Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 14 (19.2.1903)
- Date
- 1903-02-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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314 Handel und Industrie bei uns entwickelt haben. Unsere Industrie ist seit mehr als einem Jahrhundert, extensiv sowohl wie intensiv, in stetigem und entschiedenem Fortschritte begrifsen. Der Wiener Handel aber ist, trotzdem alle Verhältnisse bei uns und rings um uns sich seit hundert Jahren auf das einschneidendste geändert haben, auch heute noch in der Hauptsache nichts Anderes als ein provinzieller Zwischenhandel. Und nothwendigerweise haben auch die finanziellen Erfolge hüben wie drüben ganz verschieden sein müssen. Während seit hundert Jahren in unserer Industrie die colossalsten Vermögen geschaffen worden sind, und noch immer in glänzender Weise geschaffen werden, sind die Resultate für die Zwischenhändler im Vergleiche mit den Erfolgen der Fabrikanten nicht nur kleiner — das wäre nicht auffallend — sondern geradezu verschwindend gewesen. Es wäre ein Leichtes, die finanzielle Schwäche des Handels in Wien mit Hunderten von concreten Daten aus dem Handels- und Concursregister zu belegen. Aber selbst eine große Liste wäre immerhin nur eine Zahl von Einzelfällen. Ich möchte Ihnen, meine Herren, mit einem Beweise allgemeiner Art, mit einem Falle, sozusagen in Großem, und von unzweifelhafter überzeugender Kraft dienen. Ich habe Ihnen in meinem ersten Vorträge rein historisch darzulegen gesucht, wie von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts angefangen, die doch verhältnißmäßig ganz kleine Zahl der Juden in Wien den Engros-Zwischenhandel geradezu monopolisirt habe. Fragen wir nun: Mit welchem finanziellen Erfolge? Sind die Juden in Wien bei diesem Handel reich geworden, sind die Wiener Juden reich? Zweifelsohne werden Viele, sehr Viele mit Ja! antworten. Run, meine Herren, diese Antwort erinnert mich sehr lebhaft an eine ergötzliche Erfahrung, die ich vor 40 Jahren gemacht habe, als ich Egypten zum ersten Male kennen gelernt. Dort hielt — hält auch vielfach noch heute der Fellah, der Egypter der unteren Schichten, die Europäer als solche für reiche Leute, jeden einzelnen Europäer für einen reichen Mann. Und wenn Ihnen eine solche Naivetät einzig bei einem Afrikaner möglich erscheint, so erinnere ich Sie nur daran, daß auch unsere Aelpler auf den einsamen Dörfern mit Wien den Reichthum identifiziren, in jedem Wiener einen Reichen sehen. Im Mittelalter war es die naiv rohe Anschauung von wirtschaftlichen Dingen, welche dazu geführt hat, die Juden schon deßwegen, weil sie überhaupt über mehr oder weniger von dem damals seltenen Baargeld verfügten, als reich erscheinen zu lassen, zu einer Zeit, wo sie es gewiß noch viel weniger waren, als gegenwärtig. Die Ursache aber, die hierin auch heute den Jrrthum, die Wahrheit verdecken läßt, liegt in einer Art optischer Täuschung. Wie Jedermann die Bevölkerungsziffer der Juden einer Stadt ohne Volkszählung weit überschätzen würde — wir verweisen hier nur auf Pest! — weil. er von zwei Nachbarn den jüdischen regelmäßig dreimal auf der Gaffe sieht, bevor er den christlichen auch nur einmal zu Gesichte bekommt, so ieht er auch das jüdische Geld viel häufiger, sieht es ungleich öfters kursiren, als das der Christen. Und zwar nicht nur dadurch, daß der Stand des Juden ja meist der des Geschäftsmannes ist, sondern auch und hauptächlich durch die eminent jüdische Gewohnheit, viel mehr auszugeben, als der Christ von gleichem Ver- . dienste. Der Jude verwendet auf Wohnung, Haustand, namentlich aber auf Erziehung der Kinder, regelmäßig Summen, die der Christ von gleichem Beitze, viel seltener verbraucht. Diese Neigung und Gewohnheit des Juden, Geld und Verdienst leichter zu verbrauchen, entstammt und entspricht zwar seiner größeren Rührigkeit und Beweglichkeit, seinem Talente, das Kapital rascher umzusetzen — behindert aber durchaus die ruhigere Kapitalsansammlung, die soziale Satuirung und Festigung. Und hartnäckige statistische Thatsachen zerstören auch in Wirklichkeit den für die Juden so schmeichelhaften Traum. In den achtziger Jahren habe ich eine Studie „Der Reichthum der Juden in Wien" veröffentlicht. „Reich," sagte ich in derselben, „kann man doch offenbar eine Schichte nur dann nennen, wenn dieselbe von dem Nationalvermögen eine größere Quote besitzt, als nach deren Prozentsätze in der Bevölkerung auf sie entfallen würde." Und dieser Reichthum könnte sich im Großen und Ganzen," führte ich weiter aus, „nur in drei Gattungen des Besitzes zeigen: vor Allem in Realitäten, zweitens iw mobilisirtem Theilbesitze: Actien, Effekten überhaupt, und drittens in geschäftlichen Werthen. Ich hatte mich die Mühe nicht verdrießen lassen, vor Allem den jüdischen Hausbesitz in Wien, und zwar nur für die neun Bezirke des damaligen Wien innerhalb der Linie, festzustellen. Ich legte hierbei einerseits das Zinserträgniß des Häuserkatasters, andererseits die Volkszählungsergebnisse des Jahres 1880 zu Grunde, und die beobachtete Methode ließ die Fehlergrenze nur als eine kaum mehr in's Gewicht fallende erscheinen. Es zeigte sich nun, daß dieser Hausbesitz der Juden allerdings mit ihrem Prozentsätze innerhalb der Bevölkerung ungefähr — er betrug um einen kleinen Bruchtheil nrehr — stimmte. Doch dieses rein ziffernmäßige Resultat ist ein täuschendes. Innerhalb des jüdischen Hausbesitzes fehlt nämlich nicht nur vielfach jener altbürgerliche. freie, unbelastete Realstand, der, wenn er auch zumeist aus kleineren und mittleren Realitäten besteht, doch in seiner Gesammtheit in Wien nock» eine sehr große Rolle spielt, sondern der jüdische Realitätrnstand ist überhaupt mehr belastet, als der nichtjüdifche. Abgesehen vom Bauspekulanten, welcher durch Belehnungen sofort den Werth des Hauses vollständig ausschöpft, escomptirt der sanguinischer angelegte Jude bei seinem Hauskaufe viel eher die Zukunft, als der nüchternere Christ. Zieht man die Summe dieser ganz