Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 87 (2.11.1903)
- Date
- 1903-11-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1895 Ich komme zu dem Vorgang mit dem Abgeordneten Rickert. — Rickert, durch verschiedene Zeitungsartikel, namentlich in. der Wochenschrift des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", auf unsere Anstalt aufmerksam gemacht, kam nach Hannover und wurde von Herrn Dr. Meyer nach Ahlem geführt. Dort informirte Herr Dr. Meyer ihn bezüglich der Ausländer in der ' gleichen den L hatsachen widersprechenden Weise, wie in seinem Artikel. Als später Herr Rickert mit Herrn Senator Fischer und mir zusammentraf, erklärte ich ihm den richtigen Sachverhalt. Wenn Herr Dr. jur. Meyer so sehr bedauert, daß ein so großer Prozentsatz der jüdischen jungen Leute Jura, Medizin oder Elektrotechnik studirt, so darf inan sich billigerweise wundern, daß er. der Sohn eines angesehenen Rabbiners, nicht selbst diese Laufbahn eingeschlagen hat. — Ob einer seiner Söhne nun etwa Theologie studiren oder gar ein Handwerk oder Bodenkultur als künftigen Beruf ausersehen wird? — Meinerseits bedarf es wohl keiner besonderen Versicherung, daß Niemand sehnlicher als ich wünsche, ein größerer Prozentsatz unserer Glaubensgenossen möge sich den letzteren Berufen zuwenden. Seit Jahren habe ich energisch für diese Idee gearbeitet: Vor zwanzig Jahren gründete ich den „Verein zur Förderung von Handfertigkeit und Gartenbau in der jüdischen Volksschule." der in dem Lehrerseminar in Hannover und in der damit verbundenen Uebungsschnle diese beiden Unterrichtsfächer lehrt. Der Vorstand des „Jüdischen Handwerker-Vereins." dem Herr Dr. Meyer auch angehört, ist von mir verschiedentlich gebeten worden, sich mit dem Seminar und der Uebungsschule in Verbindung zu setzen und namentlich die Kinder, die schon vor dem 14. Jahre besonderes Geschick für den Handfertigkeitsunterricht zeigen, zu ermuntern, sich dem Handwerk zu widmen, sowie deren Eltern darauf aufmerksam zu machen. Wenn Hcrk Dr. Meyer uns ermahnt, uns um die russischen, polnischen und rumänischen Juden nicht zu kümmern, unter Hinweis daraus, daß die deutschen Ehristen sich um ihre ausländischen Glaubensgenossen, wenn sie verfolgt sind, nicht kümmern, so widersprechen dem die historischen Thatsachcn ganz entschieden. Daß Z. B. der Krieg in China s. Zt. hauptsächlich zu diesem Zwecke geführt wurde, sollte auch Herrn Dr. Meyer bekannt sein. Das lediglich mit deutschem Gelde begründete und unterhaltene Diakoniffenhaus in Kaiserswerth unterhält, wie ich mich selbst überzeugte. Institute in Berlin und Jerusalem, in welchen syrische, armenische und griechische Christen erzogen werden. Ebenso wird das große Waisenhaus für armenische Kinder unter Leitung des Dr. Schneller durch deutsches Geld erhalten. In einer Zeit, da die Leiden der osteuropäischen Juden alles Dagewesene übersteigen, ist kaum zu glauben, daß ein deutscher Jude, zudem Sohn eines Rabbiners, der so stolz von seinem Judenthum spricht, sich derartig herzlos über unsere unglücklichen Glaubensgenossen äußert. Wenn ich dagegen das Buch des Herrn Professors Errera mit dem Vorwort des Herrn Professors Mommsen damit vergleiche, sowie die Rede, die ein amerikanischer Kollege des Herrn Meyer, Leo. Levy, in der Convention der Bne-Brith über diese Frage gehalten hat, so könnte man zweifeln, daß diese drei Herren' derselben Religionsgemeinschaft angehören. Aber auch bei Christen habe ich eine ganz entgegengesetzte Ansicht über eine den östlichen Juden gegenüber zu beobachtende Haltung gefunden,- als die des Herrn Dr. Meyer. .Das beweisen die in verschiedenen Städten Amerikas, namentlich in Newyork bestehenden sog. Settlements, von denen ich aus eigener Anschauung als Muster den llniversity-Settlement hervorheben möchte. Dieses mitten im Ghetto belegene Haus bezweckt, die dort ankommenden osteuropäischen Juden von der frühesten Kindheit an zu erziehen, ihnen im späteren Alter eine Ausbildung zu geben, die sie in den Stand setzt, sich selbstständig ernähren zu können. Dieses Institut steht in engem Zusammenhänge mit der Universität Newyork, und die bedeutendsten Professoren interessiren sich lebhaft dafür. Eine große Zähl der an der Universität thätigen jungen Männer wohnt in der Anstalt und widmet ihre Zeit und Kraft deren Bestrebungen. Sie finden hierbei seitens der Damen auch aus hohen Gesellschaftsklassen Unterstützung. Der Leiter des Instituts, Herr Robert Hunter, hat sich in diesem Jahre mit einer in gleicher Weise an der Anstalt thätigen reichen Dame, Miß Stokes, verheirathet. Anstatt — und das ist bezeichnend — wie sonst reiche Amerikaner es thun, ihre Hochzeitsreise nach Paris, London, oder irgendwelchen schönen Gegenden zu machen, fuhren sie nach Rußland und blieben dort drei Monate, um die Lage der russischen Juden gründlich zu studiren und um ihnen durch die geivonnenen Erfahrungen noch intensiver helfen zu können. . — Bezüglich der Behandlung dieser unglücklichen Menschen, die. wie allbekannt, ohne eigene Schuld in diesen tiefen Kulturständ gerathen sind, konnte sich sonach Herr Dr. Meyer von C h r i st e ir belehren lassen. Selbstverständlich sollte man darüber unsere deutschen Juden in keiner Weise vernachlässigen, sondern alle Mittel in Bewegung sehen, armen Kindern eine gute praktische Erziehung zu geben und sie so vor Verwahrlosung zu schützen. Dazu kann und muß das Geld von unseren wohlhabenden Juden beschafft werden, wenn, um nur Eins zu nennen, anstatt der theil- Jncife palastartigen Wohlthätigkeitsanstalten . einfache Gebäude ohne jeden Luxus errichtet würden, und man