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Der Israelit · 1903-02-26 · Heft 15-16 (26.2.1903) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 15-16 (26.2.1903)
Date
1903-02-26
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Zeitgemälde von I. I. Kraszewski in autorisirter Uebertrazung. „Dies zu verleugnen, wäre noch lächerlicher!" erwiderte ich. „Und dies würde ich niemals thun. Denn ich hänge meinem Volke und meinem Glauben an. Hundertmal sogar — schlecht gerechnet — ist es besser, sich selbst offen zu seiner Abstammung zu bekennen, als sie vergeblich zu verheimlichen, und sie uns von Andern vorwerfen zu lassen!" „Aber wozu so oft daran erinnern?" fragte er. „Weil ich wirklich stolz darauf bin!" erwiderte ich. „Stolz!" rief er achselzuckend. „Nun, das versteh ich nicht. Dies, Euer Judenthum, hatte seine Zeit; so lange es verfolgt wurde, war es unsere Wehr und unser Schild. Heutzutage jedoch, was soll uns dies?" „Aber unser Glaube. .." warf ich ein. „Was, unser Glaube?" unterbrach er und schwenkte verächtlich die Hand. „Was ist das? Sie alle sind einerlei Milch für den Säugling! Glaubst Du denn," fuhr er lächelnd fort, „daß man Ochs und Esel zum Pflügen nicht zusammenspannen, daß Man Blut mit Milch, und Seide mit Wolle nicht vermischen darf? Und daß, wer in der Schule nicht Amen! sagt, in die Hölle kommt?" „Ich ehre," rief ich, „sogar diese Vorschriften meines Glaubens, obgleich ich sie mir nicht erklären kann. Auch das Amen in der Schule halte ich für eine Pflicht. Denn wer es nicht sagen wollte, trennte sich vom Volke, vom Ganzen durch Geringschätzung des Gesetzes!" Mein Vormund stand auf, hörte mir eine Weile zu, wunderte sich über meinen Eifer und fügte dann achselzuckend hinzu: „Man muß sich losmachen von Vorurtheilen!" „Das bestreite ich nicht," sprach ich. „Aber man muß von Vorurtheilen ehrenwerthe Traditionen unterscheiden, und den Glauben . ." „Aber was soll da der Glaube?" lachte er spöttisch. „Der Glaube läßt sich nicht definiren," erwiderte ich. „Wer ihn nicht empfindet und-seine Nothwendigkeit, der versteht auch niemals seine Definition!" „Man erkennt in Dir Deine ersten Lehrer wieder und eine bei einem Fanatiker verlebte Jugend," erwiderte er. „Dein Geist ist noch nicht ernüchtert!" „Mich verlangt durchaus nicht danach, mich davon loszureißen, was mich zu einem Mitgliede des auserwählten Volkes macht," entgegnete ich. „Laß mich bleiben, was ich bin!" „Sehen wir davon ab!" unterbrach mich der Vormund. „Das kommt allmählich von selbst. Ich wünsche nur und bitte, sprich nicht soviel davon, und rühme Dich nicht zu sehr damit! Alles erträgt die heutige Gesellschaft, aber den Fanatismus zieht sie in das Lächerliche, denn er verräth eine Geistesschwäche oder -Krankheit." Ich schwieg. Er ging mit Maßen Schritten im Zimmer auf und ab. „Gewiß," brummte er vor sich hin, „niemals wird Einer von uns vergessen, wer er ist, wer seine Väter waren. Aber mit diesem Judenthum, Welches uns schadet unter den Menschen, muß man nicht prahlen!" Solch' ein Mann war, wie Sie sehen, mein Vormund. Sein Leben richtete sich streng nach den Wahrheiten, die er anerkannt hatte. Er ließ sich in ihm nur vom Verstände, von der Berechnung leiten, oft auch von der Leidenschaft, obgleich er diese zur Noth zu zügeln wußte, niemals aber vom Gefühle, denn dies besaß er nicht, oder er sträubte sich gegen dasselbe auf das Lebhafteste. Ob er selbst daran Schuld war, oder seine Natur, oder seine Erziehung, das weiß ich nicht. Fm.. Grunde war jeder seiner Schritte überlegte Berechnung, abzielend auf Einfluß, Meinungen, Ruf, Macht, Uebergewicht, auf Reputation an Tugend und Rechtlichkeit,- Wohlthätigkeit, Uneigennützigkeit, Verstand u. s. w. Er liebte seine Tochter, aber nach seiner Art. Er verfügte über sie nach seinem Sinne; denn diesen hielt er für den besten. Er bildete sie, nicht wie sie wollte, sondern wie es ihm am bequemsten und angenehmsten war. Im Grunde kenne ich keinen schrecklicheren Despoten, als ihn, trotz seiner anständigen Formen. Er hatte sich.auch jenen Instinkt des Despotismus bewahrt, der nicht auf etwas losstürmt, was er nicht erzwingen kann, woran., er scheitern und beim Zurücktreten seine Schwäche zu'erkennen geben würde. Aus seiner Theorie folgte, daß er möglichst ausgebreitete Verbindungen anknüpfen müsse. Auch ich war ihm dies schuldig, während ich selbst keine große Lust hatte, mich Leuten zu nähern, die man, wie er sich ausdrückte, immer „mit dem Durchschlage" nehmen müsse. Oft nahm er mich mit in Häuser und zu Personen, von denen ich wußte, daß sie ihm gehässig waren. Obwohl er sie nicht leiden konnte, trat er dennoch lächelnd ein, spielte die Rolle des wohlwollenden Freundes, verstand ihre Anspielungen nicht, hörte nicht, was ihn verletzen konnte, und verletzte auch sie nicht, weder durch Kühle, noch durch augenscheinliche Abneigung. Eine so ausgeprägte Kraft und Energie besaß er, daß wenn's mich am gewaltigsten aufregte, auf ihn anscheinend nicht den geringsten Eindruck machte. Er biß darüber nur die Lippen zusammen und lächelte. Aber sobald er dann die Maske abwerfen konnte, brach, je länger und tiefer er ihn verborgen, um so schrecklicher der Haß aus ihm hervor. Niemals verzieh er eine Beleidigung, niemals vergab er ein Versehen, oder ließ er sich versöhnen, wenn er angegriffen

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