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Der Israelit · 1903-11-02 · Heft 87 (2.11.1903) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 87 (2.11.1903)
Date
1903-11-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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der Gefahr der Selbstgenügsamkeit, dem Dünkel des Eigenlobes wirksam vor. Wenn nun selbst die r e l i g i ö s e n Freudentage dem Juden nicht absolut harmlos erscheinen für sein religiös-sittliches Streben, wenn er selbst seinen gesetzlich gebotenen Feiertagen glaubt Bußestunden anfügen zu sollen, wie sehr kontrastirt eine solche Lebensansicht mit der Alltagsweisheit, die wähl- und skrupellos allen Lebensfreuden das Wort redet! Das moderne Geschlecht nimmt unbesehen alle Genüsse oder vermeintlichen Genüsse hin, ohne Rücksicht auf die weisen und mütterlichen Mahnungen unserer Religion. Der mächtig dahinfluthende Strom des Lebens läßt heute selbst im kleinen Dörfchen seinen Wellenschlag vernehmen. Auch im kleinen Kreise hat man seine Vereine, Klubs- Kränzchen und Verbände, hält Versammlungen. Zusammenkünfte, „Abende" ab, veranstaltet musikalische und theatralische Aufführungen und verletzt dabei nicht gar so selten rep und vm setzt sich über die Speisegesetze und andere wichtige Religionsbestimmungen hinweg. Jung und Alt gehen dabei Hand in Hand, ohne auch nur im Entferntesten an die Frage der „S ch e n i" - F a st t a g e zu denken: Haben wir nicht vielleicht in der F r e u d e, der wir uns so ohne weiteres hingeben, ein sündhaftes Denken und Thun begünstigt und zu verantw orten? Und doch wäre diese Frage so durch und durch vom Geiste des Judenthums, der jüdischen Lehre eingegeben. Daß in der Freude der Mensch Gottes vergessen könnte, und daß gerade Israel hierzu besonders geneigt ist, das spricht schon die alte Thora aus: jrwi wyn Jeschurun (Israel) wurde feist, da schlug es aus! Und ähnlich meint der Talmud: m', i«n x'L'.vv xpoD imo torwnfr der gedrückte Stand kleidet Israel so wohl, wie die schöne Rose ein weißes Roß. Seitdem aber auf Morijahs Höhe unser Nationalheiligthum in Asche und Trümmer fiel; seitdem wir nach allen Richtungen der Windrose unter die Völker zerstreut worden, seit dieser Zeit ward uns von den Weisen s. A. der wohlmeinende Rath an's Herz gelegt, nie und nimmer dieses geschichtliche Verhältnitz Israels außer Erwägung zu lassen, besonders aber bei frohen und freudigen Anlässen dessen eingedenk zu bleiben. Sie nennen das fairb "ot. die Erinnerung an die Temvelzerstörung. Beim Hausbau, bei Verlobungen, bei Hochzeitsfeierlichkeiten und sonstigen Gelegenheiten froher Natur, fehle nicht das Erinnerungszeichen für den Tempeluntergang. Auch wird uns der Rath ertheilt, Musik und Gesang in jüdischen Häusern zu beschränken. Stets zeichne sich der Jsraelite durch ein still bescheidenes Wesen aus. (Sch. A. 559.) Ist die hier ausgegebene Lehre nicht das, was auch a*na uns lehren möchte? Sie warnt nur noch umso eindringlicher, sie soll weit umfassender verstanden werden, da hierbei unser profanes Leben, wie es während des ganzen Jahres' sich abspielt, in's Auge gefaßt ist. O, wie heilsam für-uns, würde die kritische Beachtung und Betrachtung der Lebensfreuden und Lebensgenüsse in oben bezeichneter Richtung Platz greifen. So manche trübe Erscheinung unserer Tage müßte schwinden. Oder ist es nicht wahr, daß Blasirtheit und Nervosität, Nervenschwäche und Geisteskrankheiten gerade auch in jüdischen Kreisen so unheimlich oft vertreten sind? Welchen Antheil mag daran die Thatsache und der Umstand haben, daß man skrupellos sich jedwedem' „Genüsse" und Vergnügen hingibt? In den schlichten Häusern unserer Ahnen wohnte eine, natürlichere, herzlichere Freude, als in den blendenden Salons mo-. derner Krösusse. Man gibt sich zahllosen Freuden hin, um schließlich keine derselben recht zu genießend Und wie oft sind zerrüttete, ungesunde, soziale Verhältnisse < damit heraufbeschworen worden, die für manchen den physischen und moralischen Ruin im Gefolge hatten! Erst die jüngst erschienene Statistik der Juden berührt diesen wunden Punkt bei dem traurigen Kapitel..deS Selbstmordes, an dem leider unsere Brüder auffallend hoch partizipiren. Die weise Beschränkung, die heilsame Reserve, die der gesetzestreue Jude sich selbst und freiwillig allüberall auferlegt, wird im privaten wie gesellschaftlichen Leben zur Segensquelle für ihn. Er empfindet es nicht als schwere Bürde,- im Bewußtsein seines Judenthums, in Anbetracht unserer unveräußerlichen Pflichten und Aufgaben, von so Manchem zurückzustehen, wenngleich der blendende Schein reizt und lockt. Gerade jetzt, wo mit des Winters Einzug sich das Leben mehr und mehr in den häuslichen Kreis zurückzieht, besonders in diesen Tagen, wo die geselligen und gesellschaftlichen Freuden wieder zu ihrem Rechte gelangen möchten, da sollten wir der Scheni-chamischiw'scheni-Lehre eingedenk bleiben. Wer nach jüdischer Art Freuden aussucht und sie in jüdischem . Sinne zu genießen sich bestrebt, der wird nicht nur weder physischen. noch moralischen Schaden davon nehmen, sie werden im Gegentheil eine Quelle frisch-sprudelnder Lebenskraft, sie befähigen uns, im harten Kampf des täglichen Lebens auszuharren und muthig fortzuschreiten-. .Und diese segensvolle Seite der sich uns bietenden Genüsse und Freuden wollen die vvn w 'Jen Tage hervorkehren, sie sind der schöne Nachhall des Laubhüttenfestes, dessen Lehre sie wiederspiegeln, sie sind die goldene Brücke, über die wir hinschreiten zum Winter, dessen Tage und Wochen wir im Aufblick zum Allvater, dem Spender aller Freuden und Genüsse, verleben sollen..

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