Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 15-16 (26.2.1903)
- Date
- 1903-02-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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327 7^5 "rx es ist der Maßstab mit dem der Jude die Dinge mißt, und den er vor allem an sein eigenes Wollen und Thun anlegt. Im häuslichen und gesellschaftlichen Leben, in Küche und Komptoir, in den Hallen der Wissenschaft, wie vor den Schranken des Tribunals, überall fordert das Judenthum seine Verwirklichung. Indem so das Gesetz das ganze Leben nach allen seinen Seiten umfaßt, hat es somit auch alle geistige Thätigkeit in seinen Dienst gestellt. Der Talmud ist eine Encyclopädie des menschlichen Wissens, er behandelt die Jurisprudenz, Medicin, Philosophie, natürlich nur mit Rücksicht auf die Theologie. Und die Kenntniß des Gesetzes ist die Pflicht eines Jeden, ja sein höchstes Ziel. Lernen und nichts als Lernen war das Streben unserer Altvordern und ihr höchstes Ideal: ein Talmid Chochom zu sein. Bei ihnen unterschied man auch nicht die Menschen nach ihrem „Berufe", sagte sich nicht, hast du Das und Jenes auch später einmal „nöthig", nein; Jeder kannte nur die einzige Aufgabe zu „lernen" und dem Geiste des px 711 dp n*n rs’ gemäß ein r6pi 7i"p n:o\x ein redliches und nicht zu sehr in Anspruch nehmendes Geschäft zu treiben. Die Koryphäen der Wissenschaft in der talmudischen Zeit waren oft Handwerker und Tagelöhner, aber ihre Zeitgenossen kannten deßhalb doch ihren Werth und wußten sie demgemäß zu schätzen und zu ehren. War und ist jeder Einzelne bestimmt, Träger des Gesetzes und der Wissenschaft zu sein, braucht es da noch Wunder zu nehmen, daß der Bildungsgrad des jüdischen Volkes zu jeder Zeit ein so bedeutender war? Das Ziel, das sich erst unsere Zeit gesteckt, auch die unteren Volksschichten zum Theilnehmen an der allgemeinen Kultur und Civilisation zu veranlassen, dieses Ziel wurde im jüdischen Kreise stets von Anfang an angestrebt. Oder besser gesagt, es wurde nicht angestrebt, indem ein solches Ziel gar nicht existirte, da die ganzen Abstufungen der Bevölkerung, wie sie der alte und moderne Staat, der eine erschaffen, der andere ererbt hat, dem jüdischen Staate durchaus fremd waren. Ein „Ständeunterschied" existirte nicht. Jeder und Alle waren nur Glieder, gleichberechtigte Glieder des Gottesstaates. So war auch die Wissenschaft nicht das Privilegium Einzelner, Jedem waren die Pforten der Lehrhäuser geöffnet, ja schwere, mißbilligende Worte sprechen die alten Gesetzelehrer über den aus, der das Gesetzesstudium unterläßt, selbst nur nachlässig betreibt. Wenn deßhalb Unkenntniß oder Böswilligkeit auch das Judenthum als verdummend, als eine das freie Denken hemmende Religion darzustellen versucht, wahrlich, so braucht sie sich bloß jene Thatsachen zu vergegenwärtigen, um das Gegcntheil als wahr und richtig zu erkenne. Gilt in anderen Kreisen das Wort, daß sich über göttliche Dinge nicht disputiren lasse, so sprach man gerade im Judenthum den-bedeutsamen Satz aus: Dpnnb hbd Dtp ttb xw rp^no ba. Weil das Judenthum kein Glauben, sondern eine Wissenschaft ist, eben deßhalb braucht Niemand Etwas gläubig anzunehmen, wenn es nicht durch die Geschichte verbürgt ist. Darum sind auch wohl jene Wunderzeichen, die die Thora erzählt, zum größten Theil in Gegenwart des ganzen Volkes geschehen, um späteren Generationen jeden Zweifel daran zu nehmen. So hatte auch die Wahrheit der mündlichen Ueberlieferung einganzes Volk zu Zeugen, und nur in den Stürmen einer wildbewegten Zeit, in welcher das Kriegsgetümmel und das Getöse hochgehender Wogen politischer Erregung die Stimme der Gesetzeslehrer verstummen Machte, konnte es geschehen, daß Meinungsverschiedenheiten entstanden, aber doch nur. über Umgrenzungen von Gesetzen, nie über einGesetz selbst. Aber nachdem der Frieden wieder in die Gemüther eingezogen, da fand man sich wieder ein, wenn auch nicht in den alten, so doch in neugearündeten Lehrhäusern, und fing an, der Nothwendigkeit weichend, die münMche Ueberlieferung im Geiste einer strengwissensch'aftlichen Kritik niederzuschreiben. Mit welcher Sorgfalt und ängstlichen Genauigkeit dies geschah, ersieht man daraus, daß ein Lehrsatz oft auf vier bis fü'nf Gesetzeslehrer zurückgeführt wird. Auf diese Weise entstand der Talmud, der Inbegriff der mündlichen Lehre, von dessen Bedeutung für die profane Wissenschaft wir schon oben gesprochen haben. Denn unermüdlich thätig im Studium der göttlichen Lehre, stiegen die Träger derselben zu gleicher Zeit hinab in die Tiefen allgemeinen Wissens, aus denen sie manchen werkhvollen Schatz zu Tage förderten, den unsere Zeit, unbekannt mit den Geistesprodukten jener Heroen, erst gehoben zu haben glaubt. So enthält z. B. der Traktat Chulin pathologisch-anatomische Studien und Resultate, wie sie erst in unserer Zeit von den Begründern der pathologischen Anatomie, Rokitanski und Mrchow, wieder gewonnen worden sind. Mathematische, physikalische und chemische Studien sind die Grundlagen ganzer Reihen von Gesetzesbestimmungen.' Ueberall weht uns aus diesem Gesetze der Geist der Wissenschaft entgegen; unzertrennlich von jenen empfängt die Wissenschaft die rechte Weihe, .indem sie sich in den Dienst des Gesetzes stellt. In der That sind beide ja ein Ausfluß des göttlichen Geistes, das Gesetz unmittelbar, die Wissenschaft durch den Menschen vermittelt, beide sollen wieder zusammenfließen, und aus ihrer Vereinigung soll das Heil der Menschheit hervorgehen. Je heller es auf Erden wird, je mehr die Strahlen der Wissenschaft Licht und Erkenntniß verbreiten und den Schleier zerreißen, hinter welchem die Nacht sich birgt, um so mehr wird auch der Nebel weichen, der die Augen der Menschen am klaren Sehen verhindert und sie die finstern Gestalten nicht erkennen läßt, die hinter demselben sich bertzen und ihnen schwarze Nachtgedanken zuraunen.