Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 15-16 (26.2.1903)
- Date
- 1903-02-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449906--57711-2520434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
großen Gelehrten einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Oesterreich. Wien. (Unlieb verspätet.) Am 31. Dezember starb dahier Herr Akiba Schreiber, im Alter von 63 Jahren. Der Verstorbene war der Sohn des berühmten Rabbiners Simon Schreiber, Oberrabbiner zu Krakau und Mitglied des österreichischen Parlaments, somit ein Enkel — und zwar ein würdiger — des in allen Welttheilen zur Genüge bekannten Chasam Sofer. Rabbi Akiba war mit jenem Talente und allen jenen guten Eigenschaften und Sitten ausgestattet, die einen frommen Mann dieses Standes zieren. So hatte er ein sehr edelfühlendes Herz, einen felsenfcsten Charakter von besonderer Aufrichtigkeit, war überaus bescheiden, respektvoll und zuvorkommend. Er war ein sehr tüchtiger Gesinnungsgenosse der ungarischen orthodoxen Judenschaft und verfocht seinen orthodoxen Standpunkt in allen Kreisen frei und unumwunden, wie dies in Papa, wo er früher wohnte, allgemein bekannt ist. Bei jeder Gelegenheit gab er sich Mühe, dem Judenthum entfremdete Elemente, durch seine Beredsamkeit, die tief in's Herz eindrang, wieder zu gewinnen, und ließ es auch nicht in solchen Fällen an Geldopfer ermangeln. So war er von der Gotteslehre erfüllt und von der höchsten Moral durchdrungen. Dabei war er ein großer Talmudgelehrter und hat viele werthoolle Manuskripte hinterlassen, die von seinen Kindern bald veröffentlicht werden. Seine irdischen Reste wurden nach seiner Geburtsstadt Mattersdorf (Ungarn) überführt. W. B. S ch r e i b e r. Ungarn. Budapest, 22, Febr. Die Tagesblätter brachten die folgende Todesanzeige: „Im Alter von 84 Jahren verschied heute Frau Dr. Moriz R o b i t s e k, geb. Amelie Chorin, eine in weiten Kreisen geschätzte Dame. Nebst ihren Söhnen, dem Araber Advokaten Dr. August Robitsek, trauert an ihrer. Bahre eine zahlreiche Familie, welcher auch Magnatenhausmitglied Dr. Franz Chorin angehört." Daß die Verstorbene die eheleiöliche Tochter des Reformers Aron Chorin, des einstigen Oberrabbiners von Arad gewesen, davon brachten die Blätter kein Sterbenswörtchen. Auch daß sie nach römisch-katholischem Ritus beerdigt wurde, haben die Journale verschwiegen. Unseres Wissens nach gehört bereits diese ganze Familie dem Christenthume an. Magnatenhausmitglied Dr. Franz Chorin ist ebenfalls — kurz nach seiner Standeserhöhung — vom Judenthum abgefallen und hat sein kahles Haupt über das Taufbecken geneigt. . Er war der Letzte seiner Familie. S. Rumänien. Bukarest, 23. Febr. (König Carol über die rumänischen Juden.) Die neueste Nummer des „Roumanian Bulletin" veröffentlicht einen Brief des Königs (damals noch Prinzen) Carol, den dieser am 18./30. August 1867 an Sir Moses Montefiore geschrieben hat.. Dieser Brief lautet in der Uebekfttzung folgendermaßen: -•-* > Herr Baron! Ich empfange Ihren Brief vom 27. August, von dem ich mit lebhaften Interesse Kenntniß genommen habe. Wie ich Ihnen bereits persönlich mittheilen konnte, sind die Wünsche, welche Sie in Betreff Ihrer Glaubensgenossen hegen, schon erfüllt. Die Israeliten sind Gegenstand all meiner Sorgen und derjenigen meiner Regierung und ich freue mich, daß Sie nach Rumänien gekommen sind, um sich davon zu überzeugen. daß die religiöse Verfolgung, von der Bosheit so viel Lärm gemacht hat, nicht existirt. Wenn Juden belästigt worden sind, waren das nur vereinzelte Zwischenfälle, für die meine Regierung nicht die Verantwortung übernehmen kann. Es wird mir stets ein Ehrenpunkt sein, Achtung vor der religiösen Freiheit zu sichern, und ich werde unermüdlich über die Ausführung der Gesetze wachen, welche die Israeliten beschützen. zusammen mit allen anderen Rumänen, mit Bezug auf ihre Person und ihr Eigenthum. Empfangen Sie, Herr Baron, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Charles. Zu diesem Briefe bemerkt das „Roumanian Bulletin" mit Recht, daß er ein unangenehmes Licht wirft auf die „Hilflosigkeit eines konstitutionellen Herrschers in den Händen gewissenloser Minister", denn die Schilderung der damaligen Verhältnisse in Rumänien war ebenso unbegründet wie die Versprechungen illusorisch waren. — Das „Bulletin" theilt auch nachstehende Geschichte über die Behandlung jüdischer Hausirer durch den Präfekten von Bukarest mit: Der Polizeipräfekt von Bukarest verbot den Straßenverkauf von illustrirten Postkarten. Dieser Handel lag fast ausschließlich in den Händen jüdischer Hausirer. Am 16. Januar suchte eine Deputation der Postkartenhändler den Präfekten auf, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Verbot ungesetzlich sei, weil der § 20 des Gesetzes über das Hausirgewerbe ausdrücklich vorschreibt, daß Zeitungen und alle Drucksachen. einschließlich Bilder und Photographien, auf der Straße verkauft werden dürfen. Kaum hatte die Deputation bekannt gegeben, was sie wollte, als der Präfekt ausrics: „Ihr verlangt Unmögliches. Geht!" Die Deputaiion wendete ein: „Aber das Gesetz gibt uns das Recht!" „Das Gesetz gibt Euch keinerlei Recht!" lautete die Entgegnun'g. „Was sollen wir denn machen? Wir werden verhungern!" „Was Ihr thun sollt?" erwiderte der Präfekt achselzuckend, „schießt Euch todt. wenn Ihr wollt, oder wenn es Euch nicht paßt, so geht nach Palästina." Für ein solches Vorgehen ist jedenfalls die Regierung verantwortlich.