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Der Israelit · 1903-02-26 · Heft 15-16 (26.2.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 15-16 (26.2.1903)
Date
1903-02-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Im diametralen Gegensätze zu diesen ..Religioi nen" tritt nun das Judenthum auf, und gibt seinen! Bekennern nicht einen Glauben, sondern vor Allem I . eine Lehre, ein Gesetz, das von seinen Angehörigen keine { frommen Empfindungen, keinen heil. Schauer, sondern in erster Linie die That verlangt. Und selbst was diese Thora an — wie man sich heute ausdrückt — Glaubenssätzen enthält, gründet sich auf historische Fakta, von welchen ein ganzes Volk, nicht bloß ein Einzelner, der leicht Täuschungen unterworfen ist, Zeuge war. Glaubt die nachgeborene Generation uns Aelteren nicht, daß im Jahre 1870—71 die Deutschen die Franzosen besiegt haben, ohne daß sie dabei 'war, glaubt der Schüler nicht dem Lehrer, daß A. A heißt und B, B, ohne daß es ihm wissenschaftlich bewiesen wird, warum sollen wir unseren Eltern und Voreltern mißtrauen, die uns berichten, daß der Allgewaltige sich Seinem Volke offenbarte?? Bedürfen wir darnach noch der Aufklärung über geschichtliche Ereignisse innerhalb unseres Volkes durch Funde ^und Ausgrabungen? Wie wenig verläßlich derartige Schlüsse aus Ausgrabungen und Funden sind, kann man verschiedentlich beweisen. So werden, nach einem alten Beispiel, in Paris alljährlich Millionen von Austern vertilgt; findet nun nach Jahrtausenden, nachdem die französische Kultur längst untergegangen, ein Gelehrter die Millionen Austernschalen an der Stelle, an der das heutige Paris stand, wird er dann nicht beweisen, daß sich daselbst dereinst ein großes Meer befand? Wenn zur Zeit der Verschüttung Martiniques dort gerade eine Schauspielergruppe ein chinesisches Stück aufführte, und man gräbt in Jahrhunderten die chinesischen Kostüme aus, dann wird man sicher annehmen, MärtÄique habe dereinst zu China gehört. Wir aber haben unsere Wissenschaft nicht, aus Ausgrabungen. „Dir ist es gezeigt worden, um zu wissen," spricht unser Gesetz, „daß der Ewige allein Gott ist und außer ihm Keiner." in nx*n nnx. Die einzelnen Buchstaben, Worte, Sätze und Abschnitte der Thora sind uns vorgezähkt worden, fehlt eines derselben. dann ist das ganze Sefer für uns unverwendbar. N'npn bvt Deren Text kann sich also für uns durch Forschung und Grabung nicht ändern. Die Thora spricht nicht von einem Glauben, auch von keiner Spekulation über Gott und sein Wesen, sie kennt nicht jene dunkle, selbstunbewußte Religionsschwärmerei. welche in anderen Kreisen oft für Religion ausgeboten wurde, sie kennt nur das klare, deutliche Gesetz, das den Menschen zum bewußten, thatkräftigen Handeln auffordert. Sie spricht daher auch nicht (aber nicht etwa, weil sie es nicht lehrte, sondern weil sie es nicht zu lehren braucht, da es als lebendige Ueberzeugung in der Brust eines Jeden lebt) vom Jenseits, malt nicht die Freuden der Seligen im Elysium und die Qualen der Verdammten im Tartarus, sie umfaßt vielmehr das Diesseits in allen seinen Mannigfaltigkeiten, indem sie die Beziehungen des Menschen zu allen Dingen, mit denen er in Beziehung tritt, regelt, und feste, unabänderliche Normen dafür aufstellt. Nicht wie Gott ist, lehrt uns dieses Gesetz, sondern wie wir sein sollen, nicht wie es im Himmel aussieht, sondern wie es auf Erden aussehen soll. Wir sollen das Irdische nach dem Göttlichen gestalten, nicht aber uns das Göttliche in sinnlichen Formen vergegenwärtigen.*) Dieser Gegensatz zur christlichen Lehre tritt in anderen Beziehungen noch schärfer hervor. Der Leib soll nicht gelobtet werden, er soll vielmehr genießen, freilich nur in der von Gott vorgeschriebenen Weise. Der Nasir muß am achten Tage ein nxvn bringen, pr iqü; pn, weil er sich einen vom Gesetz erlaubten Genuß versagt hat. Von demselben Geiste durchdrungen, lehrt der Prophet mir* nx*n irm rrd nicht als Einöde hat Gott die Erde geschaffen, vielmehr zum blühenden Wohnsitze fröhlicher Menschen, die Erde ist kein Jammerthal, und der Tod nicht das zu erstrebende Ideal, vielmehr ist es das Ziel aller Menschenentwicklung, daß alle physischen Nebel, woran die Menschheit krankt, durch den geistigen und sittlichen Aufschwung derselben einst gehoben werden, und der glückselige Urzustand wieder eintreten soll, ö'ö» bw "w owo aw xb rw nx xbv' uh "ipx ,}pt (Jes. 65, 20) und ww nrr wi twa 'n cxj 2 x2 (Amos 9,13). Das sind einige Seiten einer Welt- und Lebensanschauung, wie sie das göttliche Gesetz lehrt und wie sie in dem Geiste der jüdischen Gesammtheit lebt, einer Anschauung. die unfern sammilichen Institutionen zu Grunde liegt, deren jede einzelne somit einen fortwährenden Protest erhebt gegen die Beschuldigungen und Anklagen verblendeter oder unwissender Zeitgenossen. Weist so das göttliche Gesetz nicht nach himmlischen Sphären, verbannt es jede schwärmerische Mystik aus seinem Kreise, fordert es vielmehr klare Erkenntniß der irdischen Verhältnisse, um sie nach Gottes Willen zu gestalten, und ihnen dadurch den Stempel der Weihe aufzudrücken, so ist damit die innige Beziehung des Gesetzes zur profanen Wissenschaft unmittelbar ausgesprochen. Alle Beziehungen des Einzelnen zu seinem eigenen Ich, zur Gesellschaft, zur Geschichte und zur Natur, sind innig verwoben mit dem Gesetze. Deßhalb beschränkt sich auch nicht das Judenthum auf Gotteshäuser und Tempel, nrn prc auf der, Straße, bei jedem Schritt und Tritt folgt es seinen Bekennern nrun "ptanns *1 S. Hirsch: Commentar Exodus pay.247.

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