Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-02-26 · Heft 15-16 (26.2.1903) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 15-16 (26.2.1903)
Date
1903-02-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449906--57712-2520435
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Srettilfclott. VlM Woberk KLnkern. >20 Nach dem gemeinschaftlich genossenen Thee wurde dem Knaben sein Zimmer angewiesen, und Herr und Frau Baron von Korff besprachen nun mit dem Pater die Erziehung des Jungen, obwohl dieselbe in den jüngsten Tagen wiederholt Gegenstand eingehender Besprechung unter ihnen gewesen war. „Ew. Hochwürden." meinte Baron von Korff, „werden da kein leichtes Stück Arbeit haben. Der Junge ist ungemein geweckt und als ganz fanatischer Jude erzogen. Der Knirps hat sogar schon den Talmud gelernt; ihm all' diesen Aberglauben auszutreiben, wird viel Geduld und Mühe erfordern. Wie er sich zu den Heileswahrheiten der Kirche stellen wird, bleibt abzuwarten, dagegen bin ich sicher, daß er in Sprachen und in jeder Kunst und Wissenschaft ein Schüler ist, wie ihn sich kaum ein Lehrer besser wünschen kann." „Wenn der Knabe kein guter Katholik würde." bemerkte die Frau Baronin, „so wäre doch alles uni sonst. Deßhalb dächte ich, daß damit zu allererst begonnen werden soll, ihm die Lehre des Christenthums beizubxingen. Sollten diese auf einen unempfänglichen Boden fallen, so geben wir die Sache von vornherein auf; meint Ihr nicht auch, Pater Firmian?" „Ich möchte mir nicht getrauen, darüber ein Urtheil abzugeben, bevor ich den Knaben nicht genauer kenne. Darüber können einige Tage hingehen; dann will ich meine Ansicht Ihnen unterbreiten, und mit Ihrer Zustimmung danach die Ausbildung und Ge-, winnung des Knaben für das Christenthum in Angriff nehmen." „Einverstanden!" erwiderte der Baron, indem er sich, von der langen Reise ermüdet, erhob und damit das Zeichen zur Aufhebung der Besprechung gab. XIV. Pater Firmian beherrschte sieben Sprachen vollkommen: Russisch. Polnisch. Deutsch, Französisch, Englisch und Griechisch. In den anderen Wissenschaften waren Mathematik und Naturgeschichte seine Lieblingsfächer. Bei dem großen Wissensdurst, den Abraham mitbrachte, und bei der Bereitwilligkeit des Paters. von seinen Wiffensschätzen einem lernbegierigen Schüler mitzutheilen. entwickelte sich bald zwischen Schüler und Lehrer ein auf gegenseitiger Achtung sich gründendes Berhältniß. das zu den besten Hoffnungen berechtigte. Baron von Korff und die Frau Baronin verfolgten mit lebhaftem Interesse die erstaunlichen Fortschritte Abrahams. Derselbe hatte in die einförmige Stille des Korff'scken Schlosses ein ganz neues Leben gebracht. Es drehte sich im Schlosse alles um den Knaben, ohne daß dieser selbst etwas davon ahnte. Er stürzte sich mit solchem Heißhunger auf das Lernen, daß dieses alle seine Thätigkeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Auf diese Weise milderte sich von Tag zu Tag das nagende, brennende Heimweh, das ihn unablässig in der ersten Zeit ganz unsäglich quälte. Mit den Lehren des Christenthums und der Empfänglichkeit dafür ging es allerdings nur langsam vorwärts. Aber P. Firmian hatte versprochen, Llbraham auch zum guten Christen auszubilden, man solle ihm nur Zeit lassen. Man ließ ihm daher freie Hand, und man that gut daran. Der Pater war nicht nur ein guter Lehrer, sondern auch ein guter Mensch, der mit seiner Herzensgüte und seinem feinen Takt eine Klugheit und Menschenkenntniß verband, die für diese schwierige Aufgabe wie geschaffen erschien. . .. Zunächst hatte er die Eigenthümlichkeit, nie in. verletzender Weise über etwas zu sprechen, . was seinem Zögling an's Herz gewachsen war. und ihm durch Gewohnheit und Sitte verehrüngswürdig dastand. Als er Zuerst sein Augenmerk darauf richtete, ihmden jüdischen Jargon abzugewöhnen, that er es nicht, indem er seine Geringschätzung oder gar Verachtung darüber aussprach. Er hielt ihm zuerst einen ganzen Vortrag über die Schönheit, Eigenart, den Wortreichthum und viele andere Vorzüge des Jargons, von welchen Abraham selbst keine Ahnung hatte. Damit hatte er sich das volle Vertrauen seines Schülers gesichert, wenn er dann fortfuhr, daß es jetzt unerläßlich sei,, dieses Sprachidiom aufzuheben und die übliche Umgangssprache sich anzueignen. Eine der ersten Fragen, die Abraham an seinen Lehrer richtete, war, ob es wahr sei, daß im Talmud so viel Schlechtigkeiten-stehen, wie ihm der Herr Baron gesagt habe, und zwar mit Bezugnahme gerade auf seinen Lehrer. . .. Pater Firmian fühlte an der Lebhaftigkeit der Frage sofort das rege Interesse des Knaben für diesen Gegenstand heraus und verstand es) ihn darüber vollkommen zu beruhigen. Er sagte ihm, daß Christen und Juden selbstverständlich den Talmud mit verschiedenen Augen ansähen, daß bei der unzulänglichen Kenntniß der Christen von dem Lehrinhalt des Talmud, sowie von dem Leben und Wirken seiner Autoren, ‘ diese etwas für abgeschmackt, abergläubisch, ja gerade-, zu für verwerflich halten müßten, was den jüdischen' Kennern des Talmud als höchste Weisheit und Heilig-.- : . feit gelte. Das komme auch sonst im Leben vielfach vor.. Die Grundlehren des Christenthums. , für welche schon . viele christliche Märtyrer Gut und Älut hingegehen.' haben, könnten den Juden als unbegreiflich und vernunftwidrig erscheinen, was er ja am besten wisse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.