Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 87 (2.11.1903)
- Date
- 1903-11-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1909 scheiden laflen und sie heirathen! Warum verwehrten Sie mir hier den Zutritt? Ich muß mich doch mit ihr ausfprechen!" „Nur wenn sie damit einverstanden ist und in meiner Gegenwart," erklärte Jakob entschieden. „Anders nicht!" „Warum soll sie sich denn nicht damit einverstanden erklären?" wandte David'heftig rin. „Ich kann für sie Alles Lhun oder gar nichts! Sie ist ganz in meiner Hand!" Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als die zweite Thur mit Geräusch geöffnet wurde und — Lia eint rat, aber wie umgewandelt. Aus dem einfachen, verzagten, weinenden Mädchen hatten Schmerz und Entrüstung sie fast zu einem Schreckbilde umgestaltet. Das große Gefühl verlieh ihr Würde, Glanz und unbesiegbare Kraft. David zitierte vor Verwirrung, als er sie erblickte. Iawb fürchtete anfangs einen allzu gewaltigen Ausbruch. Aber Lia vermochte kein Wort heroorzubringen, fo schnürte ihr der Schmerz die übervolle Brun zusammen. bis sie endlich langsam sprach: „Wir Beide, David, haben nichts , mehr miteinander gemein! Ich erköre Euch vor diesem Zeugen, daß ich Euer Weib nicht sein will und Euch nicht gesiaiie. Euch Vater dieses unglücklichen Kindes zu nennen. All' meine Thranen aber, meine Seufzer, meine Roth, meine schlaflosen Nächte, den Fluch meiner Eliern und den Jammer des Vaters und der Mutter, und die S-chmach der Familie, und den Zorn Gottes werfe ich auf Eure Schultern. Alle Teufel mögen Euch verfolgen! Der Satan mag Euch holen, mag Euch martern.. . Da standen ihr die Augen starr; die Livpen schäumten, sie streckte die abgemagerte Hand aus. begann zu schwanken und stürzte jäh. wie vom Schlage getroffen, zu Boden, bewußtlos mit krampfhaftem Lachen und Aufschrei. David wollte anfangs kühl und svöttisch diesen Schmerzenslaui überhören. Aber auch ihm schlotterten die Knie, er griff sich an den Kopf und lief davon. Man legte die Ohnmächtige auf's Lager. Tie Dienerin eilte zum Arzte. Dieser war zum Glück ein Bekannter Jakob's. Er wohnte nicht weit und man traf ihn zu Hause, denn es war seine Mittagsstunde. Es ergab sich jedoch, daß die Bewußtlosigkeit Lia's leine einfache Ohnmacht war, sondern ein Nervenschlag. der sich nur zu bald als lebensgefährlich erwies. Man wandte alle möglichen Mittel an. Aber erst gegen Abend erweckte das Schreien des Kindes wieder ihr Bewußtsein. Sie erhob sich, streckte nach ihm die . Arme aus. ohne sich klar zu werden, was mit ihr geschehen. und sofort verließen sie wieder die Kräfte. Der Arzt war sehr besorgt. Jakob konnte erst spät in der Nacht nach Hause zurückkehren. Früh Morgens schon klopfte es an Jakob's Thür. Ihn weckte die Stimme Jwas', der im Vorzimmer Einlaß verlangte, trotz der frühen Stunde, förmlich ringend mit dem sich mir aller Macht widersetzender: Diener. Jakob's Klingel entschied den Streit und Jwas trat ein mit düsterer Stirn und ohne den Hut vom Haupte zu nehmen. Seine Kleidung war ungewöhnlich. Er trug lange Stiefeln, einen dichten Anzug, wie zur Jagd, und über den Schultern einen Mantel. Auf seinem Antlitz malte sich energische Gluth. „Stehen wir auch heute in feindlichen Lagern einander gegenüber." sprach der Eingetretene, „so vergaß ich doch nicht, daß ich Ihnen meine Rückkehr in das Land, vielleicht sogar mein Leben verdanke! Sie erretteten mich aus großer Noth! Ich wollte nur noch zum letzten Male meinen Dank absiatten und Ihnen Lebewohl sagen!" „Wieso, Lebewohl?" fragte Jakob. „Heute noch, sogleich, begebe ich mich in. die Wälder!" erwiderte Jwas mit eigenthümlichem Lächeln. „Also Ihr geht wirklich?" .,Alea jacta esi** sagte Jwas, indem er sich setzte. ..Nun ja! Wir gehen in's — Verderben! Ob unser Aufstand zwei Tage dauern wird, ooer zwei Jahre — wir wissen es nicht. Wir gehen mit Stöcken gegen ein bewaffnetes Heer! Wir gehen in die Wälder! Denn der Wald ist unser Lager, unsere Festung, unser Speicher und unser Magazin. Wir gehen, verfolgt vom Hohngelächrer der Einen, von den Verwünschungen der Ändern, von den Thränen geliebter Wesen' Wir geben aus Verzweiflung, ohne Hoffnung! Aber — wir gehen!" „Warum aber gebt Ihr?" ..Weil üe die Leute, die uns vertrauten, uns fortnehmen und üe in die eisernen Soldatenschienen einschmieden; weil wir die Uns'rigen reiten müssen, oder zusammen untergeben!" Jakob hörte dies in tiefer Betrübniß; bleich und wie angewurzelt stand er da. „Sie sehen, ich mag Sie nicht täuschen!" fuhr Jwas fort. „Ich belüge weder Andere, noch mich selbst! Ich weiß nur zu wohl, daß ich meinen Kopf einsetze, vielleicht auch noch mehr: meinen ehrlichen Namen unter dem Pranger der Zukunft, unter dem Hohne kalter Gerichte, welche ihm die Bezeichnung eines Verwegenen, eines Rasenden, oder eines Kindes anhängen. Aber ich gehe, denn die Ehre gebietet es mir, mit den Leuten zu gehen, die wir nicht länger unterhalten können! Ich stehe am Rande des Grabes und spreche zu Dir so feierlich, wie vom Todtenbette: Jakob! Verratbe Du nicht das Land! Handle nicht gegen diejenigen, die es vor Schmach zu bewahren gehen!" „Ich!" fragte Jakob. „Wer kann mich eines Verrathes zeihen?"