Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 14 (19.2.1903)
- Date
- 1903-02-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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verschiedenen Belastung mit in Rechnung, so erhält man eine ganz andere Gleichung, die den nominellen Werthsatz ganz außerordentlich reduzirt. Die Erfahrenen werden mir auch weiters zustimmen, daß der wirkliche Effektivbesitz unter den Juden ein verhältnißmäßig nur schwacher ist. Man darf sich hier von einzelnen großen Namen, selbst von einer Reihe solcher, die für das große Ganze keine Rolle spielen, nicht täuschen lassen. Abgesehen vom Auslande, das ja für einen ansehnlichen Theil aller dieser Effekten unser, das heißt Gesammt- Ocsterreich». Gläubiger ist — selbst von dem am stärksten im Inlands klassirten Papier, der Rente, ist ein Viertel und von den Goldwerthen noch ein ganz anderer Theil jenseits der Grenze — abgesehen weiters davon, daß das reichste Ausland, jenes gerade, welches unsre Effekten besitzt: England, Frankreich, nur sehr wenig Juden zählt, sind direkt in Wien die wirklichen Besitzer aller dieser schönen Dinge, der Renten, Prioritäten, schweren Eisenbahn- und Jndustricpapiere, selbst relativ, viel weniger die Juden, als die Massen der christlichen Wohlhabenden. Sehen wir doch die Reihen derer an, welche in der Oesterreichisch-Ungarischen Bank ihre Depots haben, diese Schaar der eigentlichen rechten und echten Besitzer! Fragen wir doch die Notare, ob sie bei den Verlassenschafts-Aufnahmen unter den jüdischen Erblassern viele Effekten finden? Bleibt das Gebiet des „Geschäftes". Nun, ich thue den Juden kein Unrecht, wenn ich meine, daß gegenüber der allgemein bekannten Thatsache, daß zum mindesten bei dem größeren Theil nicht nur der Einkauf acceptirt, sondern auch das Portefeuille, und seit einigen Jahren von einem hierzu eigens gegründeten, großen Institute, selbst der Buchausstand belehnt wird, im Allgemeinen der jüdische Handelsstand nicht „r e i ch" genannt werden kann. Und diesem theoretischen Calcül entspricht die Wirklichkeit. Der Jude in Wien ist durch seinen Handel nicht reich geworden, trotz der mühe- und sorgenvollen Arbeit von mehr als hundert Jahren. Uebrigens und nur nebenher will ich darauf Hinweisen, daß auf dem flachen Lande die Werthdisferenz zwischen dem „Bauernhöfe" und dem Kramladen des Dorfjuden noch viel drastischer erscheint. Aber e contrario liefert die ökonomische Geschichte der Wiener Juden noch einen viel stärkeren Beweis für den von mir bezüglich der Rentabilität behaupteten Gegensatz zwischen Handel und Industrie. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß sich während der letzten Dezennien in der jüdischen Geschäftswelt eine charakteristische Aenderung vollzogen hat. Ihr Handel ist allerdings nicht besser geworden, aber vielfach wurden diese jüdischen Händler vernünftig, schlugen eine andere Richtung ein. Sie gaben die Tradition, einfach und ausschließlich Ganzfabrikat zu kaufen, auf! Vorerst werden sie „Manipulanten," das heißt, sie fabriziren in den Färbereien, Druckereien, Appreturen Anderer, Hierher gehört auch die Konfektion in allen ihren Abzweigungen: Wäsche- und Cravatten-, Schirm- und Pelz-Erzeugung. Dann werden aus den „Manipulanten" große Weber, Spinner und Drucker, immer von. neuem greifen andere dieser jüdischen Händler in fast alle Zweige der Industrie ein, allüberall regt sich unter den Juden die Lust, unter die „Fabrikanten" zu gehen. Fast wie eine Flucht der besseren Elemente aus dem Handel weg in die Industrie, sieht sich diese Bewegung unter den Juden an. Da wird eist Hasenhaarhändler der Gründer einer der größten Hutfabriken Europas, dort ein Holzhändler ein großer Fabrikant von gebogenen, ein Eisenhändler von eisernen Möbeln, hier wieder ein Sackverleiher ein Jute-Fabrikant. Heute entfällt schon ein sehr ansehnlicher Theil von dem reichen, industriellen Leben unseres Oesterreich speziell auf die Juden. Und da konstatiren wir, einzig als Beweis für , die Richtigkeit unserer Ausführungen, daß die Juden aus diesem neuen Gebiete in ganz Oesterreich im großen, mittleren, wie kleinen Maßstabe, breite Erfolge erzielt haben, die bei dem bloßen Händlerkhum nicht denkbar gewesen wären. Der Redner gelangte zu dem Schluß: Große Vermögen für die Einzelnen wie für die Gesammtheit können in der europäischen modernen Zeit nur gemacht werden in der Industrie und im auswärtigen Handel. Und beide Richtungen lassen sich glücklicherweise nicht nur vereinigen — sie müssen miteinander vereinigt werden. Wir wiederholen: „Viel erzeugen, um viel erportiren — viel exportiren, um viel erzeugen zu können!" Zettrmgsnachrrchten und Eorrefpsrrvenzen. Deutschland. Hamburg, 16. Febr. Am 6. Februar fand im Patriotischen Gebäude die Generalversammlung des „Israelitisch-humanitären Frauenvereins" statt. Der Vorsitzende, Herr Gustav Tuch, eröffnet die Versammlung um 7 Uhr Abends mit der Mittheilung, daß in den letzten Wochen fünfzig neue Mitglieder dem Vereine beigetreten sind; sodann geht er auf den Jahresbericht näher ein. Derselbe zeigt die erweiterte Thatkraft des immer mehr erstarkenden Vereins, der besonders bemüht ist, Mädchen, Frauen und junge Leute erwerbstüchtig zu machen, die Noth der Armen und Bedürftigen nach Möglichkeit zu lindern, Wittwen und Waisen zu unterstützen, und den Opfern der Verfolgung zu Hülfe zu kommen. - Von ideellem und pekuniärem Erfolge war das Fest am 18. März 1902' begleitet, das der Verein gemeinsam mit den Altonaer Vereinen zur Unterstützung schwacher israelitischer Kinder veranstaltete. Der Ertrag kam unter anderen auch folgenden Instituten zu gute: Dem Unterstützungskomitee der Henry Jones-