Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 87 (2.11.1903)
- Date
- 1903-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1692 wunderbaren Ausdruck, seine volle Berücksichtigung. ' Gerade in diesen Tagen kommt uns die Thatsache wieder zum Bewußtsein, wenn die Fasttage „Schenichamischi-w'scheni" in unserer Mitte begangen werden. Wir erfahren über diese Anordnung der Weisen s. A. Folgendes: «Nach dem Peßachwie nach dem Laubhüttenfeste hat'man den Gebrauch, an einem Montage, dem darauffolgenden Donnerstage und wiedernächsten Montage zu fasten. Man wartet, bis Nisan und Tischri vollständig verstrichen, erst dann beginnt das Fasten.- Am ersten Sabat nach stattgehabtem Neumonde werden die Fasttage eingesegnet.*) (Mog. Abr. 492.)" Auch der Gründe werden mancherlei mitgetheilt. Zunächst wird, darauf hingewiesen, daß wir durch die längere Zeitdauer, in der wir uns der Festesfreude Hingaben, leichter zu Gesetzesübertretungen kommen konnten- Ist doch für uns schwache Menschen — wie ein bekanntes Wort es ausspricht — nichts „schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen." In Freude und Glück überschreitet mancher umso leichter die Schranken des Erlaubten. Die Weisheit der Altvordern ließ darum auf das Passa- und Hüttenfest ein dreitägiges Fasten zur Buße folgen. Eine Analogie für diese Bußetage wird zudem in der Geschichte Jjobs gefunden. Die Bibel erzählt uns von dem frommen Dulder, daß er jedesmal seinem Gotte Sühnopfer dargebracht, nachdem seine Kinder große und prunkvolle Gastmähler abgehalten. Hiob hegt? die Befürchtung, bei solch freudigen Familienfesten konnte der sittlich religiöse Ernst verletzt worden sein, den Gottes Wort allezeit von seinen Bekennern fordert. — Wieder andere begründen unsere Fasttage mit dem Hinweise auf den dermaligen Wechsel der Jahreszeiten. Die Uebergangsjahreszeiten — Frühling, Herbst — in welche ja Peßach und Suckos .fallen, bringen mehr Krankheiten mit sich, als Sommer und Winter selbst. „Das Ende des Sommers ist nachtheiliaten. als der Sommer selbst." (Tal. Ioma 29.) Halten wir einmal die erste und allgemeiner rezipirte Ansicht fest: „durch länger sich hinziehende Freudentage könnte unser religiöser Sinn aetrübt. die gesetzliche Treue geschwächt worden sein." Welch' hohe Auffassung unserer jüdischen Lebenspflichten svricht sich doch in dieser Befürchtung aus! Welch' strenge Selbstzucht wird da von uns gefordert, mit welch' tiefer Mensckenkenntniß unser Thun und Lassen betrachtet! Man bedenke doch das Eine, daß Peßach wie Suckos Feste sind, an denen die Freude einen durchaus religiösen Charakter trägt. Sprechen wir es doch im Gebete aus: vb im ■ V'2M o'jn;nnes>*> „Du gabst uns, Herr. Festtage zur Freude. Feiertage und Zeiten zur Wonne. Und 'gar das Hüttenfest. dessen charakteristischste Bezeichnung urne» tat „Freudenzeit" lautet, unsere *) Nach deutsch ein Minhag letzteres nur im Frühjahr so. frohen Gefühle wurzeln hier so ganz im Boden unserer heil. Religion,' und trotz alledem — in diesen Tagen treffen jene Töne unser Ohr. welche wir am ersten Selichot-Morgen und in der darauffolgenden Bußezeit vernahmen. Die jüdische Lebensanschauuna tritt hierbei in der vortheilhaftesten Weise in die Erscheinung. nmNB 'vm! Frohlocket — unter Zittern! Die Freude ist uns durchaus nicht verboten, der Lebensgenuß nicht untersagt. Wozu auch hätte der himmlische Vater uns alle die Güter und Gaben der Erde gereicht? Des Juden Weltanschauung ist eine optimistische, er erhofft, ersehnt, und erbittet die Heileszukunft der ganzen Menschheit. Aber er vermählt mit dieser Weltanschauung den Pessimismus; er ist ihm nichts weiter als das Salz, um jene Lebensauffassung frisch und gesund zu erhalten. Nicht feige Weltflucht und klösterliche Abgeschiedenheit ist das erstrebenswerthe Ideal. Unser Maxime lautet: die weilt bei der raa bv rrar, die Gottesnähe ist unmittelbar mit gottgefälligem Thun und Leben verknüpft. Und der Jude möchte den rechten Lebensernst selbst in der gottgebotenen Festesfreude um kein Haar sich verkümmern lassen. fe»* vanpa sn, „Wie Gott selbst „Seinen Heiligen nicht traut." so ist der wahre Jsraelite überaus strenge in der Selbstbeurtbeilung. im Urtheil über sich selbst, und er hält seine Bußtage nach dem Ueberschreitungs- und Hüttenfeste. — Wie könnte man doch gerade anläßlich dieser zwei Feste das schlummernde Gewissen in den tiefen Schlaf der vollen und unbedingten Selbstzufriedenheit einlullen. Haben wir nicht Opfer an Zeit, Kraft und Vermögen genug gebracht, wenn Peßach oder Suckos bei uns eingekebrt? Das Peßachfest greift tief in das jüdische Hauswesen ein; mit peinlicher Gewissenhaftigkeit wird unser Heim vollständig sozusagen umgewandelt, den rituellen Anforderungen in Bezug auf Chomez zu genügen. Am Hütenfeste verlassen wir gar die behagliche Wohnstube, um trotz herbstlich kühler Witterung sieben Tage unter leichter Laubdecke zu weilen. Um eine den Anforderungen des Religionsgesetzes wie der Aesthetik entsprechende Suckc^. zu erlangen, erheischt es mancher pekuniärer Opfer, und in gleicher Weise ist dies beim Erwerb der o'ya des Feststraußes der Fall. Solche und dergleichen mehr Beredungskünste sind allruleicht bereit, die Stimme des Gewissens und der Gewissenhaftigkeit zu ersticken. . Allein Religion und Geschichte halten uns wach, schärfen unfern Blick für die Vewerthung unseres inneren Menschen, und was wir auch gethan und geleistet. es . soll und darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, wie weit wir noch von der Grenze des Vollkommenen entfernt, wie auch die Anerkennung des relativ Guten eine Selbstbeschönigung in sich birgt, die dem weiteren Emporstreben zur lähmenden Fessel werden kann. So beugt unser „Scheni-chamischi-w'scheni"