Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 15-16 (26.2.1903)
- Date
- 1903-02-26
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Zöü Doch uns ist gegeben. Auf keiner Statte zu ruh'n; Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer ' Stunde zur andern. Me Wasser von Klippe Zu Klippe geworfen. Jahrlang in's Ungewisse hinab. Wo gibt es noch Menschen auf Erden, auf deren Schicksal diese Worte Hölderlins mehr anwendbar wären, als auf unsere armen vom Unglück zertretenen Brüder aus den kulturlosen östlichen Landern Europas? Ein düsteres Symbol des harten Schicksals unseres Volkes, ziehen diese Massen an den Augen der Völker vorüber, vom Haß verfolgt, mit Verachtung behandelt, ohne Liebe empfangen, ohne Sympathien weitergeschickt, einer ungewissen Zukunft entgegen. Und dennoch sind diese Armen für jeden Strahl der Liebe, der in ihr sonnenloses Dasein hineiNfällt. so tief dankbar! Und warum ist denn die ganze Welt so lieblos gegen diese Unglücklichen? Ist denn die Menschheit so liebeleer und grausam nur gegen die Stiefkinder des Glückes? Ach nein. Als die tapferen Buren sich mit dem Muthe der Verzweiflung gegen den hundertfach überlegenen, erbarmungslosen Feind zur Wehr setzten, flammte die ganze Welt in edlem Mitgefühl und Mitleid für die zu Boden getretenen Kämpfer auf. U'nd wenn auch die heldenmüthigen Buren unterlagen, so. feierte dennoch der Sinn für Recht und menschliche Theilnahme einen edlen Sieg. Warum schweigen diese Massenempfindungen gegenüber diesen vertriebenen Rumänen und Russen? Weil sie keinen vaterländischen Boden mit den Waffen iil der Hand zu vertheidigen haben? Nein, , weil sie eben kein Vaterland haben, und weil sie Juden sind. Ist es darum nicht umsomehr unsere Pflicht, ihnen, denen eine ganze Welt von Feinden, offenen und versteckten, jeden Funken von Theilnahme versagt, umsomehr Liebe entgegenzübringen? Sind es denn Fremde, die aus den unermeßlichen Ländern Rußlands als zersprengte Haufen auf kurze Zeit unsere Gastfreundschaft fordern? Nein, es sind unsere Brüder, in deren Adern dasselbe Blut pulsirt, wie in unseren. Auch sie sind Jakobs Söhne, auch sie die Kinder Rachels, deren Weinen noch heute von Ramoh aus vernommen wird, um das endlose Schicksal ihrer Nachkommen. Sie dulden und leiden desselben Erbtheils wegen, um dessentwillen unsere-Vorfahren gelitten und geduldet haben. Sie wandern und wandern, desselben Erbgutes halber, das ihre m ^Herzen so theuer ist. wie unserem Herzen. Sie tragen heute dasselbe Martyrium, das unsere Väter vor noch anderthalb Jahrhunderten mit sich in die lieblose Fremde trugen. Und wenn sie noch so elend, noch so vernichtet und noch so gemieden wären, unsere Brüder bleiben sie dennoch, nur umsomehr. Und Gottlob! Diese Bruderliebe durchglüht noch tausende jüdischer Herzen in allen Welttheilen für diese armen Brüder, wo noch jüdische Lippen mit diesen Bedrängten, das alte, alle Juden umschlingende: »Höre Israel," beten. Aber darum auch Schande genug, daß es noch große, jüdische Centren gibt, wo man sich diesen Verlassenen lieblos entzieht und sie ihrem Schicksal überläßt, statt sie zu laben, aufzurichten und ihrer sich anzunehmen. Gottlob! wiederhole ich, daß dieses doch nur Ausnahmen find, und die deutsche Judenheit nicht davon betroffen ist, so wenig wie die schweizerische. Die Bilder einer jüdischen Auswanderergruppe in Bremen, gibt vielmehr Zeugniß, wie jüdische Menschenliebe keine Grenzlinien, keine Sprachünterschiede kennt. Mr sehen hier inmitten unter den aus allen russischen Provinzen und anderen Ländern des Ostens, zusammengewürfelten Emigranten, die wackeren jüdischen Einwohner Bremens, Männer, die zumeist von jüdischen Damen thäiträftig unterstützt, sich dem großen Liebeswerk selbstlos hingeben, das ihr geistlicher Führer, Herr Rabbiner Dr. Rosenak. geschaffen. Dieser selbst (durch einen Cylinderhut kenntlich) ist ein wahrer Vater der armen Auswanderer, ihr Freund, ihr Berather, ihr Helfer. Und so gehört er, man könnte sagen, selbstverständlich in diese Gruppe. Auf einem zweiten Bild bietet sich uns eine Speiseprobe durch das Komitee dar. Wenn wir noch hinzufügen, daß die meisten dieser Herren vielbeschäftigte Geschäftsleute sind, deren Zeit Geld bedeutet, die aber außerdem viele und große materielle Opfer bisher gebracht habeN, so haben wir das Recht, zu hoffen, daß auch fürderhin unsere armen Exilanten nicht verlassen sein werden. Dr. med. Arthur Kahn. i i