit lang ließ der Greis in freudiger Erregung schweigend seine dunklen Augen auf dem gereiften Schüler ruhen, dann ergriff er seine Hand und .sprach: 1 „Ich ahne, welche große Ueberwindung es Dich tostet. Dich meinem wohlgemeinten Rath zu fügen, und ich danke Dir dafür. Knaben Deines Alters sind selten eines solchen Entschlusses fähig. Die ganz ungewöhnlichen Erlebnisse, die Du schon erfahren hast, haben Dich früher gereift. In den Jahren, in welchen Kinder sonst noch tändeln, bewährst Du eine Ueberlegung und Selbstüberwindung, der ich meine volle Anerkennung um so rückhaltloser ausspreche, weil ich dem Herrn Baron und der Frau Baronin von dieser meiner Befriedigung nichts mittheilen kann, um sie wegen der. Veranlassung dazu nicht zu betrüben. Du mußt Dich also dieses Mal mit meiner Anerkennung begnügen." Pater Firmian war sehr karg im Lob für seinen Schüler. Um so nachhaltiger wirkte diese rückhaltlos gespendete Anerkennung. Mt leuchtenden Augen dankte Abraham für die gute Meinung, die er von ihm hatte, und versprach, sie auch in aller Zukunft verdienen zu wollen. „Aber ich bin Dir noch immer Deine Belohnung für die gelöste Aufgabe schuldig. Doch werde ich mich hüten. Dich Deinen Preis selber bestimmen zu lassen, damit ich nicht wieder in die Lage komme, mein Wort nicht halten zu können. Ich schlage Dir für heute Nachmjttatz einen größeren Spaziergang vor. Der Herr Baron und die Frau Baronin sind heute in die Stadt gefahren und werden wohl gegen Abend erst zurückkommen. Wir gehen ihnen entgegen und können dann mit ihnen zurückfahren. Bei unserem Spaziergange will ich Dir die merkwürdige Geschichte des Priors vom Kloster zum guten Hirten in Prag erzählen. Sie wird Dich interessiren, weil in derselben Seelenkämpfe, wie sie auch Dir nicht fremd sind, eine große Rolle spielen. Die Geschichte hat vor vielen anderen den Vorzug, daß sie wörtlich wahr ist. Ich selbst hatte Gelegenheit, in derselben eine gewisse Rolle zu spielen; für die Wahrheit derselben kann ich daher einstehen. Willst Du mit dieser Erzählung meine Schuld als abgetragen ansehcn?" - „Wie können Sie noch fragen?" erwiderte bren- . nend vor Begierde der Knabe. „Wenn ich einen Wunsch j dazu noch äußern darf, so wäre es nur der, daß wir die « Erzählung nicht bis heute Nachmittag verschieben möch-