Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 15-16 (26.2.1903)
- Date
- 1903-02-26
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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LE 4 r% für base^X^I! Wrthodoxe MudeirlhunM |~Q/\A O S E S \5>-~ •{= i ARO N-^f> 26.Febr. 1903.] mm GMi rMWsMMLSlv ♦ Wer jemals in europäischen Hafenstädten der Einschiffung jüdischer Auswanderer und deren Landung in amerikanischen Hafenstädten beigewohnt, wer jemals auf den großen Ozeandampfern das Leben dieser vor der Barbarei ihrer östlichen Stiefheimath sich flüchtenden Juden beobachtet hat, der wird stets dasselbe Bild mit denselben düsteren Variationen wahrnehmen. Immer dieselben in das Gewand der Armuth gehüllten Gestalten; frühzeitig gealterte Frauen, Männer mit verwitterten Gesichtszügen, Kinder mit altklug blickenden Augen, die sich um ihre Mütter drängen. Mit einem Gemisch von Neugierde und Abscheu blicken die Paffagiere von der ersten und zweiten Kajüte auf diese armen Juden. Warum? frage ich mich jedesmal, so oft ich diesen Blicken mit meinen Augen folge. Unterscheiden sich denn diese ruffischen und galizischen Juden so sehr von den übrigen Zwischendeckfahrern,. daß sie die meist lieblose Aufmerksamkeit der Uebrigen auf sich lenken? Ja und nein. Gewiß, sie sind auch äußerlich andere Menschen, als die anderen Auswanderer, und ihr Schicksal macht sie innerlich und äußerlich zu anderen Menschen. Schon ihre Geburt ward ihnen zum Schicksal. Iw Lande des Selbstherrschers aller Reußen, im Lande der Dichterkönigin Carmen Silvia als Jude geboren zu werden, das ist nicht nur ein dreistes Verbrechen, es ist auch ein böses Geschick. Als Jude in Rußland und in Rumänien zur Welt zu kommen, heißt schon heimath- und schutzlos geboren werden, heißt als Märsyrer das Licht der Welt erblicken. In den großen Riesen ghettos, Rußland und Rumänien genannt, leben diese armen Juden, unter Hunger und Entbehrungen heranwachsend, in ihren Stiesvaterländern, so lange ei ihren grausamen Landesherren gefällt. Und wenn einer Tages eine schlechte Laune sich zufällig gegen diese heimathlosen Menschen richtet, dann müssen sie dieses Geburtsland, das ihnen nie ein Vaterland, niemals eine Heimath wird, verlassen. Sie müssen über die Grenze, mit Weib und Kind. Alter und Krankheit bedingen keine Rücksichten. So werden jüdische Kinder am Wege geboren und gebrochene, kranke Juden sterben auf der Wanderschaft. Sie haben keine Heimath verlassen, sie wandern; sie suchen eine ferne Welt, weit gelegen über dem unermeßlichen Ozean, ohne Gewißheit, ob sie dort ein Vaterland finden werden. Und kaum haben sie die Grenze des Nachbarlandes überschritten, so tritt ihnen schon ein neuer, wenn auch nicht Leib und Leben bedrohender Feikd entgegen, mit der Frage: „Wohin?" Ja, wohin! Wenn das nur dieser Jude wüßte. Er kann nur anworten, daß er durchziehen, sich nirgendwo niederlassen wolle, daß er die neue Heimath noch suche. Aber wo? „Und immer fragt der Seufzer: Wo?" — Das ist ja gerade das furchtbare Fragezeichen im ganzen Dasein dieser unglücklichen Juden. Mit mißtrauischen Blicken folgt man diesem ziel- und heimathlosen Juden, ob er auch das Durchzugsland wieder verläßt. Und wenn schon von Hundert dieser Durchzügler, dieser „Vagabunden wider Willen" einer, zwei oder gar fünf für ungewisse Zeit hier ein Asyl finden, wq liegt da der Trost für Fünfzigtausend andere-