Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 14 (19.2.1903)
- Date
- 1903-02-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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44. Jahrgang. e zu Jfs 14 des i m-i TtJ i K sksWsM Llikt M herc« ÄrSlihtlliW hei he« Wiener Ms. Einem am 5. Februar dieses Jahres von Herrn Siegmund Mayer in Wien gehaltenen Vortrage über „Die Schaffung großer Vermögen und die ökonomische Wissenschaft" entnehmen wir die folgenden hochinteressanten Ausführungen über das in der Ueberschrift genannte Thema: Nach einem viel berufenen geflügelten Worte Friedrich Schlegels ist der Historiker ein nach rückwärts gewendeter Prophet. In der Anwendung dieses Satzes auf Leben und Streben der Menschen ergibt sich die Consequenz, daß der Werth jeder historischen -Darlegung viel weniger in dem wenn auch noch so interessanten Material aus der Vergangenheit. gesucht werden darf, als in den Lehren, welche diese Vergangenheit den Lebenden für die Zukunft ertheilt. Offenbar wäre diese Belehrung den weitesten Kreisen auf keinem Gebiete so erwünscht, als auf jenem des Erwerbslebens; jenes Kreises, innerhalb dessen sich die Bestrebungen der allermeisten Menschen nothwendig bewegen und dasjenige zu erreichen ist, was so Vielen als das Zie.l ihrer Wünsche vorschwebt: der Erwerb eines großen Vermögens. Von jener Art Litieratur, welche diesem Bedürfnisse in usum der strebenden Geschäftswelt dadurch entgegenzukommen sucht, daß sie von diesem Standpunkte aus die Laufbahn und die Erfolge großer Geschäftsleute zu schildern sucht, sehen wir natürlich hier ganz ab. Ebenso von jener, tvelche, mehr oder weniger reinlich, „Partei" ist. Jedoch fällt die Thätigkeit, durch welche große Vermögen erworben werden, so ganz und gar in den Bereich der National-Oekonomie, daß selbst sehr ernste Männer der Wissenschaft es schon vielfach versucht haben, den Problemen der Volkswirthschaft auch von dieser Seite aus näher zu kommen. Der jüngste Versuch dieser Art ist Richard Ehrenberg's „Große Vermögen, ihre Entstehung und Bedeutung."*) Als Vorzüge dieses Buches konstatiren wir, daß dasselbe auf eigenen sehr ernsten Studien beruht, der Verfasser auf dem Standpunkte wissenschaftlicher Vorurtheilslosigkeit steht, die Zustände mehr als sachlich, nämlich kaufmännisch richtig erfaßt, und seinen Gegenstand klar und anziehend darstellt. Begrenzt wird der Werth der Schrift vor Allem dadurch, daß sie nur deutsche Unternehmer: Fugger, Rothschild, Siemens**), Krupp zu Objekten ihrer Betrachtung gemacht hat. während doch England und die Vereinigten Staa¬ *) Jena, Gustav Fischer. **) Siemens fehlt in dem Buche, nt aber seither m der «Deutschen Rundschau" veröffentlicht.? ten für die Frage der «großen Vermögen" gewiß ein größeres Feld der Beobachtung, einen werteren Gesichtskreis darbieten, als die deutschen Verhältnisse. Dem Wesen nach gilt die Arbeit des ganzen Buches viel weniger der Erforschung der Gesetze, .wie und durch welche Mittel solche Vermögen entstehen, als der Charalterisirung der Zeit, in welcher diese wirthschaftlichen Erscheinungen nicht nur möglich sind, sondern eintreten müssen. Nun halten wir diese Fragestellung für eine vergebliche. Alle in dieser Richtung versuchten Erklärungen sind „post hoc*'*' gegeben, nicht „propter hoc". Wir werden aber eine befriedigendere Antwort erreichen, zum mindesten für bestimmte, große, zusamenhängende, ökonomische Epochen und Wirthschaftsgebiete, wenn wir fragen: «In welchen Zweigen des Wirthschaftslebens werden die großen Vermögen geschaffen?" Hierbei sehen wir von der Börse, die in ein ganz anderes Kapitel gehört, und bei einer anderen Gelegenheit betrachtet werden soll, ab. Hier befassen wir uns nur mit „Waare", das heißt mit Dingen, die, in welcher Form immer, „verbraucht" werden. Wenden wir nun, so begrenzt, diese Fragestellung auf den ganzen wirthschaftlichen Zeitraum seit dem Ausgange des Mittelalters und auf Europa als ein .den übrigen Kontinenten gegenüber ökonomisches Ganze an; ziehen wir aus der Wirthschaftsgeschichte dieser langen Zeit und dieses großen Raumes entsprechende Conclusionen! Da können wir als erste derselben von vornweg gleich behaupten, daß in gar keinem Wirthschaftsgebiete, welches wirthschaftlich vom Auslande abgeschlossen loird, unter den verschiedenen Wirthschaftszweigen der Handel groß und bedeutend, der Handelsstand reich werden kann. Das Prohibitiv-System schafft eine Industrie, das ist unstreitig, aber — und das ist ebenso unstreitig — nur mit Verzicht auf einen bedeutenden, mächtigen, reichen Handel. In großem Maßstabe entwicklungsfähig ist immer nur der auswärtige Handel, und bei gesperrten Grenzen muß er fehlen oder zum mindesten schwach bleiben. Man kann eben nicht importiren, ohne mit exportirten Maaren zu bezahlen — umgekehrt sorgt das Ausland durch Zolltarife, Kriegs- . zolle, Handelsverträge dafür, daß auf die Dauer keinem Lande Maare abgenommen wird, die es nicht gleichfalls mit Import ausgleichen kann. Und für diesen meinen Satz weiß ich kein besseres und schlagenderes Beispiel, als eben die Wirthschaftsgeschichte Oesterreichs bietet. Denn unser Reich ist nicht nur durch 160 Jahre, nämlich von Karl VI. bis 1860, vollständig abgeschlossen gewesen, sondern auch unser Schutzzollsystem seit 1860 hat, weil es über den educatorischen Zweck hinausgeht, einen prohibitiven Charakter. Dem entspricht auch durchaus das sehr verschiedene Maß, in welchem sich